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Ein wahrer Wutbürger

19. Apr 11: Przemysław Wojcieszeks Essay-Film Made in Poland auf der filmPOLSKA 2011 | Dobrila Kontić

Zum sechsten Mal findet in Berlin gerade das polnische Filmfestival filmPolska statt und zeigt anhand von fast 100 Beiträgen in Form von Spielfilmen, Dokumentationen und Kurzfilmen, was das polnische Kino gegenwärtig zu bieten hat. Drei der hier gezeigten Filme waren bereits auf der diesjährigen Berlinale zu sehen, darunter Przemysław Wojcieszeks experimentelles Werk Made in Poland, in dem eine undefinierte aber dafür ungefilterte Wut über die gegenwärtigen Zustände in Polen die Hauptrolle spielt.

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Es ist eine finstere Ödnis, in der die Hauptfigur Boguš (Piotr Wawer jr.) zu Beginn des Films erwacht: Eine Plattenbausiedlung, in der er mit seiner Mutter Irena (Magdalena Kuta) wohnt, die tagaus, tagein den Liedern von Schlagersänger Krzysztof Krawczyk lauscht, wenn sie nicht gerade den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn im Gaswerk bestreitet. Und es ist eine grenzenlose Wut, die Boguš erfasst und ihn dazu treibt, sich in großen Buchstaben die Worte „Fuck off“ auf die Stirn tätowieren zu lassen. Dieser Wut lässt er in den kommenden 90 Minuten Luft, indem er den Priester Edmund wüst beschimpft, protzige Autos auf einem bewachten Parkplatz demoliert, Telefonzellen kaputt schlägt oder bei Versace randaliert – ein Kleid, dessen Preis drei durchschnittlichen Monatslöhnen in Polen entspricht, kann er nicht akzeptieren. Genau definieren, worauf er wütend ist, kann Boguš auch nicht und verirrt sich stattdessen lieber in Ausflüchte über das „System“, das er mit tiefer Inbrunst hasst. Doch er sieht ein, dass er Anleitung braucht, und wendet sich an seinen ehemaligen Lehrer Wiktor (Janiusz Chabior). Dieser weigert sich, Boguš bei seinen diffusen revolutionären Plänen zur Seite zu stehen, schließlich ist er ein hoffnungsloser Alkoholiker, der seiner Sucht den Verlust von Job und Familie zu verdanken hat. Stattdessen rät er Boguš, die Gedichte des von der polnischen Romantik geprägten Dichters Władisłav Broniewski zu lesen und sich weiterzubilden. Doch so viel Zeit bleibt Boguš nicht, schließlich hat er es sich bei einer seiner Randale-Touren ausgerechnet mit einem Gangsterboss und seinen rücksichtslosen Lakaien verscherzt.

Laut, direkt und gewollt aufdringlich prasselt Made in Poland auf den Zuschauer ein und vermittelt die Wut seiner Hauptfigur auch durch aufgeregte animierte Einlagen in Schwarz-Weiß-Rot. Diese werden darüber hinaus mit Audio-Zitaten aus dem ultranationalistischen Radio Maryja unterlegt, in dem aufgebrachte Hörer den Werteverfall der polnischen Jugend monieren, ihrer Homophobie Luft machen und für die „Rettung Polens“ beten. Die Aufsehen erregende Montage-Struktur von Made in Poland bringt nicht nur Abwechslung in die auf Dauer recht ermüdende Wut-Irrfahrt von Boguš, sondern kontextualisiert auch zusammen mit der eher dürftigen Handlung des Films den Wunsch nach einer Umwälzung der gesellschaftlichen Zustände. „Man muss seine Meinung laut zum Ausdruck bringen – ansonsten wird die öffentliche Meinung ausschließlich vom heimischen Autoritarismus geprägt, also von denen, für die Demokratie nur eine leere Worthülse ist“, erklärte der Regisseur Przemysław Wojcieszek seine besondere Verfahrensweise im Interview mit der polnischen Gazeta Wyborcza. Mit Blick auf die Verstärkung nationalistischer Stimmen in Polen nach dem Flugzeugabsturz von Smolensk am 10. April 2010, bei dem neben 95 weiteren Personen der Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam, prangert Wojcieszek eine bedrückende Stimmung in Polen an, die auch in seinem Film zum Ausdruck kommt: „Das politische Klima in Polen, wo von einer Seite neoliberale Einlullung, von der anderen nationalistischer Radikalismus droht, wird stickig.“ Dementsprechend fällt auch das Ende von Made in Poland wie der Beginn einer Endzeitvision aus: Boguš, der im Verlauf des Films mehrfach die Apokalypse einfordert, soll sie am Ende auch bekommen, aber fernab der Leinwand, die folgerichtig darauf hinweist: „The Apocalypse will not be televised.“

filmPOLSKA 2011-Homepage

Made in Poland
Grupa Rafał Widajewicz, Polen 2010
Regie & Drehbuch: Przemysław Wojcieszek
Hauptdarsteller u.a.: Piotr Wawer jr., Janiusz Chabior, Magdalena Kuta
90 Min. OmdU

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