The Ugly 2011
30. Dec 11: Der culturshock-Jahresrückblick Teil III | culturshock-Team
Wie gewohnt, wird es im dritten Teil unseres Jahresrückblicks hässlich – medienpolitische Fehlentscheidungen, öffentlichkeitswirksame verbale Diarrhoe, erschreckende musikalische Tendenzen und wieder einmal ein Plagiat, das zum marginalen Fehler kleingeredet wurde (Helene Hegemann richtet schöne Grüße aus dem letzten Jahr aus). Ja, neben dem Guten und Schlechten ist immer wieder Verlass auf das Groteske, das ein Jahr in medialer und kultureller Hinsicht hervorbringt. Dabei weiß man oft gar nicht, wohin die eigene Reaktion letztendlich abdriften wird: verständnisloses Kopfschütteln, genervtes Augenrollen oder herzhaftes Lachen. Wir plädieren für eine Mischung aus allem, denn einem eindeutigen Geschmacksurteil lassen sich die folgenden Phänomene und Vorkommnisse kaum zuordnen und damit sind sie wie gemacht für unsere liebste Kategorie: Viel Spaß mit The Ugly 2011!
Ach, du Guttenberg…
Die Definition eines Fehlers wurde von KT auf völlig neue Ebenen gehoben: Nunmehr gilt es als ein Fehler, sprich einen marginalen Fehltritt, wenn man ein kapitales Verbrechen begeht. So zumindest hat es uns KT, wie anheimelnd von seinen Fans der Herr Freiherr von und zu Guttenberg genannt wird, in diesem Jahr eindrucksvoll bewiesen. Nachdem ihm nachgewiesen werden konnte, dass über 60 (!) Prozent seiner Doktorarbeit ein Plagiat sind, war er nicht nur seines Doktorgrads verlustig gegangen, sondern auch all seinen politischen Ämtern. Doch die Bevölkerung, in der Mehrheit wohl dem elitären Gehabe universitärer Grade überdrüssig, stand zu ihrem KT und entschuldigte die Straftat, die übrigens gegen Zahlung eines Bußgeldes ungeahndet bleibt. Klugerweise verzog sich der Schnösel mit einer etwas eingeschränkten Selbstwahrnehmung aus der Öffentlichkeit in die USA, wo er im urkonservativen Umfeld des Henry Kissinger in Sachen Selbstdarstellung einiges dazu gelernt hat. So bereitete KT seine Rückkehr ins politische Geschehen zunächst in einem Interview mit Giovanni Di Lorenzo von der Zeit vor, das es in Buchform zu kaufen gibt, in dem er sich ganz selbstverliebt zu seinem Fehler (!) bekennt und doch auch genug Schneid besitzt, sich selbst zu feiern, wenngleich dies mit einer gehörigen Prise Selbstmitleid versehen wird. Und dann das: Jetzt ist er, aufgrund seiner in diesem Bereich großen Erfahrung, auch noch Berater der Europäischen Kommission für Internetnutzung – welch Ironie! Zuvor ließ er sich es nicht nehmen, gegen alte Wegbegleiter und Förderer zum Rundumschlag auszuholen und sich in seiner Partei wie darüber hinaus wenig Freunde zu machen. Wo soll das alles noch hinführen? Ein Mensch mit solch vehementer Verdrängungstaktik, in der er scheinbar nicht Herr seiner selbst ist, sondern nur ein Getriebener der äußeren Umstände, möchte zurück und womöglich auch noch auf den Stuhl von Angela Merkel! Das sind ja tolle Aussichten, die uns hoffentlich erspart bleiben, denn ein neuer Look macht noch keinen Sinneswandel – und Betrug bleibt Betrug!
Trash, der begeistert
Kino: Conan
Wer Conan hört, denkt zu allererst an die Ein-Mann-Armee Arnold Schwarzenegger, der in den 80er Jahren als muskelbepackter, heldenhafter Barbar berühmt wurde. Seit September 2011 gibt es allerdings eine Neuinterpretation des Fantasy-Action-Films von Regisseur Marcus Nispel. Conan, den Barbaren spielt diesmal der charismatische Frauenschwarm Jason Momoa (Stargate Atlantis, Game of Thrones), der als einsamer Rächer gegen den Tyrannen Khalar Zym (Stephen Lang) samt Hexentochter Marique (Rose McGowan) in den Kampf zieht. Denn Khalar Zym hat in seiner Gier nach einer magischen Maske, die göttergleiche Kräfte verleiht und damit großes Unheil über die Menschheit zu bringen vermag, ein Massaker angerichtet bei dem auch Conans Vater getötet wurde. Conan kann als 14-jähriger Bursche fliehen und wächst zu einem zornigen, aber natürlich gutherzigen Krieger heran. Die Story ist nicht anspruchsvoll, aber charmant, was den gut gewählten Hauptdarstellern, den mystisch dunklen Bildern und den tollen Actionszenen zu verdanken ist. Wirklich guter Trash, der das Zeug zum Kultstatus hat!
TV: Spartacus: Gods of the Arena
Im Oktober strahlte der Pay-TV-Sender RTL Crime diese einfach nur bombastische Serie aus, die ein Prequel zur Serie Spartacus: Blood and Sand (2010) ist. Unser Held ist also nicht Spartacus, sondern sein direkter Vorgänger Gannicus (Dustin Clare), der Eigentum des Hauses Batiatus ist, welches im Gladiatoren-Business bisher ein gutes Händchen beweis. Unter dem Management des ehrgeizigen Quintus Lentulus Batiatus (John Hannah) und seiner ebenso ambitionierten Frau Lucretia (Lucy Lawless) wird eine intrigenreiche, blutige Ära eingeläutet, die mit dem Ende von Gannicus und der Ankunft von Spartacus nur kurz von Erfolg gekrönt sein wird… Beide Spartacus-Serien bieten neben allerlei bekannten Schauspielern und sehr gelungenen Charakteren, eine zwar einfache, aber süchtig machende Story, die in Harmonie mit der Geschichte um die grausamen Gladiatorenkämpfe, mit viel Blut, Orgien und Intrigen ausgestattet wurde. Ein Spektakel sondergleichen! Doch seht selbst:
Persona Non Grata
Ein erfahrener und mit Pressekonferenzen vertrauter Regisseur wie Lars von Trier sollte es eigentlich besser wissen: Als er im Mai 2011 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes seinen neuesten Streich Melancholia vorstellte, wurde ihm eine Frage zu seinen deutschen Wurzeln und seinem Interesse für ‚Nazi-Ästhetik‘ gestellt, die er mit einem bizarren Monolog bedachte, der die anwesenden Journalisten sehr amüsierte: Hitler sei sicherlich kein „good guy“ gewesen, aber er könne sich in ihn einfühlen; er habe nichts gegen Juden (höchstens gegen Susanne Bier), aber Israel sei ein „pain in the ass“; er möge Albert Speer – und ach, was soll’s, schloss Lars von Trier, er sei ein Nazi. Was lustig gemeint und auf seine erst spät entdeckte deutsche Herkunft bezogen war, wurde zum handfesten Skandal: Die Medien überschlugen sich mit Artikeln über von Triers „antisemitische“ Äußerungen, israelische und argentinische Verleihfirmen bestellten seinen Film Melancholia ab und schließlich erklärte ihn die Festivalleitung von Cannes zur „unerwünschten Person“ und schloss ihn so dauerhaft von den Filmfestspielen aus. Gern gesehen war er dort trotz seiner Ehrung mit der Goldenen Palme im Jahr 2000 für den Film Dancer in the Dark ohnehin nicht: Schließlich sorgte schon 2009 sein Film Antichrist, in dem sich die Protagonistin die Genitalien verstümmelte, für Tumulte. Wenn man sich aber die besagte Pressekonferenz noch einmal vor Augen führt, muss man aber doch über von Triers ungeahntes Talent, sich zum antisemitischen Vollpfosten zu machen, schmunzeln:
Kommissar Schweiger
Der NDR hat zum Jahresende eine Bombe platzen lassen: Til Schweiger übernimmt von Mehmet Kurtulus den Hamburger Tatort. Im September 2012 soll der erste Tatort mit Schweiger über die Mattscheibe flimmern und unsereins ist fassungslos! Der hoffnungslos uncharismatische Schauspieler mit Glanzrollen in filmischen Meisterwerken wie Keinohrhasen, Männerherzen versuchte ebenfalls sein Glück in Hollywood und fand dort die ihm in Deutschland leider verwehrte Ablehnung. Nun also spielt er einen Kommissar für die ehrwürdige Institution des deutschen Krimigenres und leider müssen wir im Vorfeld schon einen Abgesang auf die Qualität fürchten. Scheinbar interessieren sich auch die öffentlich-rechtlichen Sender immer weniger für ebendiese Qualität und ausschließlich für Quotenbringer, auch wenn ein langfristiger Erfolg eher fraglich bleibt.
Doppelt hält besser?
Wohl eher nervt besser! Auffällig wie noch nie wurde in diesem Jahr miteinander gemunkelt und gekungelt als wäre man alleine zu gar nichts mehr fähig. Allein das Projekt Pitbull verschleißt geradezu alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Hier versammelt sich das Who-is-Who der billigen Retorten-Popmusik um in reichlich sinnentleerter Weise geistlosen Zeilen das zarte Stimmchen zu verleihen. Da hätten wir Totgesagte wie Marc Anthony, die mittlerweile in jedes Mikro heulende Rihanna, Usher, den schmalzenden Pseudo-Julio Enrique Iglesias und viele mehr. In dummdreister Machomanier werden alle Klischees des aufgesetzten Womanizers zitiert und dazu längst in die Peinlichkeit der Musikgeschichte verbannte Eurodance Sounds bemüht. Scheinbar haben solche Kooperationen dazu geführt, dass man untereinander fröhlich weiter im selig kopulierenden Schwachsinn immer mehr musikalischen Auswurf produziert. So tun es Usher und besagter Enrique, der wiederum mit Jennifer Lopez und die wieder mit Pseudorappern der hintersten Bank. Daneben treibt es ebenso schamlos umtriebig David Guetta mit allerlei Sternchen im zarten Pophimmel unverbrauchter Stimmen und Gesichter wie bekannten Verdächtigen, wie u.a. erwähnten Usher. Es ist einfach nur traurig und doch so erfolgreich. Wenn einem allein nichts einfällt, dann kann man zumindest gemeinsam etwas Halbgares produzieren, ehe das geschundene Bankkonto von all den Exzessen völlig in die roten Zahlen rutscht.
Charlies Delirium
Nun hat er es endlich geschafft und sich nach tausendfachen Eskapaden endlich um den letzten schauspielerischen Kredit gebracht, den er noch hatte. Charlie Sheen musste seinen Platz in der Erfolgsserie Two and a half Men räumen, nachdem er wiederholt völlig zugedröhnt war und schließlich auch noch Produzent Chuck Lorre beleidigte. Die anfängliche Sympathie für Sheen und seinen Verbleib in der Serie war groß, doch nachdem er durch Ashton Kutcher ersetzt wurde, erreichte auf einmal die Serie neue Rekordeinschaltquoten. Damit ist Sheen nun endgültig abgemeldet und der mehr als peinliche Versuch via Twitter wieder Fuß zu fassen, wirkt jetzt nur noch abgewrackter. Und wir lernen daraus, dass auch einem Mann, der Alkohol und Drogenmissbrauch zum Lebensstil erkor, damit auch noch sich selbst spielen durfte, aber im Vergleich zu seiner Rolle wohl kein bisschen Hoffnung und Anstand im Herzen trägt, nicht alles verziehen wird.
Integrations-Bambi für Bushido
Im Erfinden von völlig sinnfreien Kategorien für die Bambi-Preisverleihung und der damit verbundenen Ehrung von zu Recht umstrittenen Persönlichkeiten hat der Burda-Verlag nun ja schon einige Erfahrung. Wer erinnert sich nicht gerne an Verleihung des „Courage“-Bambi an den Scientology-Fritzen Tom Cruise im Jahr 2007? Dieses Jahr nun also die Kategorie „Integration“, die an sich schon peinlich bemüht wirkt bei einer trashigen Verleihung, in der es vordergründig um Medienpräsenz geht. Die Spitze der Peinlichkeit erreichte der Burda-Verlag aber beim Verkünden des Preisträgers: Ausgerechnet Rüpel-Rapper Bushido, der mit sexistischen, homophoben und gewaltverherrlichenden Texten Berühmtheit erlangte, sollte für seinen Einsatz in Sachen „respektvolles Miteinander“ (Begründung der Jury) geehrt werden. Völlig zu Recht rief das Organisationen wie Terre des Femmes und den deutschen Lesben- und Schwulenverband auf den Plan, die sich nebst einer Auswahl an Politikern und Promis gegen diese Ehrung aussprachen. Bushido bekam den Bambi aber trotzdem, hielt eine Rede, in der er seine Preisträgerschaft mühsam verteidigte und sehr oft Worte wie „Toleranz“ und „Respekt“ verwendete. In Anbetracht seines früheren menschenverachtenden verbalen Durchfalls, den er als Stilmittel des Rap verschleiert, wäre nur eine Geste respektabel gewesen: Den Preis abzulehnen.
Gaga oder was?
Sie ist ein Phänomen, doch warum eigentlich? Auch in diesem Jahr schaffte es Lady Gaga ihre Legendenbildung weiter voran zu treiben. Da es scheinbar rein musikalisch nicht ausreicht, die Menschen zu überzeugen, muss halt eine Aura erschaffen werden, mit der man auffällt. Dazu werden absurd groteske Outfits entworfen, Auftritte wie der Besuch des Messias inszeniert und eine Mythenbildung betrieben, die fast schon obszön wirkt. Nunmehr sah sich auch Jean-Paul Gaultier bemüht, der selbsternannten Ikone beizukommen und ihr den Hof zu machen. Dereinst war es Madonna, der er solch Huldigung zuteilwerden ließ. Überhaupt sind die scheinbaren Extravaganzen bloß ein bemühter Abklatsch dessen, was die großen Diven des Popgeschäfts schon längst gemacht hatten. Musikalisch bewegt sich die Lady auch eher stilsicher im wenig einfallsreichen Synthie-Pop, wie Kylie Minogue, die vergleichsweise aber wesentlich sympathischer wirkt, oder eben der besagten Madonna. Und zu sagen hat sie auch nicht mehr, als andere und besonders, angesichts ihrer Jugend, weit weniger glaubwürdig. Es sind halt mediale Zeiten, in denen der Auftritt mehr zählt als deren Inhalt. Und so wird sie weiter an ihrer Inszenierung arbeiten und uns leider Gottes auch mit weiteren musikalischen Ausdünstungen langweilen, die sich binnen kürzester Zeit überlebt haben.
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