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Die musikalische Epik als Konzept

09. Nov 09: Muse' neues Album “The Resistance“ | Martin Müller

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Ich weiß noch ganz genau, als ich das erste Mal ein Video von Muse gesehen habe und wie schwer es war, das Erstlingswerk „Showbiz“ zu bekommen. Es musste erst für mich bestellt werden! So ändern sich die Zeiten. 2000 war das – und heute? Muse haben sich von einem Geheimtipp zu einer Stadien füllenden Rockband entwickelt. Dabei hielt das ‚Big Business‘ sie nicht davon ab, ihre Exzentrik weiter zu entwickeln und so bildet die neue Platte „The Resistance“ einen Höhepunkt ungeahnter Opulenz, die stolz die Bezeichnung als Konzeptalbum vor sich herträgt. Erstmals selbst produziert, frei von Bevormundung und Einflussnahme, im eigenen Studio, konnte sich Frontmann Matt Bellamy geradezu episch entfalten.

Und dies tat er mit nicht weniger als einem Orchester, einem Hooligan-Chor und einer dreiteiligen, selbst so titulierten, Symphonie, was aber eher selbstironisch gemeint ist. Um scheinbar die neue Entwicklung der Band zu dokumentieren, beginnen sie zunächst im konventionellen ‚Muse-Stil‘ mit „Uprising“ und dem folgendem Titelsong „Resistance“, der sich über ein fast schon unheilverkündendes Intro erst langsam zu einem hymnenähnlichen Refrain entfaltet, in dem sie zur Befreiung von Vormundschaft und Unterdrücke aufrufen. Dann, nach dieser wunderbaren Klangatmosphäre, überraschen uns Muse mit „Undisclosed Desire“ - einer sehr an Timbaland erinnernden Nummer, die gänzlich auf Gitarren verzichtet und sich im Elektronikkleid in einer wunderschönen Ballade verliert. Es leitet über in einen ungeahnt vielfältigen Klang aus kühnen Arrangements. Ein Piano mit leichter Melodie, Bellamy stimmt ein und dann bricht es aus, der Chor, das Orchester bis es wieder in einem unschuldigen, sanften Piano-Spiel ausklingt. Anleihen an Queens „Bohemian Rhapsody“ sind unverkennbar, nur mit wesentlich mehr Harmonien. Das Ungetüm „United States Of Eurasia (Collateral Damage)“ spinnt das revolutionäre Thema weiter, erschafft diesen fiktiven Staat im Kampf um Gleichheit und Einheit: „And we know that there is no one we can trust; / Our ancient heroes, they are turning to dust! / And these wars, they can't be won / Does anyone know or care how they begun?” Ebenso reihen sich das kraftvoll düstere „Unnatural Selection” und das schwungvolle „Mk Ultra” in diese Thematik ein. In eine regelrechte Odyssee aus Tempowechseln, hemmungslosen Stilmixen und immer wieder neu aufbauenden Klangsphären, ufert „I Belong To You/Mon Cœur S'Ouvre Á Ta Voix“ zu einer infernalen Liebeshymne aus, die phasenweise schon sehr an Rufus Wainright erinnert. Mit dem wesentlich bescheidener daher kommenden „Guiding Light“ bilden beide herrliche kitschige Liebesbeteuerungen. Doch den Gipfel des Bombast erreichen Muse erst in ihrer Symphonie, die im „Part 1: Overture“ mit seinem dichten Klang, dem wie aus einer anderen Welt kommenden, gar leidenden Gesang, eröffnet wird. Überleitend in ein Klaviersolo gerät „Part 2: Cross-Pollination“ aus diesem ruhigen Intro zu einem anschwellendem Hymnus, der in einem durch die Tonleiter gehendem Klaviersolo wieder endet und so in den melancholischen „Part 3: Redemption“ übergeht. Mit dieser letzten fast schon sanften Eruption klingt diese Symphonie aus. Die kryptischen Texte, die von Endzeit, der Flucht der Menschen von der Erde und der Suche nach Vergebung erzählen, schließen den thematischen Kreis.

Dieses Konzeptalbum ist ein Meisterwerk der Klangwelten, das sich in einem ständigen Auf und Ab zu immer neuen Dimensionen aufbaut. Immer neue Arrangements, neuen Ideen, schier nicht enden wollende Songs und das häufig bemühte Piano sowie der Mix aus Trash, Glam, 80er, Elektro und symphonischen Elementen machen diesen musikalischen Befreiungsschlag zu einem Erlebnis für weit mehr als die Ohren. Selten wurde ein Konzept so vollendet umgesetzt. „The Resistance“ ist eine düstere Science-Fiction-Vision wie sie George Orwell nicht hätte eindrucksvoller gestalten können. Man fragt sich, wohin sich Muse noch weiter entwickeln werden, denn vorerst scheint die Krönung der Exzentrik, des Bombasts und des Übermaßes erreicht zu sein. Doch ehrlich gesagt, bei dem Ideenreichtum, der sich hier auftut, ist sicherlich noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: „ They will not force us / They will stop degrading us / They will not control us / We will be victorious“!

Website von Muse

YouTube-Channel von Muse

The Resistance von Muse
Erschienen: 11. September 2009 bei Warner International Music

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