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Über die Stimme zum Ausweg

19. Apr 10: Lee Daniels‘ Romanadaption Precious – Das Leben ist kostbar | Dobrila Kontic

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Es ist schwer zu verdauen, was Regisseur Lee Daniels uns in seinem Film Precious – Das Leben ist kostbar vor Augen führt: Ein junges Mädchen, das von ihrer Mutter misshandelt, von ihrem Vater seit frühester Kindheit missbraucht wird und bereits zum zweiten Mal von ihm schwanger ist. Noch dazu ist sie eine stark übergewichtige Analphabetin ohne Zukunftsaussichten. Und trotzdem präsentiert das Drama sich nicht als Mitleid erregendes, rührseliges Lehrstück, sondern lässt die Protagonistin Precious (dt.: wertvoll) ihre Geschichte erzählen – eine Geschichte über den Wert des Lebens.

Harlem, 1987: Claireece Precious Jones (Gabourey Sidibe) ist sechzehn Jahre alt, besucht noch immer die Junior High School und erwartet ihr zweites Kind. Aus diesem Grund muss ihr die Direktorin mitteilen, dass sie von der Schule suspendiert wird, bietet ihr aber zugleich eine andere Chance: Precious kann eine ‚Alternative Schule‘ im Rahmen des Programms „Each one Teach one“ besuchen und ihren High School-Abschluss auf diese Weise nachholen. Diese Chance wird ihr aber erschwert durch die Misshandlungen, denen sie zu Hause ausgesetzt ist. Nicht nur, dass sie jahrelang von ihrem inzwischen nicht mehr daheim lebenden Vater Carl sexuell missbraucht wurde und aus diesem Grund bereits ihr zweites Kind erwartet – Precious wird auch von ihrer Mutter Mary (Mo’Nique) psychisch und körperlich aufs übelste drangsaliert. Über den Missbrauch hat sie bislang mit niemandem geredet, sie flüchtet sich vielmehr während der schlimmen Erlebnisse in Tagträumereien, in denen sie ein glamouröses, aufregendes Leben führt und einen gut aussehenden Freund hat. Erst in der Klasse von Miss Rain (Paula Patton), die von ihren Schülerinnen verlangt, ein Tagebuch über ihre Erlebnisse und Wünsche zu führen, schöpft Precious neuen Mut und lernt, ihren Gefühlen in der Realität eine Stimme zu verleihen. Sie macht Fortschritte und nimmt sich für ihren inzwischen auf die Welt gekommenen Sohn Abdul vor, etwas aus ihrem Leben zu machen. Doch kaum ist eine Hürde überwunden, ereilt sie schon eine neue Hiobsbotschaft.

Von der ersten Minute an lässt sich erkennen, dass Lee Daniels‘ Film keine dieser üblichen Erbauungsdramen aus Hollywood ist. Man empfindet zwar Mitleid für Precious, doch das ist nicht das vorherrschende Gefühl, das man für die Protagonistin aufbringt. Vielmehr stellt sich im Verlauf des Films eine Bewunderung für diese junge Frau ein, die jahrelang ihr Leid mit stummer Hilflosigkeit ertragen hat und nun trotz weiterer unzähliger Probleme die Kraft aufbringt, für ein würdevolles Leben für sich und ihre Kinder zu kämpfen. „Zu Beginn ist sie stumm, sie hat keine Stimme und durch die Stimme erwacht sie zum Leben.“ So beschreibt die US-amerikanische Autorin Sapphire, die mit dem 1996 erschienenen Roman Push die Vorlage für den preisgekrönten Film lieferte, das zentrale Motiv dieser Geschichte. Dieses Motiv stellt auch der Film eindrucksvoll dar, indem er durch eine Stimme aus dem Off die junge Precious selbst zu Wort kommen und den Zuschauer auf diese Weise so nah wie möglich an die zerbrechliche Welt der Sechzehnjährigen lässt. Die Besetzung der Rollen tut ihr übriges, um die Geschichte des Films glaubhaft zu erzählen: Ob Gabourey Sidibe, die zu Beginn den Stoizismus und zum Ende hin den Mut ihrer Figur meisterhaft darstellt, Mo’Nique, die den cholerischen Wahn und die destruktive Depression von Mary Jones bis ins letzte Detail verinnerlicht hat oder erstaunlich uneitle Nebendarsteller wie Mariah Carey und Lenny Kravitz – die Darsteller brillieren in allen Facetten ihrer Figuren. Precious wird so zum mitreißenden Drama, das den Zuschauer mit Bestürzung aber auch einer guten Portion Hoffnung zurücklässt. Sehenswert.

 

Precious – Das Leben ist kostbar
Lee Daniels Entertainment, USA 2009
Regie: Lee Daniels. Drehbuch: Geoffrey Fletcher, Sapphire
Hauptdarsteller u.a.: Gabourey Sidibe, Mo’Nique, Paula Patton
110 Min. Dt. Filmstart: 25. März 2010

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