The Good 2011
27. Dec 11: Der culturshock-Jahresrückblick Teil I | culturshock-Team
2011 – was war das für ein Jahr! Der arabische Frühling hielt uns in Atem, Guttenberg ging (und kam vor kurzem leider wieder zurück), Kate und William heirateten, ein Attentäter wütete in Norwegen und hinterließ bei uns Entsetzen, ebenso die schreckliche Atomkatastrophe in Fukushima, und gerade als wir dachten, das Jahr neigt sich dem Ende zu und es wird ruhiger, erfahren wir von der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle und ihren menschenverachtenden Taten. Ein Jahr, das tatsächlich die Welt veränderte, womöglich zum Schlechteren. Und trotzdem wagen wir den Blick auf das Gute, vor allem in kultureller Hinsicht. Auf Lieder, die wir trällerten, Filme, die uns begeisterten und Ereignisse, die uns ein Schmunzeln entlockten – das alles mag das Schlechte dieses Jahres natürlich nicht aufzuwiegen, aber es hat schöne Momente geschaffen und zumindest unser kulturelles Herz erwärmt. Wir wünschen viel Spaß mit dem ersten Teil unseres Jahresrückblicks: The Good 2011.
Lieblingslieder 2011
Lana Del Rey – Video Games
Seit Oktober geisterte Video Games durch das Internet, wurde empfohlen, gepostet, geliked. Das Ergebnis: Der erste Platz in den deutschen Charts – und zwar völlig zu recht! Lana Del Rey singt in diesem Track auf wunderbar lethargisch-laszive Art von der einen, wahren Liebe, die uns den Himmel auf Erden erleben lässt. Das deutsche Feuilleton sieht in ihr mal die unerwünschte Prophetin einer neuen Retro-Welle, dann ein ausgeklügeltes Marketing-Produkt oder schließlich eine ernst zu nehmende Künstlerin mit großer Karriere-Perspektive. Wir sind gespannt und warten ab: Das Album Born to Die wird Ende Januar 2012 erwartet und soll die Antwort darauf bringen, ob die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt waren. Für diesen Song allemal:
Coldplay – Every Teardrop Is A Waterfall
Am 3. Juni 2011 erschien die erste Singleauskopplung des neuen Albums Mylo Xyloto und sorgte sogleich für Furore: Mürrische Stimmen warfen Plagiat vor, denn die Melodie gab es 1976 schon einmal zuhören von Peter Allen und Adrienne Anderson in dem Lied I Go To Rio. Tatsächlich adaptieren Coldplay diese eingängigen Klänge, aber kreierten doch etwas Eigenes daraus. Doch vielen Fans und anderen Musikgenießern war dieser Vorwurf herzlich egal, denn der melancholisch anmutende und gleichzeitig erbebende Song über die Kraft der Musik an sich, ist einfach klasse. Der internationale Erfolg untermauert dies sehr schön, also Mucke an und losträumen:
PJ Harvey - The Words That Maketh Murder
Mit ihrem 2011 erschienen Album Let England Shake bewies die Ausnahmekünstlerin mal wieder, wer in Sachen guter Indie-Musik das Sagen hat: PJ Harvey. Großartige Texte, kombiniert mit ihrer fantastischen Stimme in einem unverwechselbar vielschichtigen Klangrahmen sind das Prägende dieser Platte. Fast komplett in Eigenarbeit spielte die Multi-Instrumentalistin die Stücke ein und mit der Single The Words that Marketh Murder lässt sich ganz großartig die gesamte Bandbreite des Könnens von Polly Jean Harvey erfassen.
Meistgeträllert 2011
Adele – Rolling in the Deep
Das Jahr 2011 war ihr Jahr: Adele schaffte es mit ihrem zweiten Album 21 an die Spitze des Charts und ins große Bewusstsein des Mainstreams, wobei hier auch auf die Gefahren hingewiesen werden muss, wie wir an Coldplay nur allzu deutlich erkennen. Aber derzeit besteht dazu kein Anlass, denn ihre großartige Platte hat sich verdient nach ganz ob geschoben und mal mit der serienmäßigen Retortenmusik aufgeräumt! Ihr erste Single Rolling in the Deep ist daher wohl auch der Ohrwurm 2011 schlechthin. Diese Stimme, dieser Rhythmus, dieses Arrangement… einfach fantastisch!
Lieblingsfilme 2011
Blue Valentine
Zwei Menschen treffen in jungen Jahren aufeinander, verlieben sich, heiraten überstürzt und stehen Jahre später vor den Scherben ihrer Ehe. Was als Story kaum ein Schulterzucken auszulösen vermag, inszenierte Derek Cianfrance in Blue Valentine auf so eindringliche und bedrückende Weise, dass es selbst die Abgeklärtesten unter uns mitten ins Herz trifft. Dies liegt vor allem an der ungeheuerlichen Darstellungskraft von Ryan Gosling und Michelle Williams, die sogar für einen Oscar nominiert war. So schonungslos und intensiv wird das Zerbrechen einer Liebe selten auf die Leinwand gebracht – groß.
The Tree of Life
Ein Film, der die Gemüter spaltete: Als Frances Malicks The Tree of Life auf den Filmfestspielen von Cannes Premiere feierte, erntete der Film sowohl Applaus als auch Buhrufe. Und auch das hiesige Publikum spaltete sich in zwei Lager – man fand Malicks Werk entweder episch und bewegend oder verspürte 138 Minuten pure Langeweile angesichts dieser obskuren Vermengung von Urknall-Spezialeffekten, einer schemenhaften Familientragödie und dem orientierungslos umherwandelnden Sean Penn. Warum sollte man sich diesen Film also anschauen? Ganz einfach: Weil man zu den gefühlten fünfzig Prozent des Publikums gehören könnte, die diesen Film als wunderschöne, ungewöhnliche Symphonie über unser aller Werden und Sein inmitten dieses unverständlichen Kosmos und als ein einmaliges Kinoerlebnis in Erinnerung behalten. Für die übrigen fünfzig Prozent tut es uns leid.
Perfect Sense
“Nicht noch ein Endzeit-Film” mochte man denken, als man die Story von David McKenzies Perfect Sense erfuhr, doch es kam alles ganz anders. Denn die apokalyptische Vision dieses Films geht vor allem ans Innere: Eine Seuche, die die Menschen erst Geruchs-, dann Geschmacks- und schließlich Hörsinn verlieren lässt und dazwischen zwei Liebende, die mittendrin zueinander finden, sich verlieren und uns schließlich vor Augen führen, dass Zuneigung die einzige Zuflucht in den Wirren dieser imaginären wie unserer realen Welt ist. Perfect Sense ist ein dystopisches Drama, das das Leben und die Liebe feiert – ein Widerspruch in sich. Das kann man nicht beschreiben, das muss man gesehen haben, solange man noch kann…
Umwälzung
Es begann in… Tunesien
Was im Januar von diesem kleinen nordafrikanischen Land ausgehen sollte, war nicht abzusehen und scheint auch noch weit bis in die nächsten Jahre zu reichen: Der Arabische Frühling hielt Einzug! Als bisher einziges Land des Arabischen Frühlings hat es Tunesien geschafft, die ersten demokratischen Strukturen aufzubauen und scheint auch aus Sicht internationaler Beobachter auf einem guten Weg hin zu einem demokratischen Rechtsstaat zu sein. Dies verdient den höchsten Respekt an die nationalen Anstrengungen, insbesondere wenn wir uns das Chaos in Ägypten heute ansehen, und die besten Wünsche für die Zukunft!
Top-Serien 2011
Game of Thrones
Basierend auf den Romanen Das Lied von Eis und Feuer von dem US-amerikanischen Schriftsteller George R. R. Martin, strahlte HBO im April 2011 die erste Staffel des aus bisher fünf Bänden bestehenden Fantasy-Epos aus. Vor einer mystisch schönen, aber auch teilweise grausamen Kulisse erlebten wir den Machtkampf der führenden Adelsfamilien Stark, Lannister und Baratheon sowie des ausgerottet geglaubten Geschlechtes der einstigen Königsfamilie Targaryen. Intrigen pur, blutige Schlachten, jede Menge nackte Haut, eine wahnsinnig spannende Geschichte und charismatische Schauspieler, machen dieses Fantasy-Spektakel zu einer der Top-Serien aus dem Jahr 2011. Suchtpotenzial garantiert und das nicht nur für eingefleischte Genre-Fans!
Once Upon a Time
Insgeheim wussten wir es doch alle: Grimms Märchen sind wahr! Naja, zumindest in einer verdrehten Multiple-Universen-Fantasy-Version von der Welt, wie in der neuen ABC-Märchenserie Once Upon a Time von Edward Kitsis und Adam Horowitz. In der Märchenwelt wütet Schneewittchens böse Stiefmutter und Hexe vor Rache – warum, wird natürlich nicht verraten. Um Schneewittchen und ihren Prinz Charming für immer ins Unglück zu stürzen, lässt sie einen grausamen, mächtigen Fluch frei: alle Märchenbewohner werden in eine fürchterliche Welt verbannt, in der es kein Happy End gibt – das ist natürlich unsere Welt. Nun sitzen die bekannten Märchencharaktere in dem kleinen Örtchen Storybrook fest und wissen nicht mehr, wer sie wirklich sind. Die böse Königin alias Bürgermeisterin Regina Mills (Lana Parrilla) in der Realität, hat ihr Gedächtnis natürlich nicht verloren und stellt sicher, dass auch ja alle ihr tristes falsches Leben führen. Doch laut Prophezeiung gibt es allerdings eine Person, die diesen schrecklichen Fluch aufheben kann: Schneewittchens Tochter! In jeder Episode sehen wir Passagen aus der Märchenwelt, die gleichzeitig Einfluss auf die Realität haben. Sehr schöne Idee und Umsetzung!
Weg vom Fenster
Ciao, Silvio!
Lange hat es gedauert, den Starrsinn eines Mannes zu vertreiben und ihn aus Amt und Würden zu jagen. Auch wenn das Volk mit ebensolcher hartnäckigen Standfestigkeit an seinem Staatsgigolo Nummer Eins festhalten wollte, konnten die mehr als offensichtlichen Fakten es nicht verhindern und Silvio Berlusconi musste zurücktreten. Wenngleich es nicht wegen seiner mehr als dubiosen Verstrickungen und Affären geschah, bleibt doch ein Aufatmen zurück und der Grund dafür kann dann auch zurückstehen. Daher überwiegt die Freude und Hoffnung, dass Italien nunmehr nicht wegen Skandalen eines Einzigen sondern als ein ganzes Land, hoffentlich positiv, wieder wahrgenommen werden kann!
Album-Überraschung
Casper – XOXO
Seit seinen ersten Veröffentlichungen als Emo-Rapper verschrien und von der deutschen HipHop-Szene gemobbt, überraschte Casper im Sommer 2011 alle mit diesem Album, in dem gekonnt Rap, Indie und Emo-Core zu einem geschlossenen und atemberaubend guten Ganzen verschmolzen werden. Eingängige und zugleich komplexe Beats, eine interessante Bildsprache und schließlich Caspers kratzige dunkle Stimme – das alles ist überraschend, treffend und emotional (ja, verdammt nochmal!). Und statt die ganze Zeit sein Revier zu markieren, seine Skills zu loben und seine Konkurrenten in die Schranken zu verweisen, widmet sich Casper wichtigeren Belangen wie Tagträumen von ewigen Außenseitern (So perfekt), dem Tod von Freunden (Michael X) oder dem lang erwarteten Ausbruch aus dem Hamsterrad (Auf und davon). Mit letzterem bescherte er uns ganz nebenbei einen der schönsten Clips des Jahres:
Lieblingsalben 2011
Fleet Foxes - Helplessness Blues
Obwohl Frontmann Robin Pecknold eher wenig von dem neusten Machwerke seiner Fleet Foxes hielt, ist die Welt da draußen ganz schwer begeistert. Bekannt für ihren verträumt sphärischen Gitarrensound voll Unbeschwertheit und doch großer Tiefe, legten sie mit Helplessness Blues ein durchaus ausgereiftes Werk vor. Zwar rücken die Echos und großen Arrangements näher, doch bleiben sich die Barden aus Seattle treu und unverkennbar. Mit dieser Platte schufen sie für 2011 wieder einen Raum der Harmonie und des Wohlklangs im chaotischen Weltgeschehen da draußen!
James Blake – James Blake
Auch wenn über das Jahr 2011 hin die Begeisterung an James Blake abnahm, ist doch seine Coverversion von Feists Song Limit to your Love ein fester Bestandteil des Jahres geworden, dem selbst Kritiker nicht widerstehen konnten und sich in Lobeshymnen ergossen. Diese spezielle Art, im komplexen Gefüge eines Songs auf die ruhigen Momente den Fokus zu legen, die Arrangements derart zurückzufahren und doch große Dichte zu behalten, ist die große Kunst von James Blake. Daher ist auch sein Album eine der Entdeckungen in Sachen Electronic Music!
Feist – Metals
Lange war es sehr still um Feist geworden, die nach ihrem letzten Album The Reminder den Rückzug antrat und sich zunächst etwas versteckt doch an neuen Sachen arbeitete. Mit ihrer neuen Platte Metals bestreitet sie nunmehr recht neues Terrain, denn die bisherige Leichtigkeit ihrer verträumten Melancholie ist nun dem Ernst gewichen. Lange hat sie sich Zeit gelassen, neue Ideen probiert und sich sehr bewusst mit dem Abmischen auseinandergesetzt. Herausgekommen ist eine wunderbare Platte, die dem Zuhörer direkt ins Ohr geht und dort so schnell nicht mehr heraus möchte.
Verbalklatschen
Wer hat noch nicht, wer will noch?
So oder so ähnlich könnte man womöglich das Motto der ungewöhnlich Moderation des Komikers, Regisseurs, Darstellers und Drehbuchschreibers, Ricky Gervais, bei der diesjährigen Golden Globe-Verleihung bezeichnen. So derb wie in diesem Jahr wurde bisher selten über die Prominenz Hollywoods von Seiten des Moderators hergezogen. Mit Sätzen wie: "Willkommen zu den Golden Globes. Es wird eine Nacht voller Party und Saufen – Charlie Sheen würde es 'Frühstück' nennen" blieb kaum jemand verschont und der ein oder andere Promis vergrätzt. So sah sich Tom Hanks genötigt, Gervais zurechtzuweisen und doch half es nichts, denn im nächsten Jahr darf Gervais wieder ran. Schließlich war das Fernsehpublikum derart begeistert von diesen schamlosen Verbalohrfeigen, dass sich der Verband veranlasst sah, auch im nächsten Jahr auf Gervais zu setzen. Und warum auch nicht, denn wer nichts zum Spott anbietet, braucht ja auch nichts zu fürchten. Zudem hat Lachen noch niemandem geschadet und etwas Ironie steht auch einer eher biederen Hollywood-Kultur ganz gut!
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