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Die Kunst des Harpunierens

25. Aug 10: Islands Beitrag zum Fantasy Filmfest als therapeutische Ersatzjagd arbeitsloser Walfänger im Reykjavik Whale Watching Massacre | Martin Müller

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Es gibt ja Filme, die sich einem derart ins Gedächtnis einbrennen durch ihre starke Wirkung, obgleich nicht immer gesagt ist, dass diese in jedem Fall auch besonders gut oder gar grandios geartet waren. Daneben gibt es jedoch eine Vielzahl an Produktionen, die einfach durch plätschern und hohl durch das Unterbewusstsein wandern, als ob die im Kino verbrachten mindestens neunzig Minuten niemals passiert wären. Doch gibt es noch eine weitere Kategorie, die weder heftige Gefühlsregungen produziert noch einfach so an einem vorbeizieht, wie die Landschaft bei einer Zugfahrt. Zurück bleibt nur eine gewisse Ratlosigkeit, die nicht weiter greifbar ist. So wirken die in Reykjavik Whale Watching Massacre gezeigten Landschaftsszenen der rauen Wildheit voll wunderschöner Natur der isländischen Insel nach, aber die abgehandelte Story bleibt schlicht auf der Strecke. Natürlich hört man kritische Horror- und Splatterverächter raunen, laufen solche filmischen Ergüsse nach einem gewissen Schema ab, wobei weniger eine konkrete Handlung als mehr die Art und Weise des Massakrierens im Vordergrund steht. Nur ist hier einzuwenden, dass sich Regisseur Julius Kemp durchaus einige unerwartete Kniffe hat einfallen lassen.

So treffen unterschiedliche Charaktere aufeinander, als sie zusammen eine Tour zum Wale Beobachten unternehmen wollen. Da wäre zum einen ein Paar aus Japan mit ‚Dienerin‘ Endo, drei skandinavische Powerfrauen, zwei Engländerinnen, der ‚Quotenschwarze‘ Leon und zu guter Letzt auch noch ein Franzose, dessen Manieren im Dauersuff irgendwo in den isländischen Fjorden verloren gegangen zu sein scheinen. Während der bilderbuchähnliche Kapitän mit weißem Vollbart sich über die nunmehr stolze Haltung der Isländer im Umgang mit der Natur und speziell den Walen auslässt, kommt den etwas erfahreneren Zuschauer schon ein Gefühl, dass nicht alle so froh darüber sind, heutzutage keine Wale mehr jagen zu können. Doch zuvor wird der Kapitän durch einen Unfall harpuniert, der Matrose versucht gleichzeitig eine der Engländerinnen zu vergewaltigen, was durch den besagten Unfall unterbrochen wird. Nachdem der Matrose sich das Elend an Deck besieht, beschließt er kurzerhand zu fliehen und die Touristenmeute allein zurück zu lassen. Aber Rettung naht in einem wortkargen Manne, der die Truppe auf seine kleine Schaluppe lädt und sie vermeintlich in Sicherheit auf sein großes Schiff mitnimmt. Dort warten bereits Mama und Brüderchen, die alles andere als gut auf die Touristen zu sprechen sind. Denn dank ihnen ist der Walfang verboten und nur noch das Beglotzen jener Viecher erlaubt. So machen sie dann halt Jagd auf die Touristen, die nun quer durch das Schiff Schutz suchen. Auffallend ist, wie wenig sie einander unterstützen wollen und getreu dem Motto ‚Jeder ist sich selbst der Nächste‘ nur ihre eigene Haut im Sinn haben. Dabei entwickelt die eher unscheinbare Endo ungeahnte Grausamkeit im Umgang mit ihren Leidensgenossen und sorgt so auch für einige Überraschungen. Nur einer, Leon, entwickelt sowas wie Heldenmut und rettet die beiden blonden Engländerinnen, die aber wenig für einander übrig haben.

Eigentlich ein recht grausames Scharmützel, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet in größter Not auch noch alle untereinander sich im Wege stehen. Das ist aber auch die große Stärke des Films, denn es geht neben aller Brutalität und recht blutreichen Hinrichtungen auch um den Egoismus der Menschen und wie dadurch die Notlage noch schlimmer gerät. Recht einfallsreich wird hier durch Harpunen, Haken und Leuchtraketen sich gegenseitig zu Leibe gerückt und sehr unschön gestorben, aber unterschwellig mit einer ordentlichen Prise Ironie. Sicherlich kommt auch dieser Film nicht ohne einige Kniffe aus, die reichlich vorhersehbar wirken, aber die schrulligen Charaktere bereiten reichlich Vergnügen, so dass man über das ein oder andere hinwegsehen mag. Reykjavik Whale Watching Massacre wird seine Fans finden und das auch mit recht, setzt er sich von anderen Slashern gehörig ab. Aber wirklich etwas Neues bietet auch die isländische Version der Menschenjagd nicht.

Reykjavik Whale Watching Massacre
Kisi Productions, Island 2009
Regie: Julius Kemp. Drehbuch: Sjon Sigurdsson
Hauptdarsteller u.a.: Pihla Vitala, Nae, Terence Anderson
90 Min. Dt. Filmstart: unbekannt

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