Twitter-Spuckbällchen und Frisuren-Vorwürfe
03. Feb 10: Eindrücke von der Social Media Week in Berlin | Dobrila Kontic
Seit dem 1. Februar findet im verschneiten Berlin die Social Media Week statt, zeitgleich zu den Konferenzen in London, New York, San Francisco, São Paulo und Toronto. Phänomene des Web 2.0, alias soziale Netzwerke, das Bloggen und Twittern werden hier von Leuten ‚vom Fach‘ diskutiert und kommentiert. Die Veranstaltungen umfassen Workshops und Konferenzen, die sich mit Social Media im unternehmerischen, öffentlichen und non-profit Bereich auseinandersetzen. Auf zwei vielversprechenden Konferenzen war auch ich unterwegs: Im lauschigen Festsaal Kreuzberg standen um 18 Uhr die Diskussion „Social Media Marketing – Die neuen Spielregeln des Social Web“ und anschließend das freudig erwartete Streitgespräch „Chancen und Risiken von Social Media für Medien, Politik und Gesellschaft“ auf dem Plan.
Zur ersteren Veranstaltung waren illustre Diskussionsgäste vor allem aus dem Marketing-Bereich geladen: Nico Lumma, der Director Social Media bei der bekannten PR- und Werbeagentur Scholz & Friends, Björn Ognibeni, der als freier Berater unter anderem für die ebenso bekannte Agentur Jung von Matt agiert und Volker Gaßner, der als Leiter der PR für Greenpeace den Non Profit-Sektor vertrat. Lediglich Johnny Haeusler, Gründer des freien Weblogs Spreeblick und des dazugehörigen Verlages tanzte aufgrund seiner Unabhängigkeit von großen Unternehmen und NGOs aus der Reihe. Die Diskussion, wenn man diese schleppende Unterhaltung so nennen will, konzentrierte sich weitgehend auf die Möglichkeit der Vermarktung von Produkten über Social Media-Kanäle wie Twitter & Co. Während Johnny Haeusler die Idee einer Nutzung von User-Aktivitäten für die Vermarktung bestimmter Produkte ablehnte, versuchten Nico Lummer und Björn Ognibeni Social Media als aufblühenden, vielversprechenden Zweig im Marketing-Sektor darzustellen. Das Publikum zeigte sich missmutig über das allerseits etwas ratlos geführte Gespräch und bekam, Twitter sei dank, das ideale Forum für seinen Ärger: Hinter dem Diskussions-Podest wurde eine ‚Twitter-Wall‘ projiziert, auf der alle aus dem Saal kommenden Kommentare als Tweets deutlich zu lesen waren (eine Eigenheit, die von der Moderatorin Dörthe Eickelberg später treffend als „Werfen mit Spuckbällchen“ beschrieben wurde). „Super Diskussionsrunde da vorne. Und mit super meine ich scheiße“, monierte etwa einer der Gäste und sorgte damit für spontanes Gelächter im Publikum. „Hoffentlich enthält lila Hemd einen roten Faden für die Diskussion“, wurde die verspätete Ankunft von Björn Ognibeni (im lila Hemd) zu der Runde kommentiert. Aber auch generelle Verweise darauf, dass sich Social Media einfach nicht für Werbezwecke eigne und dies auch gut so sei, erschienen auf der Twitter-Wall. Mit diesen bissigen Kommentaren im Hintergrund hatten es die Diskutierenden sicher nicht leicht, aber ihr Gespräch verlief ohnehin von Beginn an größtenteils uninspiriert und lustlos. Zumindest gelang es Greenpeace-Mitarbeiter Volker Gaßner auf Möglichkeiten der politischen Interaktion durch Social Media hinzuweisen. Er führte den frechen ‚Energie-Riesen‘-Spot des übermächtigen Energieversorgungskonzerns RWE und die aufklärende Video-Antwort von Greenpeace darauf als einleuchtendes Beispiel an.
Was sie sich für die Zukunft des Web wünschten, wollte Moderator Tobias Kaufmann zum Schluss von den Beteiligten wissen. Volker Gaßner plädierte dafür, dass es im Internet im allgemeinen und insbesondere im Social Web politischer zugehen sollte, während sich Johnny Haeusler mit Blick auf die deutsche Blogger-Szene und der darin wütenden Weiterverwertung von bereits Produziertem, „mehr eigene Inhalte“ in Form von Podcasts, Videos und sonstigem „Unfug“ wünschte.
Mit etwas mehr Spannung wurde hingegen das darauf folgende Streitgespräch zu den Chancen und Risiken des Social Web erwartet. Moderatorin Dörthe Eickelberg durfte ja immerhin zwei wohlbekannte Antagonisten begrüßen: Auf der einen Seite der Vertreter des ‚klassischen‘ Journalismus Hajo Schumacher, der seit Jahren als freier Journalist unter anderem für die Deutsche Welle und N24 tätig ist, auf der anderen Seite der Berliner Sascha Lobo, der von der breiten Öffentlichkeit als Repräsentant der Blogger-Szene wahrgenommen wird und mir beim Vorbeigehen auf den Fuß trat. Die zwei positionierten sich bereitwillig und offensichtlich mit Genuss gleich zu Beginn des Streitgesprächs als Kampfhähne. Zu gerne nahm Sascha Lobo Bemerkungen zu seinem feuerroten Irokesen-Haarschnitt entgegen, um gleich darauf auf Hajo Schumachers in die Jahre gekommene goldene Surfer-Mähne hinzuweisen. Nach diesem eitlen Geplänkel ging es aber auch inhaltlich zur Sache. Lobo wehrte sich gegen die harsche Unterscheidung zwischen ‚klassischem‘ und Online- bzw. Blog-Journalismus, während Schumacher zu recht auf den finanziellen Faktor des Qualitätsjournalismus und dessen Unersetzbarkeit durch den ‚Bürgerjournalismus‘ (siehe BILD) einging. Ein Generationenunterschied wurde von den beiden ebenso bereitwillig dargestellt: So sorgte sich Hajo Schumacher um eine Verrohung der Jugend, etwa durch virtuellen Spiele-Wahn (World of Warcraft) und die freie Verfügbarkeit von Videoplattformen wie Youporn, in denen Menschen dargestellt würden, die sich „Schrankwände in diverse Körperöffnungen“ schoben. Diese Sorgen teilte sein jüngerer Diskussionsgegner nicht, schließlich sei Eskapismus ein mit der Jugendzeit seit jeher einhergehendes Phänomen. Das Streitgespräch wurde vom Publikum mit Aufmerksamkeit und Amüsement honoriert, wobei zugestanden werden muss, dass Schumacher und Lobo sich über ihrer Entertainer-Qualitäten durchaus bewusst sind und diese gekonnt einsetzten. Dies blieb unter den kritischen Gästen nicht unbemerkt, die zu den „30plus“-Vertretern und ihrem scheiternden Versuch, über die heutige Jugend zu philosophieren, sowie Sascha Lobos grundsätzliche „Selbstherrlichkeit“ eifrig twitterten und so konstant Contra gaben.
In der Gesamtbetrachtung lässt sich zu diesen beiden Veranstaltungen der Social Media Week feststellen, dass die dargestellten Themen zwar von aktueller Brisanz sind und hierzulande vielfach Interesse wecken, aber die generelle Diskussion von Social Media-Phänomenen und ihren vielfachen Auswirkungen und Anwendungsmöglichkeiten noch konkretisiert werden muss. Vor allem in Bezug auf die Zukunft des Journalismus und den neu entfachten Zensurwahn und Datenhandel im Netz herrscht Klärungsbedarf. Eine Aufgabe, die eine einwöchige Social Media-Konferenz natürlich nicht erfüllen kann.
| Social Media Week Berlin vom 1. bis 5. Februar 2010 |
| www.socialmediaweek.org/berlin |

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