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Die Quintessenz Japans und filmischer Oper

15. Oct 09: Love Exposure - Ein wilder Ritt durch alles Heilige | Martin Müller

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Wenn man an Japan denkt, fallen einem sofort viele Kuriositäten ein. Spielhallen, Unterhöschen-Automaten, seltsamer Kostümfetisch, grausame Fischjagd, Voyeurismus, geschmacklose TV-Shows und so weiter. Ein Land mit langer Geschichte und Tradition, die alles Neue aufsaugt, wiederkäut und eine verzerrte Variation in seine Kultur aufnimmt und uns Europäer mit einem verstörten Kopfschütteln zurücklässt. Alles scheint übertriebener zu sein, nichts verrückt genug, um nicht den Japaner zu gefallen. Man könnte meinen, die gelebte Extravaganz hat ihr Domizil gefunden. Es wundert daher nicht, das Love Exposure dieser scheinbaren Philosophie folgt.

So leistet sich Regisseur Sion Sono mal eben eine halbstündige Exposition, in der dem jungen Yu von seiner im Sterben liegenden Mutter eine blütenweiße Madonnenstatue überreicht wird, die ihm Halt geben soll, bis er seine eigene Maria gefunden hat. Bedrohliche Schatten an den Wänden kündigen Unheil an und der Choral setzt ein. Die Mutter stirbt. Der Vater ist verzweifelt und wird kurzer Hand katholischer Priester. Doch der findet schnell eine neue Liebe, die geheim bleiben muss und scheitert, was er an Yu, einem Musterbeispiel an christlicher Tugend, auslässt und diesen zwingt, täglich Beichte abzulegen, doch weiß Yu nichts zu beichten, denn er sündigt nie, bis er lügt und später dann ein echter Sünder wird. So wird er schließlich ein Meister des Voyeurismus. In Kung-Fu-Manier fotografiert er die Höschen junger Mädchen. Unter Genre- und Rhythmuswechsel avanciert er zum Helden der Spanner und Perversen. Inzwischen bandelt der Vater wieder mit der verführerischen wie hysterischen Kaori an und lebt mit ihr und ihrer Tochter Yoko in wilder Ehe. Um Yu ist es geschehen und er kämpft fortan mit der sich immer an unpassenden Augenblicken einstellenden Erektion. Doch Yoko hat keine Augen für ihn, wie für sonst auch keinen Mann, sondern ist unsterblich in Saori verliebt, die niemand anderes ist als Yu in Yoko-Ono-Verkleidung. Hieraus will die ominöse Sekte 'Zero Church' Nutzen schlagen und die Familie agitieren. Die Geschichte spinnt sich nun umso rasanter weiter. Splatterelemente sorgen für fontänenweise Blut, Yu plagt sich weiter mit seiner Erektion, Katholizismus trifft Kung Fu und die heilige Jungfrau lächelt unschuldig, während die Fundamentalisten die Familienbande zu zerstören versuchen.

Gewalt und lilienweiße Unschuld harmonieren vorzüglich. Die Liebe gerät zur Obsession und wird in all ihren Facetten bloßgestellt - von keusch bis krank, von rein bis rabiat. Und das alles passt zusammen, so dass nie ein Moment der Langeweile aufkommt. Der sich immer wieder steigernde Geräuschpegel der durchaus eindringlichen Stimmchen der Protagonisten des Films, die wie die berühmten Spielotheken Japans in heftigen Unterfrequenzbereich auf den Zuschauer eindringen, führen an die Grenzen des Nervenkostüms. Doch die rasante und voller Ideen steckende Geschichte, der wilde Mix der Genres und die konsequente Missachtung filmischer Konventionen, fesselt jeden an seinen Sitz. Wie eine Oper in ihren Wirrungen kommt dieses Epos daher, manchmal abstrakt und dann wieder schreiend komisch. Man darf gespannt sein, wenn der ungekürzte Director's Cut heraus kommt, der dann sage und schreibe ganze sechs Stunden dauern soll. Ein Meisterwerk des Films, der Gewöhnung braucht, aber dann zum Hochgenuss führt.

 

Love Exposure (AI NO MUKIDASHI), Japan 2008, 237 min.
Regie und Drehbuch: Sion Sono
Hauptdarsteller u.a.: Nishijima Takahiro, Mitsushima Hikari, Ando Sakura
Dt. Kinostart: 13.08.2009
FSK: 16

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