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Solidaritätsbekundung ohne Fokus

14. Dec 15: FRANZÖSISCHE FILMWOCHE BERLIN 2015: Der Dokumentarfilm Je suis Charlie | Dobrila Kontić

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Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo (©Pyramide Distribution)

„Je suis Charlie“, das ist der Satz, der gerade endende Jahr für die westliche Welt einläutete. Kurz nach Bekanntwerden des Attentats auf die Charlie Hebdo-Redaktion am 7. Januar 2015 getwittert, wurde er in Windeseile zum Solidaritäts-Slogan erklärt und verbreitet. In der Typographie des Satire-Magazins auf Transparente gedruckt begleitete er die anschließenden Kundgebungen in Paris und anderen Metropolen, während Gegenstimmen ihn zugleich als aussagelosen Allgemeinplatz, als zweifelhafte Anbiederung oder als ausgrenzend ablehnten. Je suis Charlie ist nun auch der internationale Titel des Dokumentarfilms von Daniel Leconte und seinem Sohn Emmanuel – ein Film, der ebenso wie der Satz unmittelbar nach dem ersten Eindruck der Ermordung von zwölf Menschen im Redaktionsgebäude entstand und dementsprechend als Solidaritätsbekundung und Hommage einzuordnen ist, und weniger als reflektierte Auseinandersetzung mit den schrecklichen Geschehnissen und ihren Folgen.

„Hüter der Werte der Republik“

Die Bilder, mit denen Je suis Charlie beginnt, sind allen, die die Nachrichten nach den Anschlägen verfolgt haben, bekannt: Tausende Menschen, die sich an der Place de la République in Paris versammeln, Kerzen anzünden und den Opfern gedenken. Wie es dazu kam, dass die Karikaturisten des berüchtigten Satire-Magazins zu „Hütern der Werte der Republik“ erklärt wurden, fragt der Film, bevor ein Rückgriff ins Jahr 2007 erfolgt: Nachdem Charlie Hebdo die Mohammed-Karikaturen des dänischen Magazins Jyllands-Posten abgedruckt hatte, sah sich die Redaktion damals mit einer Klage des Dachverbands französischer Muslime CFCM (Conseil français du culte musulman) konfrontiert. Für seinen damaligen Dokumentarfilm C'est dur d'être aimé par des cons führte Regisseur Daniel Leconte Gespräche mit den Verantwortlichen zu ihren Beweggründen für den Abdruck der Karikaturen. Der Rückgriff auf Gespräche dieser Zeit soll als porträtierende Basis dienen und zeigen, wie deutlich die Charlie Hebdo-Redakteure damals für ihr Recht auf freie Meinungsäußerung eintraten und wie klar sie dabei zwischen Muslimen und Fundamentalisten unterschieden.

Laurent „Riss“ Sourisseau, Karikaturist und Herausgeber von Charlie Hebdo (©Pyramide Distribution)

Touchieren ohne zu fokussieren

Das Kernstück von Je suis Charlie macht die Rekonstruktion des Tathergangs am 7. Januar aus, die über die bewegenden Schilderungen der überlebenden Redakteure Corinne „Coco“ Rey, Éric Portheault und Laurent „Riss“ Sourisseau erfolgt. Ihre Beschreibungen von dem metallischen Klacken der Schüsse, ihren Versuchen sich zu verstecken und totzustellen und dem „apokalyptischem“ Szenario, das sich ihnen nach dem Ende des Attentats bot, sind erschütternd. Umso mehr fragt man sich, woher die verbliebenen Redaktionsmitglieder in den Tagen nach dem Attentat die Kraft nahmen, eine neue Ausgabe des Magazins fertigzustellen. Dies beantwortet der Film nicht, sondern zeigt lediglich Tag für Tag das geschäftige Treiben der Karikaturisten in den von der Zeitung Libération zur Verfügung gestellten Redaktionsräumen. Dazwischen werden Nachrichtenszenen zum Folgeattentat im jüdischen Supermarkt geschnitten, die Pressekonferenz der Familie des getöteten Polizisten Ahmed Merabet gezeigt und immer wieder Gesprächsaufnahmen, unter anderem mit dem ehemaligen Chefredakteur Philippe Val, der feministischen Philosophin Elisabeth Badinter, dem Anwalt Richard Malka, der Charlie Hebdo in dem Prozess von 2007 erfolgreich vertrat. In ihrer Gesamtheit fügen sich all diese Aufnahmen in Je suis Charlie zu einer durchaus sehenswerten Collage zusammen, allerdings wird jede der erschütternden Einzelheiten, jeder angesprochene Aspekt stets lediglich touchiert, statt ergründet.

Verpasste Gelegenheiten

Besonders deutlich wird das bei der Thematisierung der Zeit nach der Veröffentlichung der Folge-Ausgabe des Charlie Hebdo: Den Beileids- und Solidaritätsbekundungen mischten sich in den französischen aber auch internationalen Medien sehr bald kritische Stimmen bei. „Sie haben gewartet, bis die Toten begraben sind, bevor sie ihnen auf das Grab gespuckt haben“, resümiert Philippe Val bitter. Und Richard Malka schildert immer noch sichtlich aufgebracht seine herbe Enttäuschung über den L’Obs-Artikel des Charlie Hebdo-Mitbegründers Henri Roussel, der dem getöteten Chefredakteur Charb eine Mitschuld an den Attentaten und am Tod seiner Kollegen einräumte. Dieser habe durch sein stures Beharren auf der gefährlichen Provokation seine Kollegen quasi in den Tod getrieben. Wie die in den Medien groß bekundetet Solidarität mit Charlie Hebdo bald in etwas verräterische „Selbst schuld“-Urteile umschwenkte, und was dies über den tatsächlichen Wert des Rechts auf freie Meinungsäußerung in Frankreich und Europa aussagt – das wäre ein interessanter Fokus gewesen, für den sich Je suis Charlie dann doch nicht vollends entscheiden will. Stattdessen lässt man Elisabeth Badinter vor dem Verfall in Barbarei warnen, sollte dieses Attentat künftige Journalisten vor mutigen Veröffentlichungen abhalten. Dies ist nur eine der vertanen Chancen dieses Films, mehr zu sein als eine allzu allgemeine und patriotische Solidaritätsbekundung, die medienwirksam zum ersten Jahrestag der Attentate in den Kinos anlaufen wird.

Je suis Charlie (L’Humour à mort)
Dokumentarfilm
Film en Stock, Frankreich 2015
Regie: Daniel Leconte, Emmanuel Leconte
90 Min. Deutscher Kinostart: 7. Januar 2016
Deutschland-Premiere auf der Französischen Filmwoche Berlin 2015 am 12. Dezember 2015

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