Die Demontage der heilen Welt
03. Nov 09: Rammsteins neues Album „Liebe ist für alle da“ | Martin Müller
Zensierte Version!
Bekannt als deutsche Band des zwielichtigen Geschmackes mit leichtem Hang zum Spiel mit dem ‚Deutschtum‘ und vielleicht deshalb im Ausland so erfolgreich, melden sich Rammstein mit neuem Album "Liebe ist für alle da" zurück. Natürlich gleich mit einem handfesten Skandal, der sich um das neue Video der Berliner zu der ersten Single „Pussy“ wegen seines pornografischen Inhalts auftat. Nur PR oder doch reine Gesellschaftskritik? Die Kritik diskutiert noch und Rammstein haben wieder das erreicht, was beabsichtigt scheint: Aufmerksamkeit.
In diesem neuen Werk präsentieren sich Rammstein wieder mit altbewährten Mustern. Martialische Gitarrenriffs, eine Mischung aus schnellen und ruhigen Passagen, Synthie-Elementen und der unverkennbaren Stimme von Frontmann Till Lindemann mit seinem heroischen rollendem „r“. Auch bleiben sie ihrer Vorliebe für brisante Themen treu und widmen so das Album, wie der Titel schon vermuten lässt, der Liebe, oder besser gesagt, deren Abgründen. In gewohnt metaphorischen Texten werden die Abarten der Liebe, der Lust und Perversionen dargeboten, zu deren Obmännern sie sich scheinbar auserkoren haben. In „Haifisch“, „B******“ und im Titelsong „Liebe ist für alle da“ wird sodann der Schulterschluss mit allen geschlossen, die ihre Existenz im Untergrund der Gesellschaft darben müssen. Eröffnet wird der Reigen zunächst mit einem Choral, der mit Einsetzen von Sänger Till Lindemann in die altbewährte Stilistik übergeht und mit brachialen Gitarren aus dem „Rammlied“ eine Beweihräucherung von Rammstein selbst untermalt. Bescheidenheit ist nicht ihre Stärke und so leiten sie ihre Rückkehr mit: „Nun das warten hat ein Ende, / leiht euer Ohr einer Legende / RAMM - STEIN! / RAMM - STEIN!“ ein. Das darauf folgende „Ich tu dir weh“ beschreibt die Erniedrigung und die Lust daran, mit einem so gar nicht dazu passen wollendem Refrain, in dem Lindemann fast schon sakral klingt. Ganz anders dagegen „Waidmanns Heil“, das nach einem kurzem Bläser-Intro mit heftigen Gitarren und schnellem Tempo nur scheinbar an eine Jagd erinnert, merkt man erst bei „Sie spürt die Mündungsenergie / Feiner Schweiß tropft auf das Knie“ wohin die Reise gehen soll. Einen fahlen Beigeschmack hinterlässt insbesondere das so monströs daherkommende „Wiener Blut“, in dem pädophiler Missbrach aus Sicht des Täters thematisiert wird. Aber auf die Spitze wird das ganze erst bei „Pussy“ getrieben, in dem die blumige Sprache hart an der Grenze der Geschmacklosigkeit rangiert: „Schönes Fräulein Lust auf mehr / Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr / Schnaps im Kopf du holde Braut / steck Bratwurst in dein Sauerkraut“. Doch dann gibt es da noch „Frühling in Paris“. Ein einfaches, sanftes Gitarrenspiel, eine sanfte Stimme, französischen Textpassagen, Harmonien, die sich langsam mit einsetzenden Drums im Fortgang des Stücks immer mehr steigern, bilden eine von Rammstein bisher kaum gekannte Ballade. Eine Entjungferung gerät hier fast schon zu einer schönen Inszenierung.
Es bleibt die Frage, warum man sich in einem ganzen Album solchen Themen widmen muss. Musikalisch ist jedoch das Arrangement mit seiner Mischung aus Metal, Hard-Rock und Industrial-Rock und dem mal sanften und dann wieder sehr brachialen und bisweilen sogar linkisch-verführerischen Gesang sehr gelungen, um diese Themen zu präsentieren. So zeigt sich erneut, dass in Sachen Texte Rammstein ein hohes Maß an Können an den Tag legen. Klar, geschmacklich trifft der Inhalt nicht auf ungeteilte Zustimmung. Sie sezieren vielmehr die Minderwertigkeit als Symptom, die daraus resultierende Gewalt und den Zustand am Rande der Gesellschaft, die ihre Augen davor nur allzu gern verschließt. Denn Liebe und Sexualität haben viele Facetten, die nicht immer schön sind. Politisch? Vielleicht gewünscht. Provokant? – Das allemal!
| Liebe ist für alle da von Rammstein |
| Erschienen: 16.10.2009 bei Universal |
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