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Best-of des „geistigen Terror-Brandstifters“

12. Nov 10: Marc-Uwe Klings Live-Programm Mein Leben in der ‚Bar jeder Vernunft‘ in Berlin | Dobrila Kontić

©Maria Neumann

Mein Leben lautet der gewollt großspurige Titel des „unverschämt frühen Best-of-Programms“, mit dem Marc-Uwe Kling in diesen Tagen die ‚Bar jeder Vernunft‘ in Berlin beehrt. Nach dem Besuch der Premiere am 10. November muss man dem vielfach ausgezeichneten Poetry Slammer, Kabarettisten und Liedermacher zugestehen, dass er trotz seiner jungen Jahre ein knapp zweieinhalbstündiges Live-Best-of durchaus zu füllen vermag. Zwischen semiprivaten Anekdoten, ironischen Abrechnungen mit den Verfehlungen hiesiger Politiker, gekonnten Interaktionen mit dem Publikum und gelungenen Liedern zur gesellschaftlichen und persönlichen Lage variierend, bietet Mein Leben gute Unterhaltung, die sich weder mit den hierzulande bekannten, mitunter zu verbissenen Kabarettisten, noch mit den massenkompatiblen hirnlosen ‚Comedians‘ vergleichen lässt und diese vielmehr bravourös in den Schatten stellt.

Gut besucht war die lauschig-elegante ‚Bar jeder Vernunft‘ am Abend des 10. November. Kurz vor Beginn der Premiere von Marc-Uwe Klings Programm Mein Leben füllten sich sogar noch die letzten freien Plätze, so dass der 28jährige Wortakrobat von einem beachtlichen Applaus begrüßt wurde, als er schüchtern auf die Bühne trat und das Publikum in gewohnt monotoner und verhaltener Manier begrüßte. Nach einer kurzen und amüsanten Erläuterung, wie es zu diesem verfrühten Best-of-Programm kam (die Inspiration lieferte ein ausgerechnet auf einem Starbucks-Pappbecher abgedrucktes Zitat über die Abschaffung der Armut), ging es denn auch gleich los mit einem Text über den Technik-Terror in Form eines nicht zusammensetzbaren Handys und der daraus entspringenden menschlichen Verzweiflung, die uns allen bekannt sein dürfte. Danach griff Kling zu seiner E-Gitarre und stimmte eines seiner dem Publikum durchaus geläufigen Lieder aus dem Bühnenprogramm Wenn alle Stricke reißen, kann man sich nicht mal mehr aufhängen von 2008 an. „Wer hat uns verraten?“, ein Song über die Verfehlungen der SPD, einst eine „Arbeiterpartei“, gehört inzwischen zu den meistgehörten Darbietungen von Marc-Uwe Kling und büßt auch an diesem Abend – trotz der kürzeren Fassung – nichts von seiner Tragikomik ein:

Flash is required!
Marc-Uwe Kling am 13.04.2008 in "Volker Pispers und Gäste"

Die dargebotenen Songs unterbricht Kling zu gerne, um das Publikum im lakonischen Ton darauf aufmerksam zu machen, dass sich die gerade vorgetragene Stelle sehr gut zum Mitsingen eigne. Spontanes, vereinzeltes Klatschen beim Textvortrag wird daraufhin aber von ihm abgestraft – solch gekonnte Interaktionen mit dem begeisterten Publikum ziehen sich durch den ganzen Abend. Ein besonderes Highlight dieses Abends ist auf jeden Fall Klings künstlerische Stellungnahme zu der Reaktion der Boulevardzeitung B.Z. auf seinen Song „Hörst Du mich, Josef?“ über den Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann. Diese hatte im November 2008 in gewohnt verkürzter Denkmanier gefragt, „Ist ein Mord-Aufruf Kunst, wenn er gesungen wird?“ und Kling als „geistigen Terror-Brandstifter“ beschrieben. Eine Bezeichnung, über die sich Kling zu Recht lustig macht, ebenso wie über die von der B.Z. verwendete Schiller-Definition von Satire, die recht schnell im Wikipedia-Eintrag zu „Satire“ zu finden ist. Nach dem Vortrag eines fiktiven Interviews, in dem Kling das mangelnde Verständnis der Boulevard-Journalisten für Ironie aufs Korn nimmt, greift er schließlich zur E-Gitarre und performt besagtes Lied mit einer kleinen Variation: Josef Ackermann ist nun Johann Mustermann. Dennoch bleibt das großartige ‚Original‘ unvergessen:

Flash is required!

Desweiteren gibt es an diesem Abend noch einige Lesungen von Erzählungen aus den 2009 in Buchform erschienenen Känguru-Chroniken. Ein kommunistisches Känguru, das gerne Nirvana hört, früher beim Vietcong war und sich Kling als Mitbewohner aufdrängt, steht hier im Mittelpunkt und nimmt das Publikum sofort für sich ein, wie etwa in der Erzählung „Theorie und Praxis“:

Flash is required!

Weitere musikalische Dauerbrenner wie „Zehlendorf-Mädchen“ und „Scheißverein e.V.“, Mitmach-Songs wie „Waschmaschine“ und eine düster-tragische Klavierversion des Hasselhoff-Hits „I’ve been looking for Freedom“ lassen neben vielen weiteren Zugaben den gelungenen Auftritt ausklingen, in dem Kling wieder einmal bewies, wie schwer er sich einem einzelnen Bühnengenre zuordnen lässt. Ein Poetry Slammer, der sich aber nie in zwanghaften Selbstbetrachtungen verliert, ein Kabarettist, der aber nie mit erhobenem Zeigefinger die gesellschaftlichen Missstände thematisiert, sondern vielmehr eine verspielte Verbitterung vor sich herträgt, die dem Publikum auf subtilere Weise die bekannten, aber gerne verdrängten Fehler des Systems ins Gedächtnis ruft, ein Komödiant, der aber nie zum ‚Comedian‘ verkommt. So stellt sich nach diesem Abend Marc-Uwe Kling als Künstler dar, den man live erleben sollte und von dem wir hoffentlich bald Neues hören, sehen und lesen werden.

Live-Programm Mein Leben in der Bar jeder Vernunft:
Freitag, 12. November, 20.00 Uhr
Sonntag, 14. November, 19.00 Uhr
Homepage der Bar jeder Vernunft
Homepage von Marc-Uwe Kling

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