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Fallende Grenzen

17. Apr 12: Mirren und Gedeck begeistern im intimen Kammerspiel Hinter der Tür | Martin Müller

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Bisweilen üben kauzige oder gar verschrobene Menschen eine ganz besondere Wirkung auf uns aus, die schwerlich erklärbar scheint. Mit scharfer Zunge und einer tiefliegenden Weisheit – zumindest manchmal schaffen sie es auf recht unerwartete Weise, uns in unseren Grundfesten zu erschüttern und längst vergessene oder gar niemals gestellte Fragen aufzuwerfen, die uns zweifelnd an uns selbst zurück lassen. Ein solcher Mensch ist Emerenc, die von István Szabó nach dem Roman Hinter der Tür der ungarischen Autorin Magda Szabó (nicht mit dem Regisseur verwandt ) als filmische Hommage an ebensolche Menschen als auch an das schriftstellerische Werk in Szene gesetzt wurde. Dabei nähert sich Szabó in ganz besonders intimen Aufnahmen der wahren Begebenheit zwischen Magda (Martina Gedeck) und ihrer Hausangestellten Emerenc (Helen Mirren) und ihrer seltsam tiefen Freundschaft, die weit über den Tod hinfort dauert.

Budapest in den 1960ern: Magda ist gerade mit ihrem Mann Tibor (Károly Eperjes) in eine größere Wohnung gezogen und möchte sich vor allem auch mehr um ihre Schriftstellerei kümmern. Daher fragt sie bei der gegenüber wohnenden Emerenc an, ob sie ihre Dienste in Anspruch nehmen könne. Emerenc weist sie zunächst schroff zurück, nimmt dann aber später in ebensolcher Manier das Angebot an. Fortan besorgt sie den Haushalt, nennt Tibor unterwürfig „Gebieter“ und hält auch sonst wenig von ihrer Meinung zurück, was insbesondere Magda zu spüren bekommt. Trotz dieser verschrobenen und bisweilen harten Art gegenüber den Herrschaften wird sie bald ein Teil des Haushaltes, was nicht zuletzt an ihren segensreichen Kochkünsten, die Magda vollkommen abgehen, aber mehr noch an Emerenc‘ Selbstlosigkeit und Aufrichtigkeit liegt. Immer wieder kommt es auch zu intimen Momenten, die Magda Einblick in das geheimnisvolle Leben dieser kauzigen Frau und in ihre frei von irgendwelchen Konventionen verfestigten Vorstellungen über das Leben und selbstloser Hingabe an Menschen geben. Doch es bleibt eine Grenze, die Emerenc nicht bereit ist zu überschreiten: Die Tür ihres Zuhauses. Niemand darf es betreten oder hineinsehen und Emerenc ist nur schwerlich bereit, diese aufzugeben, doch durch das Band ihrer Freundschaft und des Vertrauens zu Magda fällt auch diese Grenze. Jedoch an jenem Tag, wo Emerenc auf die Hilfe und Hingabe Magdas angewiesen ist, reißt in bitterer Enttäuschung dieses Band.

Mit seinen beiden Hauptdarstellerinnen Martina Gedeck und Helen Mirren hat Szabó zwei der besten Schauspielerinnen Europas zusammengebracht, die der besonderen zwischenmenschlichen Beziehung von Emerenc und Magda Rechnung tragen können. Mirren spielt dabei so überzeugend die harte aber herzensgute Fee mit einer Präsenz, die förmlich unter die Haut geht. Ebenso überzeugend gibt Gedeck den Gegenpart einer von Konventionen und Tradition geprägten Frau, die unter der direkten und schroffen Art ihrer Angestellten leidet, aber umso tiefer sich selbst kennenlernt. Dieses Kammerstück mit einen grandiosen ungarischen Ensemble, wie Gábor Koncz als Oberst, Enikö Börcsök als Musiklehrer Sutu und Ági Szirtes als Polett, ist von Brüchen und Verschiebungen geprägt, verliert dabei aber nie seine Protagonisten aus den Augen und blickt dann ganz intim und direkt auf diese Momente, so dass man sich der Szenerie nicht erwehren kann. Ein außergewöhnlich schöner Film, der in seiner schlichten Inszenierung eine ganz besondere Kraft entwickelt, die schlicht mitreißend ist.

Hinter der Tür
Filmart Filmstúdió und Intuit Pictures, Ungarn/Deutschland 2012
Regie: István Szabó. Drehbuch: István Szabó, Andrea Vészits.
Nach dem gleichnamigen Roman von Magda Szabó.
Hauptdarsteller u.a.: Helen Mirren, Martina Gedeck, Károly Eperjes.
98 Min. Dt. Filmstart: 05.04.2012
FSK: ab 12 Jahre

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