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Der Macher im Norweger-Pulli

07. Jul 14: Die Netflix-Serie Lilyhammer versucht sich mithilfe eines populären Sopranos-Darstellers an der Variation eines altbewährten Serienmotivs | Dobrila Kontić

Flash is required!

„Fish out of Water“, so wird das in Comedy-Filmen und -Serien gern verwendete Motiv genannt, dessen Handlungsverlauf trotz eines gewissen Maßes an Variabilität recht einfach ist: Die Hauptfigur, meist geachtet und erfolgreich in ihrer Position, stößt auf dem Weg nach oben auf ein Hindernis, das sich nur beheben lässt, wenn sie sich auf unbekanntes Territorium begibt, wo sie ihre Profession für eine Weile ausübt. Dort angekommen, wird sie mit allerlei seltsamen Gepflogenheiten, kauzigen Charakteren und schrägen Situationen konfrontiert, bis sie sich nach und nach einlebt und sich alsbald wie ein Fisch im Wasser fühlt. Als besonders populär entpuppte sich die Serien-Variante „Arroganter Großstadtarzt muss plötzlich in der Provinz praktizieren!“, etwa in Ausgerechnet Alaska, Everwood oder zuletzt Hart of Dixie. Nun legt Netflix mit Lilyhammer eine etwas gewagtere Variante vor: New Yorker Mafia-Mitglied sagt gegen Paten aus und landet im Zuge des Zeugenschutzprogramms im norwegischen Lillehammer. Und zur Krönung dieser interessanten Ausgangssituation wird die Hauptfigur auch noch von Steven van Zandt gespielt, der schon seine Consigliere-Qualitäten als Silvio Dante bei den Sopranos unter Beweis gestellt hat. Zwei Ideen, die in Kombination doch eigentlich einen Seriencoup ausmachen sollten. Eigentlich…

Denn die Macher von Lilyhammer – so zumindest der Eindruck nach der ersten Staffel – ruhen sich leider zu sehr auf ihrer ungewöhnlichen Idee aus, die sich bereits in der ersten Folge beinahe erschöpft: Frank Tagliano (Steven Van Zandt), der in New Yorker Kreisen auch als ‚Der Macher‘ bekannt ist, hat nach einer ersten Konfrontation mit dem neuen Mafia-Boss seine Arbeit langsam satt. Als auch noch sein geliebter Terrier Lily dran glauben muss, beschließt er gegen seinen Boss auszusagen – unter der Bedingung, dass er sich seinen anschließenden Zufluchtsort selbst aussuchen darf. Und wo Frank hin will, weiß er ganz genau: Lillehammer! Die Berge, der Schnee, die schönen blonden Frauen haben es ihm einst wären der Übertragung der Olympischen Winterspiele 1994 angetan. Die Ankunft aber ist zunächst ernüchternd: Als Giovanni Henriksen soll er sein Dasein in einem trostlosen Bungalow fristen und nebenbei mit anderen Immigranten Integrationskurse besuchen, um ein ehrliches Mitglied der norwegischen Gesellschaft zu werden. Frank, der sich fortan Johnny nennt, greift zu bewährten Mitteln (Bestechung, Erpressung, Bedrohung), um sich einen seinen Ansprüchen genügenden Platz in der Gesellschaft Lillehammers zu erkämpfen – und trifft auf einige Hindernisse: Da wären die norwegische Bürokratie und Behäbigkeit (verkörpert vom zwielichtigen Beamten Jan Johanssen, den er mittels kompromittierender Fotos schließlich gefügig macht), die auf den ersten Blick etwas schludrigen, aber dennoch sehr hartnäckigen Polizisten Laila (Anne Krigsvoll) und Geir (Kyrre Hellum), die ahnen, dass Johnny krumme Geschäfte dreht, und schließlich die norwegische Leitkultur der Toleranz und Offenheit, die der frische Einwanderer zwar schamlos ausnutzt, aber als konservativer Mafioso insgeheim ablehnt – eine Einstellung, die ihm wiederum die frische Liebesbeziehung zu der schönen Lehrerin Sigrid (Marian Saastad Ottesen) erschwert.

Diese Hindernisse zu umgehen, ohne zu viel Aufmerksamkeit im beschaulichen Lillehammer auf sich zu ziehen, verlangt Johnny und leider auch dem Zuschauer einige Mühe ab: Das Erzähltempo und die Dialoge sind sehr behäbig, was vor allem in der deutschen Synchronfassung deutlich wird, die leider auf einer Totalübersetzung beruht, während das Original die englischen neben den norwegischen Passagen bestehen lässt und dabei auf Untertitel zurückgreift. Ein weiteres Manko sind die Charaktere (oder eher ihr Fehlen): Neben Johnny ist keine der übrigen Figuren glaubwürdig, sympathisch oder zumindest skurril genug geraten, um dauerhaftes Interesse an ihrem jeweiligen Schicksal zu wecken. Es bleibt also alles schließlich an einem hängen: Steven van Zandt. Mit seinem falschen Lächeln, der italo-amerikanischen Lässigkeit und dem phänomenal lakonischen Gesichtsausdruck, mit der er uns schon in der düsteren Welt der Sopranos zum Lachen brachte (legendär seine Pacino-Imitation…), entlockt er einem auch in Lilyhammer den ein oder anderen Schmunzler, vor allem wenn er im Norweger-Pulli den Integrationswilligen mimt. Das reicht vielleicht nicht aus, um diese Serie dauerhaft zu tragen – aber immerhin wird bereits die dritte Staffel produziert.

Lilyhammer
Netflix Original Series, Rubicon TV. Norwegen/USA, seit 2012
Regie: Simen Alsvik, Geir Henning Hopland, Lisa Marie Gamlem
Drehbuch: Anne Bjørnstad, Eilif Skodvin, Steven Van Zandt
Hauptdarsteller u.a.: Steven Van Zandt, Trond Fausa Aurvåg, Marian Saastad Ottesen
Erschienen auf DVD bei: Studiocanal
45 Min. pro Episode (bislang 16 Episoden in 2 Staffeln)

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