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Egoist, Karrierist, Aktivist

06. Dec 16: Ein Biopic über den Meeres-Eroberer Jacques Cousteau | Dobrila Kontić

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Jahrzehntelang erklärten seine Dokumentarfilme den Fernseh-Zuschauern die Meereswelt, brachten ihnen die Lebewesen des Ozeans näher und drangen bis zu den Gewässern der Antarktis vor: Jacques-Yves Cousteau (1910-1997). Doch statt dem französischen Meeres-Eroberer zu huldigen, geht Jérôme Salles Biopic Jacques hart mit ihm ins Gericht und versucht in zwei Stunden voller berauschendem Meeresblau die Geschichte einer Läuterung zu erzählen.

Der Weg zur Calypso

Eine glückliche Familie begegnet uns zu Beginn dieses Films, der im Jahr 1949 zu seiner Geschichte ansetzt: Jacques (Lambert Wilson), 39 Jahre alt, zweifacher Familienvater, hat soeben seinen Dienst bei der französischen Marine hinter sich gelassen und beschlossen, fortan mit seiner Passion für den Ozean Geld zu verdienen. Unterstützt wird er dabei von seiner Ehefrau Simone (Audrey Tautou), die für den Kauf des nötigen Equipments den Schmuck ihrer verhassten Mutter versetzt, und von einem britischen Politiker, der dem passionierten Meeresfilmer sein Militärboot Calypso für den symbolischen Wert von einem Franc pro Jahr überlässt.

Die Cousteaus unter Wasser

Calypso – so heißt in der griechischen Mythologie die Meernymphe, die den Halbgott Odysseus lange Zeit von seiner Familie fernhielt, bevor sie bereit war ihn zu dieser zurückkehren zu lassen. Eine Symbolik, auf die Regisseur Jérôme Salle, dessen Biopic im Original L’Odyssée heißt, bewusst anspielt. Denn schon bald nach der Sanierung der Calypso lockern sich die Familienbande: Jean-Michel und Philippe werden aufs Internat geschickt, damit Jacques und Simone fortan ihre Meeresexpeditionen durchführen können. Dies nimmt vor allem der kleine Philippe seinem Vater sehr übel. Während seine Eltern fortan die Weltmeere bereisen und ihm Postkarten aus exotischen Ländern schicken, weint sich Philippe in der Einsamkeit des Internats in den Schlaf, neben ihm liegt die Taucherbrille seines Vaters. Wir sehen ihn schließlich zum ungestümen jungen Mann (Pierre Niney) heranwachsen, der nach seinem Schulabschluss zum elterlichen Schiff zurückkehrt und dort dem berühmten Mann begegnet, zu dem sein Vater inzwischen avanciert ist.

Entdeckung, Eroberung, Kolonisation

Als Entdecker der Meere wird er inzwischen gefeiert, spricht in Talkshows von seiner Zukunftsvision einer Kolonisation des Meeresgrundes, eines ‚Homo Aquaticus‘, der sich mittels künstlicher Kiemen das Meer als Lebensraum zurückerobern wird. Es sind die 1960er und seine Expeditionen werden zur nationalen Leistung erhoben: „Die Amerikaner erobern den Weltraum, wir Franzosen erobern die Weltmeere“, heißt es an einer Stelle des Films. Dass die Weltmeere heute noch immer als weniger erschlossen als der Weltraum gelten, weisen Forscher zwar als Irrglaube zurück, gestehen aber weiterhin ein, dass der Wissensvorsprung ein geringer ist.

Philippe (Pierre Niney) und Jacques (Lambert Wilson)

Egoist, Karrierist, Aktivist

Während Jacques seinem älteren Sohn Jean-Michel (ebenso wie der Film) kaum Beachtung schenkt, ist Philippe nach seinem Schulabschluss an seiner Seite: Er begleitet die Expeditionen seines Vaters als Unterwasser-Kameramann mit und ist bei den Verhandlungen mit Fernsehstudios in New York dabei. Doch aus seiner Perspektive nehmen wir Jacques zunehmend als egoistischen Karrieristen wahr, der das Rampenlicht seiner Familie vorzieht. Neben dem vernachlässigten Sohn Jean-Michel, leidet vor allem Jacques Ehefrau Simone darunter. Audrey Tautou zeigt im Laufe des Films die beeindruckende Wandlung einer strahlenden jungen Frau zu einer verbitterten, resoluten Schiffsdame, die sich aufgrund der Eskapaden ihres Mannes vorbehält, die einzige Frau auf der Calypso sein zu dürfen.

Die betrogene Ehefrau: Simone (Audrey Tautou)

Es ist ihr Blick und der ihres Sohnes Philippe, durch den wir Jacques Cousteau wahrnehmen – nur selten blicken wir durch seine Perspektive auf die Umstände, wodurch sich ein insgesamt sehr kritisches Bild vom großen Meeresfilmer einstellt, auch in professioneller Hinsicht: Um sich bei den Zuschauern einzuprägen, drängt er seiner Crew an einer Stelle die roten Mützen auf (Personal Branding würde man das heutzutage nennen), was Philippe für ebenso verachtenswert hält wie die Gefangennahme zweier Seelöwen zu Unterhaltungszwecken. Lächerlich und pseudo-wissenschaftlich erscheinen die dokumentarischen Arbeiten von Jacques zunehmend. Erst ein Schuldenberg und Philippes Einsatz für den Umweltschutz sorgen bei Jacques zum Umdenken. Etwas mühsam walzt der Film seine finale Läuterung nach einem schweren Schicksalsschlag im letzten Akt aus. Bis dahin präsentiert sich Jacques aber als kurzweilige Filmbiografie, die Jacques Cousteaus berufliche Passion mit bildgewaltigen Aufnahmen und seine privaten Verfehlungen mit herausragenden Darstellern ergründet.

Jacques – Entdecker der Ozeane (L’Odysée)
Curiosa Films, Frankreich 2016
Regie: Jérôme Salle. Drehbuch: Jérôme Salle, Laurent Turner
Besetzung: Lambert Wilson, Pierre Niney, Audrey Tautou
122 Min. Kinostart Deutschland: 8. Dezember 2016

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