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Eine Reifeprüfung

15. Sep 16: Jann Kesslers Dokumentarfilm Multiple Schicksale | Dobrila Kontić

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So intensiv auch zu ihr geforscht wird, bleibt für viele Menschen die Krankheit Multiple Sklerose (MS) ein gefürchtetes Mysterium. Weltweit leiden Schätzungen der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft (DMSG) ca. 2,5 Millionen Menschen an dieser noch immer unheilbaren, aber nicht tödlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. In Deutschland gibt es gegenwärtig 122.000 Erkrankte, jährlich werden ca. 2.500 neu diagnostiziert. Viele Zahlen, die aber noch nichts darüber aussagen, wie unterschiedlich die Betroffenen mit den Folgen dieser Erkrankung umgehen, die aufgrund ihres sehr individuellen Auftritts auch als ‚Krankheit der 1.000 Gesichter‘ bekannt ist. Der 20jährige Schweizer Regisseur Jann Kessler hat für seinen Dokumentarfilm Multiple Schicksale sieben MS-Erkrankte begleitet und mit ihnen eingehende Gespräche über ihren Umgang mit dieser Krankheit geführt. Nur eine der Erkrankten konnte sich nicht äußern: Jann Kesslers Mutter, deren Krankheitsverlauf so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr sprechen kann.

Konfrontation

Seit er denken kann, habe seine Mutter Ursula MS, erzählt Regisseur Jann Kessler aus dem Off, während er einen Besuch von seiner Großmutter in der Pflegeeinrichtung zeigt, in der Ursula seit einigen Jahren untergebracht ist. Sie ist bettlägerig, kann nicht mehr sprechen und lediglich ihre weit aufgerissenen Augen zeigen, dass sie tatsächlich wach ist. Jann Kessler spricht in seinem Dokumentarfilm offen aus, dass er lange Zeit kaum Kontakt zu seiner Mutter im Pflegeheim hielt. Zu schmerzhaft musste die Auseinandersetzung mit der Krankheit scheinen, die das Leben seiner Mutter und sein eigenes tief geprägt hat. Als er seine Abschlussarbeit zur Erlangung der Matura (Abitur) vorlegen muss, entscheidet sich der damals 18-Jährige, einen Dokumentarfilm zum Thema Multiple Sklerose zu drehen und sich dem Schicksal seiner Mutter zu stellen.

©Spot on Distribution

Gespräche und Alltag

Die Besuche bei seiner Mutter, Gespräche mit seinem Vater und der Großmutter, die beide den Krankheitsverlauf Ursulas miterlebt haben, sind der Ausgangspunkt für weitere Gespräche mit ebenfalls an MS erkrankten Menschen in der Schweiz. Im Kanton Graubünden besucht er Graziella, eine zweifache Mutter, der das Treppensteigen zu schaffen macht, aber die sich bemüht, die Normalität in ihrer Familie aufrechtzuerhalten. Er trifft die 18jährige Luana, die versucht der Krankheit etwas Positives abzugewinnen, und die 27jährige Melanie, die noch mitten im Verarbeitungsprozess ist, seit ihre Krankheit von einem Jahr diagnostiziert wurde.

Jann Kessler zeigt den von der Krankheit mehr oder weniger belasteten Alltag dieser Menschen. So musste sich Bernadette, die seit 20 Jahren unter der Krankheit leidet, vor kurzem an den Rollstuhl und einen Heimpflegedienst gewöhnen, versucht aber die damit verbundenen Einschränkungen lächelnd zu meistern. Rainer, der mit seiner Frau und zwei Töchtern zusammenlebt, erzählt hingegen sehr offen, warum er ein Leben ohne Selbstbestimmung nicht mehr führen will und Sterbehilfeorganisation in Erwägung zieht. Im Laufe der Dreharbeiten verschlechtert sich sein Zustand rapide.

Entscheidungen und Versöhnung

Multiple Schicksale zeigt mit Aufnahmen aus dem Alltag und den offenen Gesprächen mit diesen Menschen die vielen Ausprägungen von MS und wie unterschiedlich der Umgang mit der Erkrankung ausfallen kann. Jann Kessler lässt die Erkrankten offen über ihr Leben, ihre Hoffnungen und Ängste sprechen, ohne ihre Aussagen in eine bestimmte Richtung zu lenken oder ein vereinfachendes Fazit zu ziehen. Lediglich die Aufnahmen von seiner Mutter und seine Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal scheinen eine klare Botschaft zu enthalten: Dass man die möglichen Folgen dieser Krankheit weder als direkt Betroffener, noch als Nahestehender hinauszögern, sondern sich ihnen frühzeitig stellen und Entscheidungen treffen sollte.

Mit Multiple Schicksale ist Jann Kessler ein wichtiger Dokumentarfilm zum Thema Multiple Sklerose gelungen, der vor allem durch den sehr persönlichen Bezug des Regisseurs überzeugt: Zum Schluss scheint Kessler seiner Mutter nähergekommen und die Furcht vor der Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung überwunden zu haben. Dies alles vermittelt er in einer respektablen Gefasstheit und ohne in tragische Tiefen zu verfallen – was diesen Film umso zugänglicher macht.

Multiple Schicksale
Dokumentarfilm
Künstlerkollektiv Revolta, Schweiz 2015
Regie & Drehbuch: Jann Kessler
85 Min. Deutscher Kinostart: 15. September 2016

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