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Beach Boy auf Abwegen

11. Jun 15: Love & Mercy: Bill Pohlads Biopic über Brian Wilson | Dobrila Kontić

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Rasanter Aufstieg, tiefer Fall und schließlich Erlösung und Rückkehr – das sind die Themen erfolgreicher Musiker-Biopics wie James Mangolds Walk the Line (2005) oder Taylor Hackfords Ray (2004). Die Leben von Johnny Cash und Ray Charles boten hierfür neben ihren kreativen Höhenflügen allerhand dramatischen Stoff. Ähnlich, aber auch eine Spur skurriler, sieht es im Fall von Brian Wilson aus, dem kreativen Kopf der Beach Boys: Bill Pohlads Film Love & Mercy konterkariert Wilsons künstlerischen Höhepunkt in den 1960ern mit der psychischen Misere, in der er sich nach einigen Zusammenbrüchen in den 80ern befand – und erzählt von der zweifachen Emanzipation eines Mannes, dessen kindlich wirkende Unschuld und enorme Schöpfungskraft ihm Ruhm ebenso wie Nutznießer bescheren sollten.

Paul Dano als junger Brian Wilson

Das Album seines Lebens

Love & Mercy setzt an einem Punkt in der Karriere der Beach Boys an, der sich als Prüfstein erweisen sollte: 1965 verkündet der junge Brian Wilson (einfach großartig: Paul Dano) seinen Bandkollegen, dass er erschöpft vom Touren sein und sie ohne ihn die Japan-Konzerte bestreiten sollen. Er will sich stattdessen der Komposition des neuen Album Pet Sounds widmen – und dieses muss einfach großartig werden, schließlich macht der überragende Erfolg der Beatles dem ehrgeizigen kalifornischen Quartett zu schaffen. Brian macht sich mit einer klaren Vision und großer Experimentierfreude an das Album, das sie endlich weg von ihren üblichen Songmotiven (Strand, Surfen, Kalifornien, Frauen und wieder Surfen) bringen und etwas mehr emotionale Reife verleihen sollte. Love & Mercy zeigt Brians Arbeit als stimmungsvollen kreativen Prozess in einem Aufnahmestudio, das über Monate von zahlreichen Musikern bevölkert wird und in dem unkonventionelle Instrumente wie ein Cembalo oder ein Theremin, aber auch Fahrradklingeln, Hundepfeifen und Cola-Dosen zum Einsatz kommen. Und dazwischen ein elektrisiert umherhüpfender Brian, der die Musiker auf seine Vision einstimmt und immer abwegigere Einfälle hat, die schließlich in die ersten großartigen Klänge von “God Only Knows“ münden – ein Glücksmoment für den Zuschauer und Beach Boys-Fan.

John Cusack als späterer Brian Wilson

Der Tiefpunkt seines Lebens

Umso weniger mag man zunächst den sich harsch hineindrängenden zweiten Erzählstrang von Love & Mercy akzeptieren: Er ist in den 80ern situiert und zeigt einen kaum mit Paul Dano in Einklang zu bringenden John Cusack als älteren Brian Wilson, der sich nach einem neuen Wagen umsieht, dabei aber nicht die Augen von der charmanten Verkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) lassen kann. Diese erkennt den Beach Boy als solchen gar nicht, sondern muss erst von dessen seltsam aufdringlichem Begleiter Dr. Eugene Landy (Paul Giamatti) darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie vor DEM Brian Wilson steht. Es folgen erste Datingversuche, die aber nicht nur aufgrund von Brians leicht entrückt wirkendem Gebaren seltsam auf Melinda wirken – das eigentliche Problem ist vielmehr, dass sie nie allein sind. Wenn nicht gerade Dr. Landy in Brians Nähe ist, wird dieser von einigen durchtrainierten jungen ‚Freunden‘ im Surfer-Look umgeben, die in biografischen Artikeln über diesen besonderen Lebensabschnitt des Musikers gern als „Surf-Nazis“ bezeichnet werden. Love & Mercy greift in diesem Erzählstrang ein so tragisches wie skurril wirkendes Kapitel aus Brians Leben auf: Nachdem Wilson in den 70ern zunehmend den Drogen und einer Esssucht verfiel, wurde bei ihm vom Psychotherapeut Dr. Landy eine manische Schizophrenie diagnostiziert. Erste Behandlungen durch Landy erwiesen sich als erfolgreich, so dass Wilson auch bei einem Rückfall dessen Hilfe aufsuchte. Dies nutzte Landy in den Folgejahren dazu, die Vormundschaft über den von seiner Familie entfremdeten Brian zu erlangen und mit ihm an neuen Alben zu arbeiten, von denen er finanziell profitieren wollte. Wie sehr Landy zu dem im Film dargestellten Zeitpunkt bereits Kontrolle über Brians Leben erlangt hat und diesen schikaniert und ausnutzt, wird dem Zuschauer aus der Sicht Melindas geschildert, die erschütternde Szenen beobachtet und nach einem Weg sucht, Brian aus den Fängen Landys zu befreien.

Die Verknüpfung

Es fällt mitunter schwer, diese beiden sich abwechselnden und jeweils chronologisch erzählten Episoden aus Brians Leben in Einklang zu bringen – zum einen wird John Cusacks solide Darbietung von einem jungen Paul Dano in Höchstform überschattet. Zum anderen fallen die Kontraste zwischen den als besonders magisch dargestellten 60ern und den in diesem Film so steril wirkenden 80ern einfach zu stark aus. Aber dennoch lassen sich in Love & Mercy Verknüpfungspunkte zwischen diesen auseinanderlaufenden Erzählsträngen finden: Der junge Brian Wilson durchbricht bei seiner Arbeit am Album Pet Sounds einerseits kreative Schwellen, trifft aber bei seinem herrischen Vater, der zugleich der Manager der Band ist, auf Irritation – und ebenso bei seinen aus Japan zurückgekehrten Bandkollegen. Wieso am Bewährten etwas ändern und den enormen Erfolg der Band aufs Spiel setzen? Brian reagiert sensibel auf diese Kritik und wird zunehmend von Stimmen in seinem Kopf geplagt. Er setzt sich schließlich durch, gegen seinen Vater, gegen die Befürchtungen der übrigen Beach Boys und ‚scheitert‘: Pet Sounds erscheint 1966 und kann nicht ganz an den kommerziellen Erfolg der Vorgängeralben anknüpfen, wird aber von der Kritik gelobt und nimmt Jahrzehnte später in vielen Listen zu den besten Alben aller Zeiten den ersten Platz ein – es enthält ja schließlich Songs wie “Wouldn’t it be Nice“ und “Sloop John B“. Eine künstlerische Emanzipation, die sich nachhaltig bewährt – und zugleich den Beginn seines zunehmend desolaten psychischen Zustands markiert, die ihn Jahrzehnte später in ein Abhängigkeitsverhältnis bringt, aus dem er sich nicht ohne Hilfe lösen kann.

Mit Love & Mercy ist Bill Pohlad damit insgesamt ein zwar etwas unstimmig wirkendes, aber dennoch pointiertes Biopic über ein ungewöhnliches Musikerleben gelungen, das bemerkenswerte Wandlungen durchlaufen hat. Und es findet zu einem Ende, das es wert ist, von einem Beach Boys-Song untermalt zu werden.

Love & Mercy
Battle Mountain Films, USA 2014
Regie: Bill Pohlad. Drehbuch: Michael Alan Lerner, Oren Moverman
Hauptdarsteller u.a.: Paul Dano, John Cusack, Elizabeth Banks
120 Min. Deutscher Kinostart: 11. Juni 2015

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