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Von Menschen und Monstern

10. Jan 18: Wissenschaftsjournalist Hubert Filser erkundet in Menschen brauchen Monster, was Monster und damit Menschen ausmacht | Dobrila Kontić

Sie lauern unter so manchem Kinderbett, werden in tiefen Seen ebenso wie in den höchsten Gebirgen gesichtet, bescheren uns als Figuren in Film und Literatur schlaflose Nächte und bezeichnen alles, was wir angsteinflößend oder abstoßend finden: Monster. Wissenschaftsjournalist Hubert Filser hat sich weder von der schieren Unbegrenztheit dieses Oberbegriffs noch von der umfassenden Kulturgeschichte dieses Phänomens abschrecken lassen und erklärt in seinem Sachbuch Menschen brauchen Monster, welche Funktionen Monster für uns erfüllen und was wir aus der Auseinandersetzung mit ihnen lernen können.

Die Urangst und die Angstgesellschaft

Filsers Buch Menschen brauchen Monster ging 2015 sein gleichnamiger Artikel in der Süddeutschen Zeitung voraus, in dem er erklärte, der Mensch erschaffe und brauche Monster, um sich selbst besser verstehen zu lernen. Weshalb sich das Thema für eine größere Erkundung eignete, lässt sich an der Widmung des nun veröffentlichten Buchs ablesen: „Für alle, die Angst haben.“ Dies spielt nicht nur auf ein in der gesamten Menschheit tief verankertes Gefühl an, sondern greift auch den besonderen heutigen Zeitgeist der westlichen Hemisphäre auf: die „Angstgesellschaft“, auf die Filser an anderen Stellen im Buch wiederholt eingeht.

Definiert und kategorisiert

Um zunächst aber den Begriff „Monster“ näher zu erfassen, greift Filser wie im damaligen SZ-Artikel 40.000 Jahre zurück und beschreibt das damals an eine südfranzösische Höhlenwand gemalte Frau-Stier-Wesen als vielleicht erstes Monster der Menschheitsgeschichte. Filser erkundet diese Ursprünglichkeit auf mehrfache Weise, geht auf die Neigung des menschlichen Gehirns zur Fehldeutung der Umgebung ein und verknüpft sie mit archäologischen Erkenntnissen zu ähnlichen Funden in anderen europäischen Ländern, sowie in Indonesien und Australien. Monster dienen hier als Beleg für den Beginn der Fiktion und stellen zugleich „mit Emotionen aus unserem Unterbewusstsein aufgeladene Figuren“ dar. Dem von Sigmund Freud formulierten „Angst-Lust-Prinzip“ entsprechend verkörpern Monster zugleich unsere tiefsten Ängste wie unsere verborgensten Sehnsüchte.

Wie vielfältig diese Verkörperungen ausfallen können, zeigt Filsers Kategorisierungsversuch für Monster: Kapitelweise geht es um Monster aus der Natur (z.B. den Yeti), Monster aus der Vergangenheit (z.B. Vampire), innere Monster („Das Böse in uns“). Besonders aufschlussreich und hochaktuell wird’s im Abschnitt zu erschaffenen Monstern: Hier spannt Filser einen Bogen vom Lehmriesen Golem zu den Cyborgs, Datenkraken und Botnets von heute. Er stößt den Leser auf die Anregung, wir müssten uns um die von uns erschaffenen Technologien so kümmern wie um unsere Kinder, damit sie nicht zu Monster würden. Eindeutig das interessanteste Kapitel von Menschen brauchen Monster

Monster-Evolution

Unbedingt lesenswert, wenn auch mit den vorangegangenen Kapiteln sich thematisch immer wieder überlappend, ist die von Filser anschließend nachgezeichnete Monster-Evolution: Mythen und Vorstellungen zum Monströsen in der Steinzeit, der Antike, dem Mittelalter und der Neuzeit werden hier nach und nach versammelt und dabei aufgezeigt, welche wechselnden Funktionen Monster im jeweiligen Zeitalter einnahmen. Schließlich gelangt Filser zum kürzlich ausgerufenen Anthropozän. Das Zeitalter, in dem die Menschen in völlig neuem Ausmaß in die Natur eingreifen, konfrontiert uns Filser zufolge mit neuartigen Monstern, die nicht mehr die Angst vor dem Unerklärlichen, sondern vor der Selbstüberschätzung verkörpern. Vermenschlichte Monster wie der Vampir und von Menschenhand erschaffene Monster weisen den Weg zu einer neuen Selbstreflexion. Diese mündet gegenwärtig in der von Ulrich Beck formulierten „Angstgesellschaft“ und einem fulminanten Comeback der Monster in der Unterhaltungsindustrie.

Der gesprengte Monsterkoffer

Filser spannt einen weiten Bogen in Menschen brauchen Monster und wechselt häufig von einer persönlichen zur wissenschaftlichen Perspektive. Dies entspricht dem von ihm im Vorwort aufgegriffenen Bild von Newt Scamanders schwer beherrschbaren Monster-Koffer aus Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Immer mal wieder wird der Rote Faden liegen gelassen und Filser wendet sich einem für ihn besonders interessanten Phänomen, Fund oder Monster zu. Dies trifft aber nicht immer das Leserinteresse und fügt dem insgesamt beeindruckenden Gesamtüberblick über die Kulturgeschichte von Monstern ebenso Schaden zu wie die unnötigen Exkurse zu den „gruseligsten Filmmonstern“ oder den „unheimlichsten Orten“. Dennoch überwiegen die Stärken des Buchs, die sich vor allem in der Analyse der gegenwärtigen Monster und der auf unsere Hybris fokussierten Ängste äußern. Das nachdenklich stimmende Foucault-Zitat zum Ende des Buchs deutet an, in welche Richtung diese Analyse noch gehen kann: „Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“

Hubert Filser:
Menschen brauchen Monster. Alles über gruselige Gestalten und das Dunkle in uns
Mit 20 Abbildungen von Peter M. Hoffmann
Piper Verlag, 2017
288 S., 20,00 Euro

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