Das Mädchen und der Wald
26. Oct 11: Peter Rocks von einem wahren Fall inspirierter Roman Meine Wildnis | Dobrila Kontić
Wie abschreckend unsere hochtechnologisierte, von der Natur zunehmend entfremdete Zivilisation auf manche Menschen wirken kann, wird uns durch Fälle wie diese vor Augen geführt: Im Jahr 2004 wird die Polizei durch den Hinweis eines Joggers auf einen Mann und dessen Tochter aufmerksam, die bis zu diesem Zeitpunkt vier Jahre lang im Stadtwald von Portland, Oregon, gelebt haben. Das 13jährige Mädchen – für ihr Alter überdurchschnittlich gebildet und gesund – und sein Vater werden den Behörden übergeben, die sie sachte wieder an die Zivilisation heranführen wollen. Die beiden werden auf einer Pferdefarm angesiedelt, der Vater soll hier arbeiten und das Mädchen bald die Schule in der Umgebung besuchen. Zwei Wochen lang geht das gut – doch dann verschwinden die beiden spurlos und bis heute weiß man nichts über ihren Verbleib. Diese unglaubliche, aber wahre Geschichte faszinierte den amerikanischen Autor Peter Rock dermaßen, dass er sie in seinem Roman Meine Wildnis verarbeitete, der gänzlich aus der Sicht der 13jährigen Caroline geschildert wird – eine Perspektiveinschränkung, die zwar einige intensive Einblicke in die Gefühlswelt einer unter ungewöhnlichen Umständen Heranwachsenden zulässt, den Leser aber auf Dauer ermüdet.
Caroline ist eins mit der Umgebung, die seit vier Jahren ihr Zuhause ist. Sie kennt ihren Wald, den Stadtwald von Portland, in- und auswendig, weiß um die Mysterien seiner wuchernden Natur und die Geschöpfe, die in ihm leben. Neben den Tieren sind das auch einige Obdachlose, die sich im Wald unerlaubter Weise ihre kümmerlichen Quartiere eingerichtet haben und der Witterung trotzen. Caroline und ihr Vater – ein vom jahrzehntelang zurückliegenden Vietnamkrieg noch immer verfolgter Emerit – halten sich von den meisten Menschen fern, leben in einem kleinen Versteck und suchen die Stadt nur gelegentlich auf, um ihre wenigen Vorräte anzuschaffen. Caroline fühlt sich wohl in ihrem Wald, auch wenn ihr manchmal die Nähe von Gleichaltrigen fehlt. Und so scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie diesen einen Fehler macht, der einen Jogger auf sie aufmerksam werden lässt. Bald schon entdeckt die Polizei ihr sorgsam verstecktes Lager und Caroline und ihr Vater werden den Behörden überstellt. Für die 13jährige scheint dies das Ende ihres bisherigen Lebens zu sein und nur widerwillig stellen sie und ihr Vater sich auf die neue Situation ein – ein Leben auf einer Farm, umgeben von Menschen, die ihre Geschichte nicht fassen können. Die Flucht der beiden soll alles wieder ins Lot bringen, ihnen ihr früheres Leben, frei von gesellschaftlichen Erwartungen zurückgeben, doch diese Flucht führt Caroline schließlich nur die Unumkehrbarkeit gewisser Ereignisse schmerzhaft vor Augen.
Die Stärken von Meine Wildnis liegen vor allem in den ersten Kapiteln. Dort entführt uns Peter Rock mit der einfühlsamen Schilderung aus der Sicht einer 13jährigen in eine Welt, die uns vom hecktischen Alltag Gebeutelten zugleich fremd und seltsam vertraut erscheint. Die Einheit, die Caroline mit ihrer Umgebung bildet und das pubertäre Erwachen einer völlig neuen (Gefühls-)Welt in ihr selbst machen zu Beginn den besonderen Reiz an Rocks Roman aus. Doch im weiteren Verlauf der Geschichte verursacht die Beschränkung auf diese eine Erzählerstimme zunehmend Überdruss, vor allem dann, wenn brisante Wahrheiten nur angedeutet, eine zu erwartende Enthüllung schnell wieder vertuscht wird und schreckliche Ereignisse überblendet werden. Natürlich kann man davon ausgehen, dass dieser eingeschränkte Blickwinkel von Peter Rock bewusst gewählt wurde, doch das Ergebnis – ein in der zweiten Hälfte im Spannungsbogen rapide abflauender Roman – legt den Verdacht nahe, dass Rock hier die Mühe einer multiperspektivischen Schilderung zu Ungunsten einer eigentlich interessanten Geschichte gescheut hat.
| Peter Rock: |
| Meine Wildnis |
| Übersetzt aus dem Englischen von Stephan Kleiner |
| Dumont, Köln 2011 |
| 252 S. 19,99 Euro |

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