Die Schönheit der Melancholie
17. Feb 10: Massive Attack finden mit „Heligoland“ wieder zusammen | Martin Müller

- Copyright: Warren du Preez & Nick Thornton Jones
Lange haben wir gewartet und es war nicht sicher, ob Massive Attack noch ein Album herausbringen. Das letzte 2003 erschienene „100th Window“ war bereits eine Alleinproduktion von Robert Del Naja („3D“). Nun fand sich zum neuen Album „Heligoland“ auch der alte Wegbegleiter und Mitbegründer von Massive Attack Grantley Marshall („Daddy G“) wieder im Studio ein. Del Naja meinte sogar in einem Interview, das es auch wieder Annäherungen an Tricky gibt und der Wunsch besteht, demnächst zusammen arbeiten zu wollen. Das weckt die Hoffnung, dass wir bald die vollständige Besetzung von Massive Attack erleben können. Doch vorerst tritt bei „Psyche“ und „Babel“ Martina Topley-Bird auf, die auch bei Trickys ersten Solowerk „Maxinquaye“ mitwirkte. Daneben holten sich Marshall und Del Naja u.a. Damon Albarn (Blur, Gorillaz ect.) und Guy Garvey (Frontmann von Elbow) ins Studio. Daraus entstand ein Album, das in die Grenzen des TripHops nicht mehr recht passen will, aber unverkennbar dem Massive Attack-Stil treu bleibt.
So ist auch wieder Dauergastsänger und Reggae-Ikone Horace Andy mit seiner unwechselbaren Falsett-Stimme dabei, die bereits „Angel“ und „Man Next Door“ eine ganz besondere Note verlieh. In „Girl I love You“ mit seinem schwelenden Bassline und den bedrohlich wirkenden Synthie-Einstreuungen wirkt Andys Gesang fragil und schmerzlich schön. Neben „Splitting the Atom“, in dem er von Del Naja und Marshall mit tiefen Bassstimmen begleitet wird, ist dies eines der herausragenden Stücke. Zum Einklang ins Album eröffnet sich ein langsam schleppender Beat, düstere Pianoklänge und eine noch dunklere Stimme von TV on the Radio-Sänger Tunde Adebimpe: „Pray for Rain“ steigert sich zwar langsam, verharrt aber in seiner Zurückhaltung, was wie dahin gehaucht wirkt. Das minimalistische „Flat of the Blade“ erzeugt mit seinem verschrobenen Klangteppich und Garveys warmen Klang der Stimme eine ganz ungewöhnliche Stimmung, die man vielleicht mit Björks Avantgarde vergleichen könnte. Ganz anders dagegen „Paradise Circus“ mit Hope Sandoval, das in sich eine stimmige Atomsphäre aus zartem Gesang und schweren Drums trägt und am Ende mit anschwellenden Streichern harmonisch ausklingt. Albarn zeigt in „Saturday come Slow“ welch starke Wirkung seine Stimme haben kann, wenn er hier fast flehentlich “Do you love me“ singt. Aber am ehesten kommt „Babel“ an das ‚Branding‘ TripHop für Massive Attack heran und gerät schon fast zu einer richtig temporeichen Nummer. Dazu singt Topley-Bird mit ihrer klaren und mädchenhaften Stimme in einer Zurückhaltung, als ob ein Ausbruch die ganze Lethargie zerstören könnte. Doch verhindern kann dies nicht, dass „Babel“ wie auch „Psyche“ eine gewisse Leichtigkeit annehmen, die allein durch Topley-Birds Stimme getragen wird.
Auch „Heligoland“ lebt von seinen Gastsängern. Aber es ist auch die große Stärke von Massive Attack, diese in einem von ihren düsteren und minimalistisch eingebundenen Klangsphären so einzigartigen Licht erscheinen zu lassen. Sie bleiben dabei ihrem Stil treu, den sie schon zu Zeiten von The Wild Bunch vor Massive Attack prägten, zeigen dabei, dass man sie jedoch nicht allein in die TripHop-Schublade stecken kann. Düster und schwer mit einer latenten Zurückhaltung präsentieren sie ihren Schmerz. Der stark wummernde Bass trägt die geballte Kraft, die wie aus dem Untergrund hervor brodelnd ausbricht. Hier und da nuanciert durch Piano-Einschübe und Synthie-Elementen, die aber nie übertrieben wirkt. Ihre Melancholie präsentieren sie uns in einer Schönheit, die ihren Pessimismus gegenüber der Gesellschaft kontrastiert. Vehement verweigern sie sich an ein tiefes Glück für die Menschheit zu glauben und ziehen hieraus ihre besondere Magie. Der Blues im Elektrogewand.
YouTube Cannel von Masive Attack
| Heligoland von Massive Attack |
| Erschienen: 05.02.2010 bei Virgin UK (EMI) |
| Splitting the Atom (Single) von Massive Attack |
| Erschienen: 02.10.2009 bei Virgin UK (EMI) |


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