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Der Selbsterzogene

02. Sep 17: FILMFESTSPIELE VENEDIG – WETTBEWERB: Andrew Haighs Verfilmung des Jugendromans Lean on Pete | Dobrila Kontić

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Eine Coming-of-Age-Geschichte mag man Lean on Pete gar nicht nennen: Denn die hier zu Bruch gehende Welt des 15jährigen Charley Thompson (Charlie Plummer) war ohnehin nie eine behütete. Noch als Kleinkind wurde er von seiner Mutter verlassen und fortan von seinem, wenn auch nicht gänzlich schlechten, recht verantwortungslosen Vater Ray (Travis Fimmel) erzogen. Vom Lichtblick, den seine Tante Margie für ihn darstellt hatte, hat Charley nur noch ein verblassendes Foto übrig. Seit sich sein Vater mit Margie zerstritten hat, sind die beiden für sich allein und vor kurzem hierher, nach Portland gezogen.

Gleichgesinnte: Pferd Pete und Charley (Charlie Plummer)

 

Und doch ist aus Charley trotz aller Widrigkeiten ein anständiger junger Mensch geworden: Er ist höflich, bescheiden, einfühlsam und tüchtig. Während sein Vater ihn den ganzen Tag wegen der Arbeit (und den feucht-fröhlichen Feierabenden) allein lässt und die Schule noch nicht angefangen hat, heuert er spontan beim mürrischen Pferdetrainer Del (Steve Buscemi) als Hilfsarbeiter an. Von Anfang an ist Charley fasziniert von der Welt des Pferderennens, wobei es ihm vor allem das titelgebende Rennpferd Lean on Pete angetan hat. Während dieses für Del einen anstrengenden Loser darstellt, ist Charley von Petes unentdecktem Potenzial überzeugt. Und tatsächlich entwickelt sich zwischen ihm und dem Pferd eine innige Beziehung. Über die gewonnenen Rennen kann sich Charley aber nur kurz freuen – die Eskapaden seines Vaters haben Konsequenzen, die schließlich der 15jährige ausbaden muss.

Rettung der verbliebenen Empfindsamkeit

Die Odyssee, die Charley daraufhin auf der Suche nach irgendeinem Halt in seinem jungen Leben durchwandern muss, nimmt den Zuschauer unweigerlich mit, lässt ihn hoffen, bangen und zwischenzeitlich gänzlich daran zweifeln, dass es mit ihm gut ausgehen wird. Von Erwachsenen umgeben, die alle eine äußerst raue Schule des Lebens durchwandert haben müssen, wird Charley immer wieder implizit wie explizit vermittelt, sich an nichts und niemanden im Leben zu binden. Wie er nicht anders kann, als diese gutgemeinten Ratschläge zurückzuweisen und nur von der Hoffnung auf eine passendere Umgebung zu leben, ist bis zum Schluss herzerwärmend wie -zerreißend mitanzusehen. Dank Charlie Plummers (der hier sehr an River Phoenix erinnert) sensibler Darbietung, runder Nebenfiguren und beeindruckender Aufnahmen von der amerikanischen Einöde, die die Hauptfigur durchwandern muss, ist Lean on Pete ein Drama von bemerkenswerter emotionaler Tiefe geworden. Es zeigt, was für einen Wert Sensibilität auch in einer rauen Welt hat und wie man sie sich gegen jeden Widerstand erhält. Absolut sehenswert.

Lean on Pete
Nach dem gleichnamigen Roman von Willy Vlautin
Großbritannien / USA 2017
Regie & Drehbuch: Andrew Haigh
Besetzung: Charlie Plummer, Travis Fimmel, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Steve Zahn
121 Min.
Filmfestspiele Venedig – Wettbewerb

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