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Auferlegte Torschlusspanik

11. Feb 17: BERLINALE 2017 – FORUM: Menashe erzählt von einem Außenseiter in einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde in New York | Dobrila Kontić

Sie sprechen jiddisch, die Frauen bedecken ihr Haar mit Perücken, die Männer haben lange Bärte und Schläfenlocken – im Borough Park in Brooklyn, New York, ist eine der größten jüdisch-orthodoxen Gemeinden außerhalb Israels beheimatet. Hier, unter einer nach strengen religiösen Vorschriften lebenden chassidischen Gemeinde, spielt Joshua Z Weinsteins Menashe. Ein stilles Drama, das aufzeigt, wie erdrückend und ausweglos ein Leben in dieser von der Außenwelt scheinbar komplett isolierten Glaubensgemeinschaft sein kann.

Menashe (Menashe Lustig) und sein Sohn Rieven (Ruben Niborski) | © Federica Valabrega

Außenseiter und Rebell

Im Mittelpunkt von Menashe steht der gleichnamige Titelheld: Ein übergewichtiger, grüblerisch dreinblickender Mann mittleren Alters, der zu Beginn des Films zu seinem Job als Kassierer im Lebensmittelgeschäft seines Cousins eilt. Menashe (Menashe Lustig) ist seit einem Jahr Witwer und hätte von sich aus keinen Gedanken an eine erneute Heirat verloren, wenn er nicht von allen Seiten mit diesbezüglichen Angeboten konfrontiert würde und unter besonderem Druck stünde: Sein Sohn Rieven (Ruben Niborski) wächst aktuell in der Familie seines Onkels, dem Bruder von Menashes verstorbener Frau, auf – wie es üblich sein soll, bis Menashe erneut heiratet. Doch Menashe vergraullt jede der ihm dargebotenen chassidischen Heiratskandidatinnen. In einer fast schon amüsanten Szene sagt er einer erst seit vier Monaten verwitweten, dennoch äußerst Heiratswilligen auf den Kopf zu, dass zwischen ihnen keine Chemie bestünde und eine erneute Heirat doch ohnehin nicht sein müsse. Diese reagiert brüskiert – was gäbe es denn anderes im Leben, außer Ehe und Heirat?

Für die ultraorthodoxen Verhältnisse in seiner Umgebung verhält sich Menashe damit geradezu rebellisch. Ohnehin erscheint er hier als wenig geachteter Außenseiter, der die Kleidungsvorschriften nur lose befolgt und durch seinen Widerstand gegen den ihm auferlegten Plan zusätzlich negativ auffällt: So oft er kann, trifft er sich mit seinem Sohn und versucht ihm den in der Tora-Unterricht vermittelten Ernst mit Späßen auszutreiben. Ein Dorn im Auge von Rievens Onkel Eizik, der im Gegensatz zu seinem Schwager ein angesehenes Mitglied der Gemeinde ist. Eizik verdient genügend Geld im Immobiliengeschäft, um seine große Familie zu ernähren, befolgt penibel alle Glaubensgebote und Verhaltensregeln und hat wenig Verständnis für Menashes vergleichsweise chaotisches Dasein. Doch es ist nicht nur der Konflikt um das Wohl von Rieven, der zwischen Menashe und Eizik steht.

Der Sohn schläft, während der Vater mit sich ringt. | ©Federica Valabrega

Befreiung oder Fügung

Weinstein zeigt uns mit Menashe den Alltag in einer religiösen Gemeinschaft, die nur losen Kontakt zu Außenstehenden pflegt. Wie sehr die strengen Glaubenssätze in die individuelle Lebensgestaltung greifen, beschrieb vor einigen Jahren Deborah Feldmann, die als Chassidin in Williamsburg, New York aufwuchs, in ihrem autobiografischen Roman Unorthodox. Sie schilderte darin ihre Erfahrung mit einer arrangierten Ehe und einem bewusst eingeschränkten Bildungsweg, aus dem sie sich schließlich durch Austritt aus der Gemeinde befreien konnte. Der Gedanke an eine Befreiung aus dieser Rigorosität wird in Menashe zwar nicht explizit ausgesprochen, aber eine zunehmende innere Abkehr Menashes von dem einzig ihm bekannten Lebensweg angedeutet. Während in seiner Umgebung über die Lockerung einiger absurder Vorschriften (zum Beispiel das Fahrverbot für Frauen) diskutiert wird, kämpft Menashe mit der Frage, wie er als Außenseiter in dieser Glaubensgemeinschaft ein guter Vater sein kann. Die Entscheidung, die er zum Schluss trifft, muss man nicht für richtig halten, aber dieses äußerst behutsam inszenierte und sehenswerte Drama lässt sie nachvollziehbar erscheinen.

Menashe
USA/Israel 2017
Regie: Joshua Z Weinstein
Drehbuch: Joshua Z Weinstein, Alex Lipschultz, Musa Syeed
Besetzung: Menashe Lustig, Ruben Niborski
81 Min. Berlinale 2017 – Forum

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