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Griesgram und Naseweis

07. Jan 15: Die Tragikomödie St. Vincent überzeugt nicht auf ganzer Linie – Bill Murray in der Hauptrolle aber schon | Dobrila Kontić

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Mürrischer (wahlweise auch abgehalfterter) alter Mann, der mit dem Leben eigentlich schon abgeschlossen hat, trifft auf jungen Menschen, der seine Lebensgeister erneut weckt. Dieses tragikomische Muster hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder filmisch bewährt, etwa bei Pixars Oben, Crazy Heart oder Gran Torino, die allesamt die Herzen von Zuschauern und Kritikern erwärmen konnten. St. Vincent, dem prominent besetzten Film von Regieneuling Theodore Melfi, will allerdings der feine Balanceakt zwischen Tragik und Humor nicht so recht gelingen – wie gut, dass Bill Murray in der Hauptrolle diesen Makel zwischenzeitlich vergessen macht.

Ein Griesgram wird mürbe

Denn als alkoholkranker, spielsüchtiger , hochverschuldeter Kriegsveteran Vincent MacKenna macht Bill Murray von Beginn an eine überzeugende Figur: Dass der Glanz in seinen Augen längst erloschen ist, nimmt er schulterzuckend hin – es sind herablassende Bankangestellte, belehrende Barkeeper und skrupellose Schuldeneintreiber, die ihm hier und da noch eine Reaktion entlocken. Griesgrämig wankt er zwischen seinem heruntergekommen Häuschen, dem Wettbüro und der Stammkneipe hin und her. Die Abendstunden verbringt er meist vorm Fernseher mit seiner übergewichtigen Perserkatze, hin und wieder gönnt er sich aber eine Nacht mit der inzwischen hochschwangeren russischen Prostituierten Draka (Naomi Watts in einer Fehlbesetzung). Als der Umzugswagen der neuen Nachbarin Maggie (Melissa McCarthy) einen Schaden an seinem Cabrio verursacht, sieht Vincent das als willkommene Gelegenheit, etwas Geld abzukassieren. Als Maggie ihn dann auch noch aus der Not heraus bittet, auf ihren Sohn Oliver (Jaeden Lieberher) aufzupassen, wittert Vincent die Chance auf ein regelmäßiges Einkommen. Für 12 Dollar die Stunde spielt er fortan nach der Schule den Babysitter für Oliver, einen aufgeweckten und äußerst höflichen Jungen, der nach der Scheidung seiner Eltern noch Probleme hat, sich in der neuen Gegend und in der katholischen Schule einzufinden. Vincent, gegenüber seinen Mitmenschen und allerlei Konventionen generell gleichgültig, nimmt Oliver mit ins Wettbüro, zeigt ihm die Kunst des Nasebrechens und erklärt ihm, weshalb er niemals ein Bankangestellter werden darf. Trotz aller Betonung seines Desinteresses am Zwischenmenschlichen, kommt er nicht umhin, sich mit Oliver allmählich anzufreunden. Eine Freundschaft, die angesichts von Vincents Lebenswandel und dem drohenden Sorgerechtsstreit zwischen Olivers Eltern aber auf wackligen Beinen steht.

Fehlende Balance

Mit dieser Geschichte erfindet Regisseur und Drehbuchautor das tragikomische Rad nicht gerade neu, doch das wäre ihm nicht weiter vorzuwerfen, wäre da nicht die fehlende Balance: Die lustigen Momente in St. Vincent, von denen es einige gibt, schlagen leider immer wieder unvermittelt ins Traurige und dann genauso abrupt wieder ins kalkuliert Anrührende um. Das ist schade, vor allem angesichts der grandiosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller: Bill Murray, inzwischen eine Independent-Ikone, hält sich bei seiner Darbietung gekonnt von leicht bedienbaren Klischees und einem allzu gefälligen Gehabe als cooler Alter zurück, und Jaeden Lieberher spielt den etwas schrulligen Jungen Oliver mit einer bewundernswerten Natürlichkeit. Die Leistungen der beiden retten den Film schließlich auch vor seiner Unausgewogenheit und sorgen zumindest für ein aufrichtig bewegendes Finale.

St. Vincent
Chernin Entertainment, USA 2014
Regie & Drehbuch: Theodore Melfi
Hauptdarsteller u.a.: Bill Murray, Melissa McCarthy, Jaeden Lieberher
102 Min. Dt. Filmstart: 08. Januar 2015

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