Eine finstere Gesellschaftsstudie
24. Aug 10: Das Debüt Ich habe die Unschuld kotzen sehen von Dirk Bernemann zwischen Faszination und Ekel | Martin Müller
In einer Welt, die scheinbar immer mehr im Chaos zu versinken droht, deren so attitüdenhafte Selbstgefälligkeit im Wegsehen und gleichzeitigem Beschreien von Idealen einer zivilisierten Gesellschaft, die dennoch an ihrer eigenen Kleinheit scheitert, fast schon zynisch wirkt, ist es schon schwer geworden, wirklich positiv in diese Welt und deren Zukunft zu blicken. Unsere anfängliche Unschuld, die wir zum Zeitpunkt der Geburt noch besitzen, wird uns dann im Laufe der Jahre immer mehr geraubt und schließlich unter Pseudo-Moral und einem kaum mehr gültigem Wertesystem begraben. Dabei gehen aber immer mehr Menschen verloren, finden keinen Halt mehr und werden dann auch noch von der angeblich sozialen Gesellschaft verstoßen. Dieses Szenario prangert Dirk Bernemann in seinem Buch Ich habe die Unschuld kotzen sehen offen an. Doch geht es ihm dabei weniger um eine Abrechnung mit System und Gesellschaft, als mehr einen Einblick in das Denken von jenen zu geben, die sich entwurzelt fühlen und von Leere umfangen sind.
Dieses zersetzende Bild lässt Bernemann anhand von verschiedenen Charakteren entstehen, die alle miteinander verbunden sind. Aus dreizehn aneinander gereihten Episoden, die immer Bezug zu einer der anderen haben, strickt er ein Bild von kolossaler Gewalt und tiefer innerer Leere und Einsamkeit, die zwischen den Figuren variieren. Eröffnet wird der Reigen mit einem so sinnlos und brutal erscheinenden Mord aus der Sicht des Täters, seine Simplizität in Gedanken für dieses Verbrechen („Ich zolle ihr Tribut, unserer abgestandenen Zeit der Unfähigkeit zu lieben und meiner Unfähigkeit wegzulaufen.“), die es so grausam machen, hinüber zum Polizisten, der diesen Mord aufklären soll und selbst mit tiefer emotionaler Kälte zu kämpfen hat. Schließlich denkt er darüber nach, seinen Vater umbringen zu lassen, was er dann auch in die Tat umsetzt und einen Killer beauftragt. Bernemann schwenkt dann über zum Vater mit Hang zur Gewalttätigkeit und zum Suff, weiter zu dessen Mörder, der eine Frau namens Lydia liebt, dann weiter zu ihr und so weiter. Jeder dieser kurzen Einblicke in ein Leben baut auf das vorhergehende auf und folgt so zu einem Gesamtbild, verrät aber auch mehr über die jeweils andere Person und verdichtet die Innen- mit der Außenansicht. Hiernach lässt sich Bernemann in Gedichten und Textfragmenten aus, die von der sich durch den Kapitalismus zersetzende Gesellschaft handeln, von Leere und dem Verloren seins, weil der Sinn im Tun schlicht nur aus hohlen Mechanismen besteht, weshalb die logische Konsequenz aus Sicht des ‚bernemannschen Bildes‘ nur der Suizid sein kann.
Selten hat ein Titel besser zum Inhalt eines Buches gepasst, wie dieser. Ich habe die Unschuld kotzen sehen ist prägnant geschrieben. Sprachlich passt sich Bernemann seinen Charakteren an, kurz, derb und obszön breiten sich die Gedanken aus, wirken dabei oftmals beklemmend und zu brutal. Die hier beschriebene Verzweiflung und Hilflosigkeit geht über in eine Teilnahmslosigkeit, die sich dann in Gewalt niederschlägt. Ein düsteres Bild einer Gesellschaft am Rande der Masse, die wir immer mehr aus den Augen verlieren. Beeindruckend scharf gezeichnet mit den Mitteln der Sprache, auch wenn diese Kost alles andere als leicht zu verdauen ist und eher Entsetzen auslöst. Mit den sich anschließenden Gedichten scheint Bernemann auch gleich eine Antwort nach dem Warum der vorherigen Geschichten zu liefern, bringt dabei seine ganze Frustration zum Ausdruck, die heute viele Menschen spüren. Man könnte geneigt sein, hierin reinen Pessimismus zu sehen, doch die immer wieder auch in den Medien gezeigten Ausbrüche von Gewalt durch jene, die am Erfolg der Wohlstands-Gesellschaft nicht partizipieren können, scheinen ihm recht zu geben. Ein aufwühlendes Buch, das niemanden kalt lässt.
| Dirk Bernemann: Ich habe die Unschuld Kotzen sehen |
| Ubooks-Verlag (2005) |
| 128 Seiten, 9,95 Euro |
| Website des Ubooks-Verlages |

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