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Arme reiche Jugend

15. Oct 09: Nick McDonells Debütroman Zwölf | Dobrila Kontic

Reiche Teenager üben schon seit langem eine Faszination aus, die sich die Medien gerne und überaus erfolgreich zu Nutzen machen. Man denke nur an Fernsehserien wie Beverly Hills 90210: Eine Serie, die in den 90er Jahren so erfolgreich junge Menschen vor den Fernsehschirm lockte, dass es nun eine Neuauflage mit den gleichen Zutaten gibt – junge, attraktive Schauspieler, die steinreiche, umwerfend gekleidete Teenager spielen und so als Inspiration für die finanziell meist minderbemittelten Teenies daheim fungieren sollen. Auf die (Erfolgs-)Spitze treibt dieses Prinzip momentan die US-Serie Gossip Girl, in der Manhattans Schickeria-Teenies als rücksichtslose, konsumsüchtige und stets perfekt gestylte Wesen durch noch prächtigere Kulissen wandeln. Doch dort wo Gossip Girl aufgrund des im Vordergrund stehenden Zickenterrors seiner Protagonistinnen nicht weiter ins Detail geht, wird es gerade erst interessant – nämlich in der Frage, ob solch eine im materiellen Überfluss verlebte Jugend nicht auch ihre Schattenseiten hat. Ein wenig Licht ins Dunkel bringt Nick McDonell mit seinem viel und völlig zu Recht gelobten Debütroman Zwölf (2002).

White Mike, der Protagonist dieses Romans, ist ein junger aus vornehmem Hause stammender Drogendealer, der sich nach seinem Schulabschluss erst einmal eine Auszeit nimmt, um die Kinder wohlhabender Eltern in Manhattan mit Marihuana, Kokain und mit der titelgebenden Droge „Twelve“ zu versorgen. Dass diese neuartige Droge „bad news“ bedeutet, wird dem drogenabstinenten White Mike schnell klar, aber noch viel klarer zeichnet sich in diesem Roman ab, worauf das ohnehin trostlose Leben einiger reicher Jugendlicher in diesen fünf letzten Tage eines Jahres in Manhattans Upper East Side zusteuert. Eine Reihe von wohlhabenden Teenagern wird vorgestellt, deren unterschiedliche Geschichten und Gedanken durch den stetig durch die Straße wandernden White Mike verbunden werden. Da wäre Hunter, der die Tage nach Weihnachten unschuldig in Untersuchungshaft verbringt, weil seine Eltern mal wieder auf Reisen und telefonisch nicht erreichbar sind. Oder Jessica, eine vielversprechende Vorzeige-Schülerin, die sich die immer größer werdenden Rationen der neuen Droge schließlich mit ihrem bis dato noch jungfräulichen Körper finanziert. Oder Claude, zu dessen rasanter Drogenkarriere sich binnen Tagen ein folgenschwerer Waffenwahn gesellt.

All diese hoffnungslosen Gestalten eint eine Jugend, die geprägt ist von der Abwesenheit der reichen aber unbekümmerten Eltern, regem Drogenkonsum und einer großen Leere. Durch ebendiese Lebensumstände erscheinen für die Teenies in Zwölf die üblichen pubertären Ängste und Unsicherheiten noch um ein Vielfaches vergrößert. White Mike scheint in diesem multiperspektivischen Roman wie eine weise Figur über den Geschehnissen zu schweben: Durch seine Abstinenz und seine schmerzhafte Einsicht in die kalte Oberflächlichkeit dieser Lebensart verfolgt er die Ereignisse teilnahmslos und tief bekümmert zugleich, bis zu der Silvesternacht, in der diese Jugend ein unerwartetes und unheilvolles Ende findet.

Vom Glitzer und Glamour, den Fernsehserien wie Gossip Girl ausstrahlen, ist Zwölf weit entfernt. Vielmehr offenbart sich in diesem drastischen und mitreißenden Roman das von vielen bewunderte Leben der wohlhabenden Upper East Side-Jugend als kalt, leer und hoffnungslos. Und es stellt sich ein Gefühl ein, das sich deutlich von dem wohlbekannten Neid unterscheidet, den die funkelnden Teenie-Serien bewusst einkalkulieren: Mitleid.

Nick McDonell: Zwölf. Roman
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003
240 S. 7,95 Euro

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