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Wenn sensible Kanarienvögel singen

17. May 10: Jónsi bringt mit „Go“ sein erstes Soloalbum heraus | Martin Müller

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© 2010 Lilja and Inga Birgisdottir

Nachdem es etwas ruhiger um Sigur Rós geworden ist, begab sich Frontmann Jón Thor Birgisson auf Solopfade. Fans von Sigur Rós sollten aber hierbei nicht in Panik verfallen, denn ein Ende der isländischen Erfolgsband ist nicht zu erwarten. Vielmehr zeigen sich bei „Go“ die unverkennbaren Einflüsse, die schon fast zu einer Stilprägung für Musik von der Insel, wo Eis und Lava aufeinander treffen, geworden ist. Bereits 2009 brachte Jón mit seinem Freund als Jónsi & Alex das zart melancholische „Riceboy Sleeps“ heraus. Nunmehr wirklich Solo als Jónsi schlägt er einen anderen Weg ein, auch wenn die Parallelen zu Sigur Rós mit „Go“ allzu offensichtlich scheinen, aber finden sich hier mehr klangliche Glamour-Elemente. Dazu verwandelt sich auch der sonst so bieder wirkende Jón in einen Kanarienvogel, der mit Björk durchaus kongruieren kann.

So intoniert gleich der Opener „Go Do“ mit seiner massiv dreschenden Beatdrum eine temporeiche Nummer, die sich im Refrain durch Überlagerung der Stimme zu einer fast schon hymnischen Atmosphäre ausnimmt. So groß und pompös, wie nicht zu erwarten war, geht es über zu „Animal Arithmetic“, das noch mehr an Tempo zunimmt. Ungewöhnlich klar ist der Gesang zu vernehmen, das Tempo des Songs aufnehmend, steigert sich der Song immer mehr, bis es abbricht und sich fast unscheinbar im stimmlichen Outro verläuft. Und wir merken es dann doch: So ganz kann Jónsi eben nicht aus seiner Haut. Für seine Stimme ist einfach der lange, sich in Höhen verlierende Gesang gemacht. Es gewinnt dann auch wieder die Melancholie, begleitet von Klavier und scheinbar vor sich hin seufzenden Streichern. Doch ist dies so schön, wie „Tornado“ so verträumt und verzaubernd daher kommt. Gleichermaßen wirken „Sinking Friendship“ und „Grow Till Tall“ wie Stücke von Sigur Rós in ihrer Sanftheit und Intensität. Eine seltsame Essenz aus melancholischer Stimme und beschwingter Musik mit einer klanglichen Vielfalt bildet „Boy Lilikoi“. Die Euphorie der ersten Songs findet sich zwar wieder, doch vermag sich der dann und wann wieder einbrechende Gesang nicht mehr zum Glamour aufzuschwingen. Dies zeigt sich auch in „Around Us“, das mit gewöhnlichem Beat und schwerem Bass zwischen schnellem Tempo und ausladendem Choral einfach nur schön ist. Die Wurzeln der tiefen Sensitivität scheinen zu tief zu greifen.

Auch wenn optisch aus dem schüchternen Jungen ein bunter Vogel geworden ist, bleibt doch seine Musik mit der rauen und spröden Natur seiner Heimat verbunden. Die anfänglichen großen Popnummern werden von schweren Streichern, Tubas und düsterem Bass abgelöst und die Stimmung schlägt um. Schwerlich ist Sigur Rós bei diesem Album zu vergessen, denn Jóns Stimme war dort schon zum Markenzeichen geworden und die musikalische Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Doch bringen die besonders in den Refrains eingebrachten Überlagerungen des Gesangs ganz neue Eindrücke. Zudem traut sich Jónsi mehr zu den großen Klangsphären vorzudringen und so fast schon pompöse Songs zu inszenieren. So bietet „Go“ mit seinen nur neun Songs ein breites Spektrum, von großer Heiterkeit bis hin zu abgrundtiefer Melancholie.

Website von Jónsi

© 2010 Lilja and Inga Birgisdottir

Tourdaten:

26.05.2010 - London Forum

27.05.2010 - London Forum

29.05.2010 - Ab, Brüssel

30.05.2010 - Den Atelier, Luxembourg

31.05.2010 - Live Music Hall, Köln

02.06.2010 - Paradiso, Amsterdam

03.06.2010 - Paradiso, Amsterdam

05.06.2010 - Columbiahalle, Berlin

07.06.2010 - Bataclan, Paris

08.06.2010 - Kaufleuten, Zürich

09.06.2010 - Alcatraz, Mailand

19.06.2010 - Sonar Festival, Barcelona

16.07.2010 - Melt Festival, Ferropolis

Go von Jónsi
Erschienen am 02.04.2010 bei Parlophone (EMI)
Go Do (Single) von Jónsi
Erschienen am 19.03.2010 bei Parlophone (EMI)

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