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Der doppelte Tatort

28. Apr 15: FILMPOLSKA 2015: Wojciech Smarzowskis blutiges Krimidrama Haus der Finsternis | Dobrila Kontić

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Zdzisław (Marian Dziędziel) und Edward (Arkadiusz Jakubik)

Eigentlich ist Haus der Finsternis von 2009 nicht mehr neu genug für die Sektion Neues Polnisches Kino der diesjährigen FilmPolska – aber da in diesem Jahr zugleich der polnische Kameramann Krzysztof Ptak geehrt werden sollte, hat es sich wohl angeboten, diesen von ihm gefilmten Titel nochmal zu zeigen. Ein Glück, denn das blutige Krimidrama von Regisseur Wojciech Smarzowski entpuppt sich als hochspannende Vereinigung zweier parallelisierter Erzählstränge, die zusammengenommen den modernen Klassiker Fargo, mit dem Haus der Finsternis mitunter verglichen wird, locker in den Schatten stellen.

Ereignisse einer verregneten Nacht

Sein Name ist Edward Środoń, er ist 44 Jahre alt und hat schon einiges hinter sich: Haus der Finsternis setzt mit einem Monolog an, der sich bald als Geständnis des Hauptverdächtigen in einem dreifachen Mordfall entpuppt und dann im Verlauf der beiden parallel erzählten Zeitstränge – 1978 in der Tatnacht und 1982 bei der Nachstellung der Ereignisse im Zuge des Ermittlungsverfahrens gegen Edward (Arkadiusz Jakubik) – unerwartete Wendungen nimmt. Im Jahr 1978, Monate nachdem seine Ehefrau eines Tages aufgrund eines Hirnaneurysmas vor seinen Augen tot in der Küche umfiel und er sich daraufhin hemmungslos dem Wodka hingab, findet Edward einen Job am südöstlichsten Zipfel Polens: Hier in der rauen Landschaft rund um das Bieszczady-Gebirge soll er als Tierwirt tätig werden und sein Leben wieder in den Griff kriegen. Kurz nach seiner Ankunft verirrt er sich aber und findet sich in der verregneten Dunkelheit vorm Haus des Ehepaars Dziabas wieder. Nur wiederwillig gewähren ihm der alte Zdzisław (Marian Dziędziel) und seine vergleichsweise junge Ehefrau Bożena (Kinga Preis) Eintritt in dieser unwirtlichen Nacht. Doch nach ein paar Gläsern und schließlich Flaschen Wodka lockert sich die Stimmung zwischen den Dreien zunehmend. Zdzisław geht sogar so weit, Edward von seiner großen Geschäftsidee und seinen Ersparnissen zu erzählen – und Edward ist angetrunken genug, um einen Deal mit diesem ihm eigentlich wildfremden Mann zu vereinbaren.

Ermittler Mróz (Bartłomiej Topa)

Offenbarung am helllichten Tag

Diesen zunächst feuchtfröhlichen, saloppen Szenen aus der verregneten Tatnacht werden in Haus der Finsternis die klaren Bilder der Ermittlungen am inzwischen verlassenen und verschneiten Tatort parallel entgegengestellt. Leutnant Mróz (Bartłomiej Topa) leitet die Untersuchung und schon bald wird klar, dass unter seinen Volkspolizisten weniger Profis als Trinker, korrupte Beamte und intrigante Kollegen anzutreffen sind. Absurde Szenen spielen sich während der Nachstellung der Tatereignisse jener Nacht ab, die mit dem Spannungsbogen der tatsächlichen Tatnacht durchaus konkurrieren können, vor allem als sich langsam herausstellt, dass Leutnant Mróz Verwicklungen auf der Spur ist, die die örtlichen Behörden gern bedeckt halten würden. Zudem machen ihm auch private Komplikationen zu schaffen – schließlich ist unter seiner Truppe eine Hochschwangere, deren Ehemann (ebenfalls Polizist) zunehmend berechtigte Zweifel an seiner Vaterschaft hegt. Je näher Mróz durch Edwards Erzählung dem wahren Tathergang jener Nacht kommt, desto mehr spitzt sich die Lage für ihn an diesem kalten Wintertag zu. Und er widmet sich – wie Edward in jener Nacht – dem Wodka…

Das gemeinsame Motiv

Haus der Finsternis ist ein schwarzhumoriger Thriller, der nach seinem Erscheinen 2009 als „Polnisches Fargo“ bezeichnet wurde. Dies stimmt bedingt: Ja, Smarzowskis Film kann es mit Sicherheit mit den schrulligen Charakteren und der düsteren Situationskomik von Fargo aufnehmen, aber schon allein erzähltechnisch geht Haus der Finsternis weit über das Werk der Cohen-Brüder hinaus: Sobald man sich der Auflösung der Ereignisse der Tatnacht zu nähern scheint, werden diese Szenen an der spannendsten Stelle unterbrochen und die Nachstellung während des Ermittlungsverfahrens an einen ebenso nervenaufreibenden Punkt gebracht. Diese bewussten Spannungsbrüche und die parallele Zuspitzung beider Erzählstränge schaffen es, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu gleichen Teilen zu fesseln, um sie zum Ende auf ein beeindruckend gefilmtes Panorama zu richten, das aufs Dramatischste menschliche Gier als gemeinsames Motiv der Tatnacht und der eskalierenden Ereignisse während der Tatuntersuchung verbildlicht.

Haus der Finsternis (Dom zły)
ITI Cinema, Polen 2009
Regie: Wojciech Smarzowski. Drehbuch: Łukasz Kośmicki, Wojciech Smarzowski
Hauptdarsteller: Mariusz Jakus, Kinga Preis, Bartłomiej Topa
106 Min. Zu sehen auf der FilmPolska 2015

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