Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse
17. Nov 10: Annica Nehls‘ Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2010 | Annica Nehls
Nie macht Lesen mehr Spaß als im Herbst: Die früh einsetzende Dunkelheit, die unverschämten Wetterverhältnisse und das Bedürfnis nach Rückzug und Gemütlichkeit machen den Griff zu einem spannenden Roman, einer interessanten Biografie oder einem zum Nachdenken anregenden Sachbuch daheim sehr reizvoll. Hinzu kommen all die spannenden Werke, die im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wurden und nun die Regale in unseren Lieblingsbuchhandlungen zieren. Einen Monat ist die größte Buchmesse Deutschlands nun schon her – Zeit genug für Annica Nehls sich zu erholen, das Erlebte noch mal nachwirken zu lassen und den damals leider Daheimgebliebenen einen Eindruck vom Besuch dieses literarischen Tummelplatzes zu vermitteln. Zugleich liefert sie eine praktische Anleitung für die kommende Buchmesse im Jahr 2011 mit, die mit dem spannenden Ehrengast Island aufwarten wird. Denn nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse.
Wer von euch hat Ken Follet, die besten Slammer Deutschlands oder Ingrid Noll einmal live erlebt? Wer durfte bereits miterleben, wie Literatur auf einer Bühne funktioniert und wie der Autor sein eigenes Werk vorlesen würde? Es gibt exakt drei Möglichkeiten, diesen Traum zu erfüllen: Heirate einen Autor, werde selbst einer oder – und das ist die wohl die einfachste Alternative: Besuche eine Buchmesse! Die größte Buchmesse Deutschlands in Frankfurt am Main bietet jährlich im Oktober die Möglichkeit eines Trips in die bunte Welt der Literatur. Es gibt kaum einen Ort, an dem man über den neuesten – und in Deutschland noch unveröffentlichten – 30-minute-meals von Jamie Oliver brüten kann, nur um Augenblicke später Ken Follet gegenüberzustehen, dem wahrscheinlich bekanntesten Autor, der die diesjährige Messe besuchte.
Wer zum ersten Mal die Buchmesse besucht, wird vor allem eines sein: restlos überfordert. Ohne einen Plan über das Messegelände, den man am Eingang erhält, ist es fast unmöglich, sich in diesem Riesen-Wirrwarr aus Ständen und Lesungen zurechtzufinden. Wer dabei wirklich sicher gehen will, nichts Spannendes zu verpassen, kann im Internet unter www.buchmesse.de den Veranstaltungskalender nach Interessen durchsuchen und einen persönlichen Veranstaltungsplaner zusammenstellen. Meine Empfehlung jedoch für einen ersten und dann sicher unvergesslichen Besuch: Geht planlos hin! Nehmt vielleicht ein bis zwei Eckdaten mit von Künstlern, die ihr unbedingt sehen wollt. Aber ansonsten lasst euch treiben von der Vielfalt der Stände, die ihre neuesten Bücher anpreisen. Nehmt das Gefühl in euch auf, mit den Massen zu strömen, nur um dann vielleicht in einer Romanlesung von einem Autor zu sitzen, dessen Namen ihr nicht einmal aussprechen könnt. Das Spannende an der Buchmesse sind nämlich eigentlich nicht die Bücher. Diese stehen einen Tag später auch noch im Buchladen um die Ecke. Aber das Flair, ein Buch von dessen Autor vorgelesen zu bekommen, es sich dann vielleicht signieren zu lassen, nur um dann die eine Frage zu stellen, die man diesem schon immer stellen wollte, kann keine Live-Berichterstattung im Fernsehen und auch kein Klappentext ersetzen. Wer wissen möchte, wer hinter den großen Werken steckt, in denen wir uns täglich verlieren und dabei vielleicht entdecken will, dass es auch nur Menschen sind, der muss auf eine solche Veranstaltung. Und wer wirklich auf einer Buchmesse gewesen sein will, muss sich mindestens einmal auf dem Gelände verlaufen haben, nur um dann kleine Stände mit kostbaren alten Büchern zu entdecken, die man im Thalia um die Ecke weder zu sehen noch zu kaufen bekommt. Meine Entdeckung dieses Jahres war der Poetry Slam von 3sat. „Sebastian 23“, Pierre Jarawan und „Fiva“ brachten mir das näher, was mir in dieser Form völlig fremd war. Was geboten wurde, war nicht einfach vorgetragene Poesie, sondern der lebende Beweis dafür, dass die junge Literaturszene lebt. Die vorgetragenen Texte zeugten von einem tiefen Verständnis für die Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft und malten Bilder mit Wortspielen in den Raum, die den Zuschauer für eine Stunde in die Welt der neuen deutschen Literatur führte.
Hat man dann nach all den Lesungen und Eindrücken nicht genug, bietet der Frankfurter Hauptbahnhof eine ganz eigene Veranstaltungsreihe parallel zur Buchmesse. Hier lesen kostenlos namhafte Autoren aus ihren Werken. Dieses Jahr begeisterte unter anderem Ingrid Noll mit ihrem neuen bitterbösen Roman Ehrenwort das Publikum. Mit Der Hahn ist tot begann ihre Karriere und durch Die Apothekerin und Kalt ist der Abendhauch weitete sich ihr Bekanntheitsgrad auch unter den Cineasten aus. Unter begeistertem Applaus eines doch eher weiblichen, älteren Publikums stellte Ingrid Noll im Metropolitan ihr neuestes Werk Ehrenwort vor. Mit Witz, einer treffenden Prise Ironie und dem Charme einer männermordenden Kriminalautorin las sie eine Stunde lang die Geschichte des jungen Max, dessen Großvater eines Tages zum Pflegefall wird und unter Murren des Schwiegersohns der Pflege von Tochter und Enkel unterstellt wird. Mit den Lateinkenntnissen eines Sokrates und der flinken Hand eines Clint Eastwood macht der Alte der Familie und dem hübschen Pflegepersonal das Leben schwer, während der Herr des Hauses sein baldiges Ableben und die Verwendung des Erbes verplant. Ob der Schwiegersohn seinen Mordgelüsten erliegt und worin das Geheimnis der hübschen Krankenschwester Jenny liegt – wir werden es erlesen!
Und so bleibt zum Abschluss nur das Gefühl, einen spannenden, lustigen und ereignisreichen Tag erlebt zu haben und zu wissen, dass mehr gute Bücher in den Läden stehen, als ich jemals lesen kann...
Kommentieren