Ein Bild des Glücks und der Verwüstung
06. Jul 10: Eine Reportage über das Hurricane Festival 2010 | Jana Brinckmann, Martin Müller
Seit 1997 findet in der tiefsten niedersächsischen Provinz, irgendwo im Nirgendwo, zwischen Hamburg und Bremen im kleinen Kaff Scheeßel, das Hurricane statt. Anfangs war es noch ganz beschaulich zwischen den Feldern und Wäldern – eben ganz anheimelnd: Mit gerade mal zwei Bühnen, der großen Open-Air Stage und der Zeltbühne an zwei Spieltagen, kam man damals noch aus, doch sind diese Zeiten ein für alle Mal vorbei! Langsam steigerte sich das Hurricane auf drei Bühnen und weitete sich dann auch auf drei Tage aus. Mehr Bühnen, mehr Tage und natürlich auch mehr Bands lockten auch immer mehr Menschen in dieses Idyll. So besuchten letztes Jahr um die 75.000 Menschen das Spektakel, die absolut nichts mehr von der Beschaulichkeit übrig ließen. Die umliegenden Felder waren besetzt von Verrückten oder jenen, die es nach drei Tagen werden sollten. Sie verwandelten die Zeltplätze zu Bühnen der Selbstdarstellung und mutwilligen Zerstörung, hinterließen ein Trümmerfeld, übersät mit Müll und Sinnbildern im Suff ertränkter Moral und Sittlichkeit. Nein, dieser Ort lässt an Vernunft und Zivilisation keinen Zweifel, denn hier existiert für die Tage des vorletzten Wochenendes im Juni eines jeden Jahres keine Norm einer bürgerlichen Gesellschaft. Und das ist auch gut so!
Und dieses Ungetüm wächst von Jahr zu Jahr weiter. So gab es in diesem eine weitere Bühne, die allein der elektronischen Musik gewidmet war, eine Public-Viewing-Leinwand für alle Fußballfans und natürlich das Diskozelt, das all jene ausnimmt, die nach den Konzerten den Drang verspüren, weiter feiern zu wollen. Dazu kommen die seit dem letzten Jahr eingerichteten ‚Tante-Emma-Läden‘ (hier natürlich heißen sie ‚Uncle-Emma‘), die die Versorgung vor Ort mit Getränken gewährleisten und alle sonst noch nötigen Einrichtungen, die das moderne Leben so auszeichnen: Geldautomaten, öffentliche Duschen, Telefonzellen, ‚Läden‘ für den Campingbedarf usw. Hier muss niemand auf seine Annehmlichkeiten verzichten, bis auf ein akzeptables Maß an Hygiene. Aber das stört hier sowieso niemanden, denn neben dem permanent überhöhten Geräuschpegel liegt auch der Alkoholpegel jenseits von Gut und Böse.
Daneben sind natürlich die Bands das Wichtigste. Wie in den Vorjahren haben sich die Veranstalter auch 2010 wieder ein buntes Potpourri aus der Musikwelt eingeladen.
So gab in der Electro-Zeltbühne (White Stage) gleich in der Nacht vom Freitag Mr. Oizo sein Set zum Besten, dem wohl bekanntesten Künstler hinter den Turntables. Eigentlich ist ja mit diesem Namen eher eine kleine gelbe Plüschfigur verbunden, doch war von ihm nichts zu sehen. Vielmehr gab es wummernde Beats mit Minimal-Sounds gepaart, wobei die Ausgelassenheit des zeitweilig fast zum Bersten vollen Zeltes einem die Luft zum Atmen raubte. Verschwitzt und ausgepowert schloss damit die erste Nacht.
Die seit 2009 wiedervereinigte britische Alternative-Rock-Band Skunk Anansie gab sich am Samstag die Ehre. Angeführt von der charismatischen Frontfrau mit der wunderschön und besonders klingenden lauten Stimme, Skin alias Deborah Anne Dyer, machten sie dem Publikum ordentlich Feuer unterm Hintern. Denn das kahlköpfige Energiebündel fegte wie ein Wirbelsturm über die Bühne, leckte nebenbei den Gitarristen ab, sprang in die Zuschauermenge und sang trotzdem die geliebten altbekannten sowie neueren Lieder grandios. Den neuesten Song „Because of You“, über den Gefühlstod nach einer grausamen Liebe, spielten sie selbstverständlich auch und das Reinhören lohnt sich:
Porcupine Tree sind in Deutschland noch nicht besonders bekannt, was sich auch in der Zahl der Zuschauer widerspiegelte. Doch was für eine fatale Ignoranz: Der Progressive Rock mit psychodelischem Trip-Hop-Elementen verwindet sowohl schmerzliche Melancholie wie auch wilde Metall-Ausbrüche. Vielleicht erlaubten deshalb die Veranstalter, dass sie auf der großen Bühne (Green Stage) spielen durften, was die Leere nur noch verstärkte.
Am frühen Samstagabend beehrten uns dann Archive auf der kleinen Bühne (Blue Stage). Eine vielgeschätzte Band, die die Grenzen von Elektronic und Rock verschwimmen lässt, den Raum öffnet für Hip Hop- und Akustikelemente, um uns so in eine ganz eigene Welt zu entführen. Mal ganz lieblich, dann wieder aggressiv, wirbeln die Gitarren, dann mehr die Synthies und wiederum der Rap durcheinander. Ein wahrer Ritt durch die Gefühlswelt und ein Auftakt, zu einer noch lang werdenden Nacht.
Doch scheinen die sich anschließenden The XX erstmals das Tempo wieder heraus nehmen zu wollen. Sicherlich sind sie keine Band, bei der das Wilde und Expressive im Vordergrund steht. Die Erwartung lag wohl anders, denn vor der ‚Blue Stage‘, der kleinen Bühne, gab es quasi ein Massenaufgebot, die der Raum schier nicht mehr zu fassen schien. Mit einer durchaus beeindruckend stilvollen und gut abgestimmten Lightshow überzeugend, aber wenig stimmungsvoll auftretend, verloren viele das Interesse. Nun ja, man muss aber auch gestehen, dass der Sound von der kleinen Bühne nicht gerade überwältigend war und die Emo-Attitüde von The XX in ihrer etwas vorsichplätschernde Darbietung wenig zu einer glanzvolleren Stimmung beitrug.
Den krönenden Abschluss des Samstags bildeten die Altmeister des politischen TripHop: Massive Attack auf der Blue Stage. Quasi frisch aus der Versenkung auferstanden, fanden sie wieder zur alten Form und zeigten einem beeindruckten Publikum, wie man politische Meinungsmache in eine Live-Show einbinden kann. So kam wieder der große Screen zum Einsatz, über den uns Zahlen, Aussagen und Statements zu unterschiedlichen Schieflagen in der heutigen Weltpolitik näher gebracht wurden. Vielen, oder zumindest jenen, die bereits 2005 mit dabei waren, kam das reichlich bekannt vor, aber es ist immer wieder ein Genuss. Doch die eigentliche Überraschung war die neue Sängerin, Martina Topley-Bird, die nicht nur ihre Songs vom neuen Album interpretierte, sondern auch für die alten Kracher „Teardrop“ oder Unfinished Sympathy“ einsprang. Einfach grandios, nicht zuletzt weil auch Altmeister Horace Andy seinen unvergleichlichen Falsett-Gesang einbrachte. Sie sind wieder da und live ein überwältigendes Erlebnis.
Am Sonntag ging der Spaß dann leider in die letzte Runde und wem das aufs Gemüt schlug, der brauchte nur am frühen Abend zum Konzert der erst 2006 von New Yorker Studenten gegründeten Band Vampire Weekend erscheinen. Denn ihr musikalischer Mischmasch aus u.a. Indierock, Afrobeat, New-Wave und Punk verbreitet einfach nur gute Laune.
Am letzten Tag bildeten die Dance-Urgesteine Faithless ein recht nettes Highlight. Sicherlich sind ihre nach dem gleichen Muster gestrickten, Massentauglichen Kracher etwas aus der Mode gekommen, aber sie bereiten ungemein Spaß. So sehr, dass es bei „Insomnia“ zu Tumult-artigen Szenen kam, wie sie sonst nur bei Hardrockern anzutreffen sind. Im strahlenden Sonnenschein wurde aus dem gesamten Repertoire eine Stunde Dance vom Feinsten gegeben.
Fast zeitgleich mit Faithless spielte die Hamburger HipHop- und Electro-Formation Deichkind, die mit ihren Masken, Neon-Kostümen und stets wechselnden Bühnenbildern wohl mit Abstand die kreativste Bühnenshow hinlegten. Im musikalischen Sortiment befanden sich natürlich die beliebtesten, zum Teil neu interpretierten Chart-Hits wie „Arbeit nervt!“ und „Remmidemmi“, was die Menge zum abtanzen brachte. Dieser Auftritt war selbst für keine Fans ein Erlebnis!
Den Abschluss bildeten schließlich die Electro-Punks von The Prodigy. Lange war nichts mehr von ihnen zu hören, doch leise sind sie deshalb noch lange nicht geworden. Zunächst eine fast halbstündige Verspätung, aber dann waren sie mit großem Knall und wild flackerndem Licht, mit alter Kraft und Aggression wieder da. So fand mit großem Getöse das vierzehnte Hurricane sein Ende. Fulminanter geht es kaum.
Auch dieses Jahr hielt der Name, was er verspricht: Hurricane! Neben dem Sturm auf den vier Bühnen begleitete ein Wechselbad aus Regen, heftigem Wind und Sonne das Geschehen im beschaulichen Scheeßel. Die großen Schlammfelder blieben zwar dieses Jahr aus, aber die mehr als kühlen Temperaturen ließen ein Gefühl von Sommer gar nicht erst aufkommen. Doch im Herzen der Menschen gab es genug Sonnenschein, um sich wohlig zu fühlen.
| Infobox |
| Das Hurricane findet mit seiner kleinen Schwester, dem Southside, seit 1997 parallel statt und beide erreichten dieses Jahr die Rekordbesucherzahl von insgesamt 150.000 Menschen. Drei Tage, fast 80 Bands aus allen Genres auf vier Bühnen, machen das Duo zu einem der größten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland. Traditionell findet das Doppelfestival am vorletzten Wochenende des Junis statt. Weitere Infos und Bilder findet ihr auf der Website des Hurricanes: |
| Offizielle Website des Hurricane Festivals |






good share, great article, very usefull for us...thanks!
Kommentieren