Inhalt:

Wenn Gummi Gas gibt

15. Sep 10: Rubber - Eine Groteske über den Film an sich mit Robert, dem Autoreifen | Martin Müller

Flash is required!

Am 25. August ging das diesjährige Fantasy Filmfest in Berlin mit neuem Zuschauerrekord glorreich zu Ende. Im ausverkauften Kinosaal wurde den geneigten Fans dafür auch ein ganz besonderer Abschluss bereitet, denn was es dort zu sehen gab, war ebenso verblüffend wie grenzwertig. Aber wenn man bedenkt, dass ein Musiker zur Kamera greift und dieses Werk es dann auch noch ins Programm vom FFF schafft, kann das nur eine filmische Grenzerfahrung bedeuten. Vor allem wenn wir uns das kleine gelbe Etwas vergegenwärtigen, das sich uns 1999 mit dem wohl unvergesslichen Song „Flat Beat“ ins Hirn einbrannte, lässt sich erahnen, was da auf uns zu kommt. Die Rede ist natürlich von Quentin Dupieux, alias Mr. Oizo, der Regie führte, das Drehbuch schrieb und natürlich den Soundtrack machte für sein Erstlingswerk Rubber. Und gleich vorweg, der Hauptdarsteller ist ein Autoreifen! – Ja, richtig gelesen, ein Autoreifen, aber ganz bestimmt kein gewöhnlicher, denn dieser hier hat telekinetische Fähigkeiten zum Töten und er ist sauer.

Und dies tut er dann auch mit größter Begeisterung, denn der kleine ist verliebt in Sheila (Roxane Mesquida), die gerade durch die Wüste auf dem Weg zu ihren Eltern ist. Robert, der Reifen, nimmt die Verfolgung auf und lässt jeden den Kopf verlieren, der sich ihm und seinem Ziel, Sheila, in den Weg stellt. Doch gibt es hinter dieser eigentlichen Handlung noch eine zweite Ebene, die als Kommentar zum Film als Ganzes fungiert. Bereits der Anfang ist so ungewöhnlich wie verwirrend, denn aus dem Kofferraum eines Autos, mitten in der Wüste steigt ein Sheriff Chad (Stephen Spinella), lässt sich vom Fahrer ein Glas Wasser reichen und klärt uns über grundlose filmische Eigenheiten auf, schüttet danach das Glas aus und steigt wieder in den Kofferraum. Dann schwenkt die Kamera auf eine Gruppe von Menschen, die als Publikum dem Gehörten lauschten und nun bewaffnet mit Ferngläsern die Geschichte unseres Autoreifens verfolgen. Betreut werden sie von einem seltsamen Typen, der schließlich die Meute vergiftet, damit die Handlung und somit auch der Film enden können, nur konnte sich einer dem entziehen. So läuft zum Entsetzen von Sheriff Chad der Plot weiter, obwohl er zuvor versucht hatte, seine Kollegen davon zu überzeugen, dass doch alles nur fake ist.

Dieser Film oder auch Anti-Film ist etwas ganz besonderes, das es nicht alle Tage zu sehen gibt. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass sich hierin nicht nur ein Konzept- sondern vielmehr ein Experimentalfilm verbirgt. So absurd die Vorstellung eines Autoreifens als Hauptdarsteller auch wirken mag, es funktioniert. Ungeniert lässt dieses Ding alles Mögliche explodieren, hauptsächlich Menschen, und rollt sich seinen Weg durch den Film. Aber der eigentliche Coup dahinter ist die Einbettung eines Publikums in den Film, der solange weiterläuft, bis auch der letzte Zuschauer das Zeitliche gesegnet hat. So entsteht eine völlig paradoxe Ebene aus real und einer eigentlich irrealen Handlung des filmischen Plots, die aber nebeneinander in einer surrealen Welt parallel ablaufen. Eine solche Inszenierung ist nicht nur grotesk sondern auch wahnsinnig komisch wie unterhaltsam, auch wenn in aller Ausführlichkeit die Erweckung eines Reifens mit schier endlosen Nahaufnahmen ins Absurde geht. Dupieux beweist mit diesem Film, dass es nicht immer Logik und Gründe für eine Geschichte geben muss, sondern aus der grundlosen Leere fesselnde Unterhaltung entstehen kann. Wer sich aber nach einer Moral oder ins sich geschlossenen Handlung sehnt, sollte Rubber meiden, denn dies ist nur ein großartiger zynischer Kommentar zur Filmindustrie.

Offizielle Website zum Film

Rubber
Rubber Films, Frankreich 2010
Regie und Drehbuch: Quentin Dupieux
Hauptdarsteller u.a.: Wings Hauser, Stephen Spinella, Roxane Mesquida
85 Min. Dt. Filmstart: unbekannt

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Kino & TV:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: