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Schamlose Retro-Offensive

07. Oct 10: Hurts bringen mit ihrem Debüt „Happiness“ die 80er zurück | Martin Müller

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Retrowellen schlagen bekanntermaßen Jahr für Jahr um sich, mal näher am Original, mal weniger. Das hartnäckige Klammern an den 80ern ist ja fast schon ein Virus, der sicherlich irgendwann vergehen wird. Zuvor wird noch mal fleißig die Truhe abgelegter Klamotten durchforstet, die Schulterpolster zu Recht gerückt und hübsche Turmfrisuren mit Haarspray zu betongleichen Monstrositäten gestylt. Und wem das noch nicht reicht, der legt am Besten Hurts auf, die wohl derzeit die schamloseste ‚Back-to-the-80´s‘ Welle reiten. „Happiness“ heißt der hemmungslose Wiederbelebungsversuch der beiden Engländer, ausgegoren im tristen Kellerstudio, erklommen sie den Olymp der britischen Presse, die sich vor Lobeshymnen nicht mehr einkriegen konnte. Zwar ist Manchester, ihre Heimat, eher für rockigeren Sound berühmt, aber das stört Theo Hutchcraft und Adam Anderson nicht besonders. Ihre musikalischen Vorbilder liegen eben bei Depeche Mode, Tears for Fears oder Frankie Goes to Hollywood - und das hört man.

Der reanimierte kühle Sound der Italo- und Euro-Disco wirkt bei Hurts nicht derart billig, wie man meinen sollte, denn die beiden haben einfach zu viel Eleganz. Dazu aber auch ein Händchen für den ganz großen Pop, mit eingängiger Melodie, kräftigen Hooklines und hymnischen Refrains. So verwundert es niemanden, dass die Single „Wonderful Life“ mächtig Anklang fand. Anfangs etwas schleppend baut sich dann die ganze Euphorie im Refrain auf, bleibt aber dennoch düster. Die Zeile „Don´t give up / It´s a wonderful life“ brennt sich einem quasi direkt ins Hirn, so hymnisch untermalt. Daneben birgt dieses Album noch weitere Hits, die ebenso gewaltig wirken, ja fast schon dramatisch, wenn sie in der Mitte kurz inne halten, um dann wieder ganz groß anzusetzen. So obszön dicht am Kitsch gebaut, mangelt es „Blood, Tears and Gold“ oder „Sunday“ nicht an Eingängigkeit. Letzterer erinnert schon etwas an Keane in Theatralik, aber Hurts leugnen ihren Hang zur selben nicht. Bei „Evelyn“ manifestiert sich dann die ganze wuchtige Theatralik, bis es fast schon weh tut. Dann folgt auch gleich die Erlösung, wenn mit „Better than Love“ auf die Tanzfläche gebeten wird. Fluorisierender Synthie und durchdringender Bass holen einen noch einmal heraus aus dem Tal der Tränen, um dann wieder tief zu fallen. Doch die Krone des Ganzen setzen die beiden mit dem Backing-Track auf, der mit leidlich übertriebenem Choral über „Verona“ auslautet, wie dereinst Freddie Mercury und Montserrat Caballé ihr „Barcelona“ dahin schmachteten.

Die Ästhetik der 80er, gebannt in synthetischer Musik von Hurts geht da weiter, wo Tears for Fears aufhörten, in dem sie konsequent den vorgeschriebenen Weg weitergehen. Der scheinbar ganze Weltschmerz spiegelt sich in den Balladen wieder, setzt auf große Posen und schafft damit durchweg gefällige Stücke. Nach dieser Platte wähnt man sich in einer Zeitmaschine mit direktem Kurs in die 80er. Wer sich nicht davor fürchtet, in hochgekrempelten Jacketts oder hochgeschlossen in Hemdsärmel durch die Sphären dieser Klangwelt voll weltvergessender Sounds zu wandeln, der wird sich hier heimisch fühlen. Dabei vermitteln die beiden eine Ästhetik, die von Tom Fords A Single Man ausgeliehen scheint. Ihre Videos folgen der strengen Eleganz der Musik – alles ist gestellt und genau platziert. Regungslos und apathisch stehen sie ungerührt im Bild, schier unberührbar und singen doch über sich bewegende Emotionen. Eine Antithese? Sei es drum, denn die barocke Opulenz entschwindet in dieser kühlen Ästhetik.

Offizielle Website von Hurts mit allen wunderbar ästhetisch-theatralischen Videos.

Happiness von Hurts
Erschienen am 27.08.2010 bei FOUR MUSIC (Sony Music)
Tourdaten für Deutschland:
08.03.2011 - Hamburg / Große Freiheit 36
09.03.2011 - Neu-Isenburg / Hugenottenhalle
11.03.2011 - Dresden / Alter Schlachthof
12.03.2011 - Berlin / Huxleys Fritz
16.03.2011 - München / Tonhalle
17.03.2011 - Köln / E-Werk

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