Gedächtnis ohne Erinnerungen
23. Nov 11: S.J. Watsons beeindruckender Thriller Ich.darf.nicht.schlafen. | Desirée Bea Cimbollek
Stellt euch vor, ihr wacht morgens neben einer unbekannten Person auf, geht ins Bad und beim Händewaschen bemerkt ihr plötzlich, dass ihr mehr Falten habt als sonst, dann blickt ihr in den Spiegel und erkennt euer eigenes Gesicht nicht mehr, weil über 20 Jahre eures Lebens vergangen sind, ohne dass ihr es bemerkt habt. Mit diesem Schicksal muss die Hauptfigur aus Ich.darf.nicht.schlafen., Christine Lucas, jeden Tag leben. Dank ihres Mannes Ben und den wenigen Bildern in ihrem Haus in London muss Christine immer wieder aufs Neue erfahren, wer sie überhaupt ist und dass ein Autounfall dazu geführt hat, dass sie unter einem schlimmen Gedächtnisverlust leidet, denn sobald sie nachts wieder einschläft, wird jede bisherige Information automatisch gelöscht. In diesem Sinne tauchen ständig neue Fragen auf: Wer ist Dr. Nash, der sie jeden Morgen heimlich anruft, um sie daran zu erinnern, dass sie ein Tagebuch führt? Was macht eine rothaarige Frau in ihren plötzlichen Flashbacks? Warum hat sie den Eindruck, Ben nicht völlig vertrauen zu können? Aber vor allem: Was ist wirklich passiert?
Der Roman, geschrieben von dem in dem Studienprogramm für Kreatives Schreiben der Faber Academy aufgenommenen Schriftsteller Steve Watson, wird in der Ich-Form aus der Perspektive der Hauptperson dargestellt und ist in drei gut überschaubare Teile gegliedert. Metaphorisch gesehen ähnelt die Struktur des Buches einem langen Satz, den man ohne die in Klammern gesetzten Erklärungen nur schwer versteht. Auf diese Weise vertieft sich das Publikum von der ersten Seite an in die außerordentlich spannenden Passagen, in denen die verstreuten Puzzleteile aus kurz eingebundenen Erinnerungen, Notizen und Entdeckungen nach und nach wieder ein gesamtes Bild ergeben.
Beim Lesen dieses Thrillers ist es fast unmöglich, nicht an Christopher Nolans Film Memento (2000) zu denken, denn auch hier wird ständig die eigene Identität in Frage gestellt und unter der Qual gelitten, wem man vertrauen darf und wem nicht, womit also aufgeschriebene Erfahrungen und Fotos zu dem fast einzigen Leitfaden der Geschichte werden. Und gerade das macht dem Leser manchmal zu schaffen, denn auch wenn die Geschichte in einem leichten und verständlichen Stil mit chronologischem Verlauf geschrieben ist, leidet der Leser des Öfteren unter bestimmten Wiederholungen, die zwar für die Geschichte logisch sind, jedoch den Lesefluss manchmal etwas lähmen.
Nichtsdestotrotz versetzt sich der im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (NHS) berufserfahrene Autor sehr realistisch in die Haut des amnesiekranken Opfers, das verzweifelt versucht, seine eigene Wahrheit zu entdecken. Es handelt sich hier um ein atemberaubendes und faszinierendes Buch mit spannendem Ende, welches weltweit in über 30 Sprachen übersetzt worden ist und nun in Hollywood verfilmt wird.
| S.J. Watson: |
| Ich.darf.nicht.schlafen. |
| Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann |
| Scherz Verlag (S.Fischer Verlag), Frankfurt am Main 2011 |
| 396 S. 14,95 Euro |

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