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Verfluchtes Glück

18. Aug 11: Agnès Merlets Fantasy-Romanze HIDEAWAYS | Jana Brinckmann

Die französische Regisseurin Agnès Merlet ist wahrlich keine Hollywood-Filmemacherin, was durchaus sehr positiv bewertet werden kann. Denn ihre Werke glänzen nicht etwa durch Spezialeffekte oder Stars aus der ersten Riege, sondern durch bewegende Schicksale von sowohl fiktiven als auch historischen Figuren, wie beispielsweise die erste populäre Malerin Artemisia Gentileschi, die im 17. Jahrhundert lebte (Artemisia – Schule der Sinnlichkeit). Ihr aktuelles Werk Hideaways ehrt dabei einen ganz besonderen Antihelden: Frankensteins Monster. Zwar wird diesem keine eigene Verfilmung zuteil, doch dient seine Tragik zumindest als Inspirationsquelle für Merlets neueste Figuren-Kreation: James (Harry Treadaway) – ein einsamer, gefürchteter und deshalb auch von einigen gehasster Junge beziehungsweise junger Mann, der aufgrund seiner totbringenden Gabe in die Isoliertheit eines Waldes fliehen muss. Doch wie es sich für eine vernünftige Romanze gehört, entdeckt im geschlechtsreifen Alter eine holde Maid das schwarze Fleckchen Erde, welches unser zu einem ansehnlichen Monster heranwachsender Held bewohnt…

Inmitten einer verschlafenen irischen Ortschaft lebt die Familie Furlong, die dank ihres außergewöhnlichen Erbguts nicht ganz so „normal“ ist wie deren Mitmenschen. Denn jeder männliche Nachkomme wird mit einer Gabe oder einem Fluch – je nach Empfinden des Betroffenen – geboren: So erblindet Großvater Charlie beispielsweise bei jeglicher Art der Erregung und Vater Philip entpuppt sich unvorteilhafterweise bei Angst als wahrer Elektronik-Killer. Der 10-jährige James hat dagegen noch keine Anzeichen einer Fähigkeit gezeigt, was dieser nicht hinnehmen möchte. Drum testet er sich auf vielerlei Art, um irgendeine Gabe ausfindig zu machen. Und siehe da, es funktioniert: James stürzt infolge eines Flugversuches mit dem Fahrrad und sein Schmerz setzt eine Kraft frei, die alles Leben um ihn herum tötet. Leider hat dieses Schlüsselerlebnis eine Welle des Schmerzes losgelöst, so dass James alsbald Waise ist. Da er auch im Heim ungewollt Leichen hinterlässt, flieht der verstörte Junge in die Einsamkeit des tiefen Waldes. Einige Jahre später klopft es im strömenden Regen plötzlich an seiner Tür: Die unheilbar an Krebs erkrankte Mae-West (Rachel Hurd-Wood) hat sich bei ihrer Flucht aus der Klinik am Rande des Waldes verirrt und bittet um Unterschlupf. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch stehen alle Zeichen auf Tod, denn einerseits konfrontiert Mae-West James zwangsläufig mit anderen Menschen, die ihn ängstigen und ihm nach dem Leben trachten – und was Angst bewirkt, wissen wir ja – und andererseits ist da noch Mae-Wests unheilbare Krankheit. Wie soll das bloß enden…?

Das Monster in James ist das Monster einer Gesellschaft, die die Andersartigkeit fürchtet und verfolgt. Doch zeigt Agnès Merlet einen Ausweg: Die Liebe – zumindest ist sie das im Falle unserer Hauptfiguren. Aber keine Bange, die Handlung ist nicht so kitschig wie man vermuten mag, vielmehr ist sie von einer melancholischen Ruhe geprägt, die die eine oder andere heiße Liebesszene herbeisehnen lässt. Unterstrichen wird das Ganze von dem kargen und doch schönen Setting eines kaum verwunschenen Waldes. In der Idee für die Story steckt viel Potenzial und Hideaways hätte ein wirklich tolles modernes Märchen werden können, herausgekommen ist allerdings eine Teenager-Romanze mit einer recht mageren Fantasy-Komponente. Ein Mitfühlen mit den Hauptfiguren, die sich in ihrem jungen Leben mit Tod und Einsamkeit stetig auseinandersetzen müssen, ist dank des oberflächlichen Handlungsverlaufes sowie der unausgereiften Charakterzeichnung unmöglich. Da nützt auch die gute schauspielerische Leistung von Rachel Hurd-Wood und Harry Treadaway nichts. Hoch anrechnen kann man dem Film wiederum, dass auf das gängige Schönheitsideal verzichtet wird und wir im Einklang mit dem Hintergrund der Figuren hässliche Kleidung und unperfekte – also einfach natürliche – Körper zu sehen bekommen.

 

Hideaways
Telemünchen, Frankreich/Irland 2011
Regie: Agnès Merlet. Drehbuch: Nick Murphy
Hauptdarsteller: Rachel Hurd-Wood, Harry Treadaway, Thomas Brodie Sangster
95 Min.
Zu sehen auf dem Fantasy Filmfest 2011

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