Radau im Underground
18. Oct 09: Matias Faldbakkens kalkulierte Provokation Macht und Rebel | Dobrila Kontic
Ein Roman, der von einem abtrünnigen Mitglied des Underground im 21. Jahrhundert namens Rebel handelt, rege Kritik sowohl an der Konsumgesellschaft als auch an der Gegenkultur üben will und noch dazu drastische Tabubrüche begeht; der Fall scheint klar: Matias Faldbakken will mit seinem neuen Werk Macht und Rebel vor allem provozieren.
Zunächst fungiert der Protagonist Rebel auch als Erzähler des Romans und schnell wird deutlich, dass wir es hier mit einem Bilderbuch-Misanthropen zu tun haben: „Alle Menschen, denen ich über den Weg laufe, hasse ich abgrundtief. Ich hasse verflucht noch mal alle. Seit kurzem hasse ich sogar Dinge. Und Geräusche. Das Geräusch, das mich nicht nervt, gibt es gar nicht. Ich finde alles abscheulich. Ungelogen.“ In diesem lebensfrohem Ton geht es dann auch bis zum vierten Kapitel weiter, als schließlich ein allwissender Erzähler sich zu Wort meldet und uns Rebels Schein-Gegenspieler Macht vorstellt.
Rebel leidet darunter, dass er kein Interesse mehr für irgendetwas aufbringen kann und die dadurch entstehende Unzufriedenheit sich nicht einmal von dem Gewinsel anderer Leute unterscheidet, denn davon soll der Roman nach Auskunft des Verlages schließlich auch handeln: „von der Suche nach individueller Freiheit im 21. Jahrhundert“. Diese Suche beginnt für Rebel, als er durch Fotti, einer mit ihm befreundeten Sozialarbeiterin, auf sogenannte „Problemkids“ trifft, sich mit ihnen durch gemeinsamen exzessiven Drogenmissbrauch anfreundet und zu Thong, einem 14-jährigen ebenso problembeladenem Mädchen eine sexuelle Beziehung unterhält. Um von seiner linken Denkweise fortzukommen, fängt er des Weiteren an, Mein Kampf zu lesen und zu Individualisierungszwecken antisemitische Sentenzen daraus zu übernehmen.
Denn schließlich hat Rebel das ganze subkulturelle Milieu, in dem er sich befindet, satt, allen voran das Schmugglergeschäft „Push“ von Frank Leiderstam, genannt Fatty, für den er ab und zu Jobs übernimmt. Fatty betreibt mit dieser Firma Markenpiraterie, versteht sein Geschäft aber vielmehr als „subversive politische Strategie“. Rebels Meinung nach eine Fehleinschätzung: „er begreift nicht, dass er Kooperation betreibt, keinen Widerstand“. Und da kommt schließlich Macht ins Spiel, ein Unternehmensberater, der für internationale Konzerne arbeitet und für deren Imageaufwertung gerne auf Ideen aus dem Underground zurückgreift. Durch Fotti lernt er Rebel und seine zu harmlos wirkenden Reden umgeschriebenen Mein Kampf-Passagen kennen. Die beiden verbünden sich, um „Push“ außer Gefecht zu setzen und zugleich das angeschlagene Image der Firma T.S.I.V.A.G. aufzupolieren. Um dies zu erreichen, greifen die beiden zu Kinderpornographie und jeder Menge Nazi-Symbolik.
Am Ende kommt es tatsächlich zu dem „furiosen Showdown“, den der Verlag verspricht, doch es ist fraglich, ob jeder Leser bis dahin durchhält. Macht und Rebel ist mit so vielen expliziten, abstoßend wirken wollenden Sexszenen ausgestattet, dass auch jeder noch so schwerfällige Mitmensch merkt: Dieses Buch will provozieren. Faldbakken schreckt eben vor nichts zurück, und so ist man auch nicht überrascht, als Macht sich Rebel anschließt, mit Thong Jr., Thongs 12jähriger Schwester, schläft und sie schließlich alle zu viert einen Pornofilm drehen. Im Verlauf der Handlung, wenn man diese aneinander gereihten Tabubrüche so nennen will, spielen Judenwitze, Analverkehr und Wortspiele in Form von umgewandelten Firmenlogos (aus „adidas“ wird „badass“, aus „Play Station“ „Slay Station“ usw.) eine herausragende Rolle. Man kann Faldbakken dabei sogar eine Form von Einfallsreichtum zuschreiben, aber nichtsdestotrotz verliert sich die Kritik an der Gegenkultur des 21. Jahrhunderts in reiner Effekthascherei. Dass Faldbakkens Werk das moralische Empfinden der Leser verletzen könnte, wie der Blumenbar-Verlag auf dem Buchrücken des Hardcovers warnt, könnte man dem Autor noch verzeihen, wenn seine Schocktherapie auf etwas anderes als das Herbeirufen eines Skandals hinauswollte.
| Matias Faldbakken: Macht und Rebel. Skandinavische Misanthropie II |
| Übersetzt aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel |
| Heyne Verlag, München 2007. 352 S., 8,95 Euro |
Kommentieren