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Ein Programmkino mit Zukunft

30. Jun 16: Neueröffnung des Berliner Programmkinos Eiszeit: Bericht und Q&A mit dem Betreiber Burkhard Voiges | Dobrila Kontić

Das Eiszeit in Berlin-Kreuzberg ist ein Programmkino mit langer Tradition: 1982 wurde es als Projektraum von Dokumentarfilmern in einem besetzten Haus in Schöneberg gegründet. Nach dortiger Räumung zog es 1985 in die Zeughofstraße 20 um, wo es sich fortan als kleines Filmhaus mit Wohnzimmeratmosphäre und alternativem Programm etablieren konnte: Anspruchsvolle Dokumentarfilme, Experimentelles und Genre-Blüten gab es hier zu sehen – im Februar 2015 wurde es gar zum Abspielort für die Berlinale-Sektion Berlinale goes Kiez. Einige Monate später schloss es seine Pforten, um innerhalb des Hauses umzuziehen und umzubauen. Die Wiedereröffnung war für Oktober 2015 angesetzt. Doch, wie in Berlin üblich, gab es Komplikationen bei den Umbauarbeiten, in deren Verlauf das Eiszeit zwischen die Fronten eines Kampfs gegen Gentrifizierung geriet. Nach entsprechender Verzögerung kann es heute seinen Betrieb wieder aufnehmen – mit einem zukunftsfähigen Konzept für diese Zeit, in der Kino an Relevanz einzubüßen droht.

Die Krise als Chance

Dass das Eiszeit-Kino vor großen Veränderungen stand, zeichnete sich im Jahr 2014 ab: Nachdem Suzan Beermann, die langjährige Betreiberin des Eiszeit, die Geschäfte den erfahrenen Programmkino-Machern Rainer Krisp und Burkhard Voiges übertragen hatte, wurde das denkmalgeschützte Haus in der Zeughofstraße von einem Münchener Rechtsanwalt aufgekauft. Dieser hatte vor, das Gebäude grundlegend zu sanieren. Für Krisp und Voiges zunächst kein Grund zur Besorgnis: Die Immobilie hatte in den vergangenen Jahren schon einige Eigentümer, war im zunehmend begehrten Kreuzberg zum Spekulationsobjekt geworden. „Jeder neue Eigentümer hat uns klargemacht, dass das Kino aus dem ersten Stock im 2. Hof zu verschwinden habe, weil es den Loft-Frieden stören würde“, hieß es im Eiszeit-Blog hierzu. Ein langfristiger Mietvertrag schützte das Eiszeit stets vor Verdrängung, dennoch wurde mit jedem Besitzer über einen Umzug innerhalb des Hauses verhandelt. Im jüngsten Fall mit Erfolg: Das Kino durfte bleiben und in die Ladenzeile im Erdgeschoss umziehen. Über eine Fläche von 750 Quadratmetern, drei Kinosäle und direkten Zugang zur Straße würde es hier verfügen. Dafür mussten die Kellerräume tiefergelegt, das Fundament unterm Vorderhaus verstärkt und schließlich das Erdgeschoss renoviert werden – ein enormes Bauvorhaben für ein Kino, das bis dahin durch seine Wohnzimmer-Atmosphäre bestach.

Zugang zum alten EISZEIT | ©INDIEKINO Berlin

Zwischen den Fronten

Im März 2015 begann der Umbau und das alte Eiszeit schloss seine Pforten in der Hoffnung, bereits im Oktober desselben Jahres neu eröffnen zu können. Doch die Bauarbeiten zogen sich in die Länge. Ein Grund dafür war, dass das Eiszeit zwischen die Fronten eines erbittert geführten Kampfs gegen Verdrängung geriet: Den Altmietern in der Zeughofstraße war vom neuen Hauseigentümer noch Anfang 2015 eine „behutsame“ Modernisierung versprochen worden. Doch bald darauf flatterten Briefe mit konkreterem Inhalt in ihre Briefkästen: Das Vorderhaus sollte saniert, die Miete anschließend verdreifacht werden. Die Bewohner weigerten sich die Modernisierungsduldung zu unterschreiben, schalteten das Bezirksamt ein. Der neue Eigentümer setzte Bauarbeiten durch, in deren Verlauf die Schornsteinzüge und damit auch die Ofenheizungen der Mieter stillgelegt wurden.

Trotz ihrer Einigung mit dem Eigentümer ärgerten sich Krisp und Voiges über dessen konfrontatives Vorgehen gegen die Bewohner, kritisierten es als „unerträglich“ und „nicht hinnehmbar“ im Eiszeit-Blog. Zudem behinderte dieser Streit auch ihre eigenen Bauarbeiten massiv, wie Rainer Krisp vor ein paar Monaten bei einem Rundgang durch die renovierten Räumlichkeiten darlegte: Viele Leitungen des Kinos konnten nicht im ganzen Haus verbaut werden, weil die Bewohner aufgrund ihres Sanierungswiderstands keine Handwerker in ihre Wohnungen ließen.

Kinotresen im neuen EISZEIT

Kino als Erlebnis

Dass Voiges und Krisp trotz der massiven Verzögerung beim Umbau am Ball blieben, ist wohl der klaren Vision zu verdanken, die sie für das neue Eiszeit hatten: „Wir wollen wieder Power ins Kino bringen!“, brachte es Krisp während des Rundgangs auf den Punkt. Er erinnere sich gern an die Zeit vor 30 Jahren zurück, als er und seine Freunde in Hamburg ins Kino gingen, ohne vorher zu wissen, was auf dem Programm stand. Auf diese Zeit wollten sich Krisp und Voiges zurückbesinnen: Das eigensinnige Programm des Eiszeit soll künftig durch ein breites Veranstaltungsprogramm ausgebaut werden: Kurzfilmnächte, eine Reihe zum „Kulinarischen Kino“, ein monatliches Dokumentarfilm-Special. Für dieses Konzept steht ihnen nun eine größere Fläche zur Verfügung: Im großen Foyer gibt es ein kleines Bistro, zudem gibt es eine abgetrennte Raucherbar, die in dunklem Rot und Holzpanelen bekleidet, uriges Flair verbreitet.

Das neue Eiszeit soll auf diese Weise mehr als ein Abspielort werden: „Unser Anspruch ist es, das Kino zu einem Kommunikationsort weiter zu entwickeln. Also nicht nur rein, an der Kasse ein Ticket lösen und nach dem Film an der Schlange für den nächsten Film vorbei. Wir wollen Gelegenheiten bieten im Kino über Filme zu reden“, so Burkhard Voiges. Dies sei nötig, um das heutige Publikum vom Sofa zu locken, von wo es sich heute bequem Filme über Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon Prime anschauen kann.

Sitzgelegenheiten im Bistro des neuen EISZEIT

 

Die Zukunft des Kinos

Hinter der Strategie fürs neue Eiszeit steckt weit mehr als der Versuch nach einer über einjährigen Schließung wieder Fuß auf dem Berliner Programmkinomarkt zu fassen. Krisp und Voiges haben in den letzten Monaten im Eiszeit -Blog offen darüber reflektiert, ob Kino überhaupt noch eine Zukunft habe – eine Frage, die die gesamte Branche seit Jahren umtreibt. Zwar hat die Filmförderungsanstalt FFA zum deutschen Kino-Jahr 2015 einen Rekordumsatz von fast 1,17 Milliarden Euro vermeldet. Doch 38 Prozent der Kinotickets wurden für TOP 10-Filme erworben, die vorrangig aus gigantischen Blockbustern wie Star Wars und Jurassic World oder Fortsetzungen wie Fack ju Göhte 2 bestanden. An dieser Konzentration des Publikums auf große Produktionen, Sequels und Reboots trägt die sogenannte ‚Filmflut‘ der vergangenen Jahre eine Mitschuld: Während 1995 noch im Schnitt 5 bis 6 Filme pro Woche in den deutschen Kinos neu anliefen, waren es im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viele. 11 bis 12 Filme konkurrieren aktuell wöchentlich um die Aufmerksamkeit des Kinopublikums, wobei Filme mit kleinerem Marketingbudget und ‚sperrigeren‘ Themen, wie sie Programmkinos gern zeigen, häufig das Nachsehen haben.

Genau solchen Filmen will sich das Eiszeit künftig beherzt zuwenden – mit einem auf Nachhaltigkeit bedachten Programm und einem vielfältigen Veranstaltungsprofil für ein Publikum, das die Möglichkeiten zum Verweilen und zum regen Austausch über Film schätzt. Ein stimmiges Konzept, dem man nur Erfolg wünschen kann.

Eiszeit Kino
Zeughofstr. 20
10997 Berlin-Kreuzberg
Link zur Website
Öffnungszeiten:
Mo-Fr: 12.00 Uhr – 23.45 Uhr
Sa-So: 09.30 Uhr – 23.45 Uhr

„Weil es Kinofilme nur im Kino geben kann“

Q&A mit Eiszeit-Betreiber Burkhard Voiges zu den Herausforderungen des Programmkinomarkts und den Plänen zur Neueröffnung

culturshock.de: Herr Voiges, der deutschen Filmförderungsanstalt FFA zufolge war 2015 mit 1,167 Milliarden Euro Umsatz das bislang erfolgreichste deutsche Kino-Jahr. Wie beurteilen Sie diesen Befund aus Ihrer Perspektive als Programmkinobetreiber?

Burkhard Voiges: Die Darstellung der FFA ist leider recht undifferenziert. Für den Erfolg waren einige wenige Blockbuster zuständig, der Programmkinomarkt hat zwischen 10 und 15 Prozent verloren.

Im vergangenen Jahr war in einem kritischen Blog-Beitrag des Eiszeit von einer „nahezu gleichgeschalteten“ und weichgespülten Filmkunst in den Programmkinos die Rede. Worin sehen Sie die Gründe für einen derartigen Wandel des Programmkinos?

Als Folge der Digitalisierung werden seit einigen Jahren immer mehr Filme produziert und in die Kinos gedrückt. Durch die Masse sinkt auch die Qualität und Sorgfalt der Herausbringungskonzepte der Verleiher. Das Verleihgeschäft wird immer unsicherer und spekulativer. Die Bereitschaft große Budgets für Marketing und Pressearbeit aufzustellen sinkt. Nur die großen Projekte können noch gut ausgestattet werden. Das ganze führt dazu, dass immer mehr kleine und feine Filme nicht mehr vom Publikum wahrgenommen werden und nicht mehr für ausreichend Umsatz sorgen. Die Kinos reagieren indem sie auf die scheinbar sicheren Filme mit großen Namen dahinter, auf zuverlässige Verleiher setzen und auf bestimmte Genres und Themen wie Krieg und Gewalt, Tod, Psycho und so weiter verzichten, weil das „keiner sehen will“.

Haben Sie Verständnis dafür, dass Programmkinos in ihrer Filmauswahl mitunter zu Überlebenszwecken mehr auf kommerzielle Publikumswirksamkeit als auf Anspruch setzen?

Im letzten Jahr haben diejenigen Programmkinos weniger Besucher verloren die Spectre oder Fack ju Göhte eingesetzt haben. Auch Honig im Kopf und Er ist wieder da wurden häufig eingesetzt. Die Kinos, die keinen dieser Filme im Programm hatten, hatten einen 15 Prozent geringeren Jahresumsatz zu melden. Von daher habe ich Verständnis dafür, solche Filme einzusetzen. Ich halte es allerdings langfristig gesehen für einen Fehler, weil das Publikum sich nicht mehr auf eine bestimmte Qualität im Kino verlassen kann. Diese Qualität macht bisher immer noch den Unterschied zwischen Programmkinos und Multiplexen aus.

Wie sieht das künftige Filmprogramm des Eiszeit aus? Setzen Sie sich weiterhin für den ‚kleinen‘, ansonsten wenig Beachtung findenden Film ein?

Wir werden natürlich „Brotfilme“ brauchen, die sehen im Eiszeit aber etwas anders aus, als die erwähnten Bond und Co. Darüber hinaus werden wir eine regelmäßige Genre-Reihe aus dem Repertoire anbieten, Filme ohne Verleih aus dem In- und Ausland zeigen, viele Einzelvorführungen und Filmgespräche anbieten. Am Festival-Zirkus beteiligen wir uns nicht.

Zudem möchten Sie neue Veranstaltungsformen erproben – was ist da konkret geplant?

Unser Anspruch ist es, das Kino zu einem Kommunikationsort weiter zu entwickeln. Also nicht nur rein, an der Kasse ein Ticket lösen und nach dem Film an der Schlange für den nächsten Film vorbei und raus. Wir wollen Gelegenheiten bieten im Kino über Filme zu reden. Helfen wird dabei eine anspruchsvolle Küche mit kleinen Speisen und die Möglichkeit Kino und Gastronomie zu verbinden. Stichwort hierfür könnte das kulinarische Kino sein. Ich stelle mir immer vor, der Regisseur steht in der Küche, begrüßt seine Gäste über Kamera im Saal und kündigt an, was er für das Filmgespräch hinterher kocht.

Entsprechen diese Veranstaltungspläne einer Rückbesinnung auf Zeiten, als Kino noch Event-Charakter hatte? Oder eher einer Öffnung für ein verändertes Publikum, das sich nicht mehr so leicht vom heimischen Sofa locken lässt?

Sicher ist es wichtig geworden auf das Bedürfnis nach Events zu reagieren. Das Ereignis soll bei uns aber inhaltlich motiviert sein und nicht nur formal. Es wird also keine Premieren mit Schaulaufen auf roten Teppichen geben. Um die Menschen vom Sofa zu holen, braucht es mehr als nur den Film. Den kann man möglicherweise zuhause bequemer sehen. Wir halten es für entscheidend, dass das Kino zum Kommunikationsort wird. Dazu gehört heute mehr, als nur zusammen mit vielen anderen Menschen in einem Raum zu sitzen.

Im Hinblick auf schrumpfende Auswertungsfenster für Filme und die große Popularität von Streaming-Diensten: Hat das Kino in diesem Zeitalter der Digitalisierung noch Zukunft? Und wie sieht diese vor allem für Programmkinos aus?

Das Auswertungsfenster ist langfristig nicht zu halten. Die Branche verpasst es gerade sich auf neue Geschäftsmodelle vorzubereiten. Eine Möglichkeit für Kinos und viele kleine Filme wäre zum Beispiel der Einsatz im Kino und ein gleichzeitiges exklusives Streamingkonzept für das einsetzende Kino. In der Praxis ist damit gemeint, dass ein Film in einem Kino und gleichzeitig auf dessen Webseite angesehen werden kann. Und damit für einen bestimmten Zeitraum nur über die Kinos erhältlich ist und nicht über die Netflixe dieser Welt. Darüber hinaus braucht das Kino wieder Visionen (echte Kinofilme) und profiliertes und ein zuverlässiges Programm.

Im Hinblick auf die Dynamisierung des Filmmarktes im Zuge der Digitalisierung: Verliert Film durch seine leichte Verfügbarkeit und die Flut an Neustarts an Bedeutung oder ist das Gegenteil der Fall?

Der Kinofilm hat schon lange an Bedeutung verloren. Das liegt an der sinkenden Qualität der Filme. Gut kann man das am Dokumentarfilm sehen. Was da überwiegend ins Kino kommt sind Fernsehdokumentationen oder Unterhaltung der billigen Art. So etwas wie Deutschland von oben oder diese ganzen didaktischen Umwelt- und Bessermenschenfilme...

Wieso lohnt es sich dennoch, für den Erhalt des Kinos und insbesondere des Programmkinos zu kämpfen?

Es lohnt sich, weil es Kinofilme nur im Kino geben kann. Mit dem Sterben der Programmkinos wäre das Ende einer der Weltkünste verbunden.

 

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