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Der Tod auf der Straße

17. Jun 10: Christian Povedas eindringlicher Dokumentarfilm La Vida Loca | Dobrila Kontic

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„La Vida Loca“ (dt.: Das verrückte Leben) ist ihr Motto, sie tragen Tatoos am ganzen Körper und manche sogar im Gesicht, sie sind brutal und stammen aus armen Verhältnissen: Die Jugendgang ‚Mara 18‘ hat ihre Ursprünge in den USA, ist inzwischen aber hauptsächlich ein Problem Mittelamerikas. Vor allem im an Guatemala und Honduras angrenzenden Staat El Salvador sorgen die Maras, die schon Jugendliche ab zwölf Jahren für ihre kriminellen Machenschaften und ihren ewigen Kampf gegen die rivalisierenden ‚Mara Salvatrucha‘ rekrutieren, für Angst und Schrecken. Der spanisch-französische Fotojournalist Christian Poveda wollte mehr über dieses Phänomen erfahren, die Motivation der Jugendlichen ergründen und eine Lösung für die Spirale aus Armut, Angst und Gewalt finden. Für den Dokumentarfilm La Vida Loca begleitete er 16 Monate lang das Leben der ‚Mara 18‘ im Örtchen La Campanera, wurde Zeuge von Morden an einiger seiner Protagonisten und zahlte nach dem Ende der Dreharbeiten schließlich selbst mit seinem Leben.

La Vida Loca setzt mit einem Ereignis ein, das im Umfeld der ‚Mara 18‘ sehr häufig stattfindet: Der Beerdigung eines jungen Gangmitgliedes. Wir sehen die trauernden Angehörigen und zahlreiche, stark tätowierte junge Maras, die ihrem Bruder im Geiste die letzte Ehre erweisen. Es ist nicht das letzte Begräbnis, das im Verlauf des Films erfolgen wird. Poveda zeigt sie uns als wesentlichen Bestandteil des Alltags der Maras, das er in Momentaufnahmen festhält. Auch Geburtstage, Familienfeiern, Gefängnisbesuche und ein Resozialisierungs-programm gehören dazu. Letzteres ist ein kleines Projekt, eine Bäckerei, die von Gangmitgliedern betrieben und einem Mitglied einer Nichtregierungsorganisation überwacht wird. Eine Art Perspektive für die dort arbeitenden Maras und damit ein Kontrastprogramm zum Vorgehen der Regierung. Diese tritt der organisierten Bandenkriminalität mit dem Plan „Mano Dura“ (dt.: Die harte Hand) entgegen. Die Polizisten, die Poveda im Verlauf des Films interviewt, halten Rehabilitierungsprogramme für unwirksam und bevorzugen es, möglichst viele Gangmitglieder festzunehmen und so die Straßen ‚sauber‘ zu halten. Auch die Bäckerei muss dieser Strategie schließlich weichen, als sich herausstellt, dass der Leiter der Bäckerei selbst ein Gangmitglied ist und wegen Mordes angeklagt wird. In weiteren Aufnahmen zeigt uns Poveda unter anderem die jungen Eltern El Bambam und La Lopa, beide Mitglieder bei den ‚Mara 18‘. El Bambam muss schon zu Beginn des Films seine Haftstrafe antreten, am Ende wird ihm auch seine Ehefrau ins Gefängnis folgen, ihr Kleinkind muss bei Angehörigen bleiben. Wir begegnen Janet, einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, deren rechtes Auge wegen einer Schussverletzung durch ein Glasauge ersetzt werden muss und die schließlich auch dem Bandenkrieg zum Opfer fällt. Schonungslos konterkariert Poveda die Momente der Lebendigkeit im Leben einiger seiner Protagonisten mit Aufnahmen von ihren Leichen, die in schwarze Plastiksäcke gepackt und anschließend auf routinierte Weise für die Beerdigung vorbereitet werden. Dem Tod auf der Straße folgen wieder die Tränen der Angehörigen, die Sprechchöre der ‚Maras‘, die damit weniger einem verstorbenen Freund, sondern vielmehr dem „Blut der 18“ huldigen.

Christian Poveda 2008

Die Vorführung seines Dokumentarfilms auf zahlreichen Filmfestivals konnte Christian Poveda leider nicht mehr miterleben: Er wurde am 2. September 2009 in einem Vorort von San Salvador von vier Schüssen ins Gesicht niedergestreckt aufgefunden. „Für Christian hatte die filmische Montage mehr Aussagekraft als jeder Kommentar.“ Sehr treffend beschreibt Alain Mingam, Vorstandsmitglied von „Reporter ohne Grenzen“, damit Povedas Arbeitsweise. Der Fotojournalist zeigt uns kommentarlos seine Aufnahmen aus dem Alltag der Maras. Indem er die Gangmitglieder, ihre Angehörigen und Justizbeamte selbst zu Wort kommen lässt, wird die Wertung des Gesehenen dem Zuschauer überlassen – eine weise Entscheidung. La Vida Loca ist ein eindringlicher Film, der uns die prekären Lebensumstände der jungen Gangmitglieder vor Augen führt, aber die ebenfalls beobachteten Morde ausblendet. Mit La Vida Loca hinterlässt uns Poveda einen Dokumentarfilm, der die Gratwanderung zwischen Aufklärung und Sensationsgier souverän durchhält. Damit wird der zu Beginn des Films eingeblendete schriftliche Hinweis, La Vida Loca sei „kein Unterhaltungskino“ im besten Sinne erfüllt.

La Vida Loca – Die Todesgang Dokumentarfilm
Aquelarre Servicios Cinematograficos, El Salvador/Frankreich/Spanien 2008
Regie: Christian Poveda
90 Min. FSK: ab 16
Erschienen auf DVD bei: Ascot Elite Home Entertainment
DVD-Start: 06. Mai 2010
Extras: Interviews, Clip: Reporter ohne Grenzen

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