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Pop und Pappmaché

26. Aug 15: Lenny Abrahamsons sonderbar-besondere Tragikomödie Frank | Dobrila Kontić

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Eine musikalische Zwangsgemeinschaft auf einem ausweglosen Roadtrip, ein riesiger Pappmaché-Kopf, unter dem sich Michal Fassbender verbirgt und eine missmutig dreinblickende Maggie Gyllenhaal: Auf den ersten Blick wirkt der Film Frank wie ein kalkuliert-verschrobenes Produkt für alle, die sich beim Filmkonsum bewusst dem Mainstream verschließen und einen ganz ‚besonderen‘ Film sehen wollen. Aber auf den zweiten Blick ist diese Tragikomödie über eine experimentelle Band um einen dauermaskierten Frontmann ein erhellendes und lustiges Lehrstück über das vergebliche Streben nach Ruhm und das wahre Gesicht der Kunst.

Der Songstreber

Wenn der junge Hobby-Musiker Jon (Domhnall Gleeson) nicht gerade im Büro als Lohnsklave vor sich hinvegetiert, durchstreift er die Straßen seiner Heimatstadt auf der verzweifelten Suche nach Inspiration und lässt seine Twitter-Follower an dieser teilhaben. Da sich die zündende Songidee nicht so recht einstellen will, muss jedes erblickte Motiv auf Brauchbarkeit geprüft werden – das Meer, Plakate, arglose Passanten. Und egal, wie nah er dem rettenden Einfall auch kommt, daheim (und das ist in Jons Fall das Haus seiner Eltern) am Keyboard muss er feststellen, wie schnell sich die soeben erdachte Melodie in einen Song von Madness verwandelt. Es will nicht so recht klappen mit dem Künstlertum – bis zu einem schicksalhaften Tag, an dem er spontan von der Band mit dem unaussprechlichen Namen The Soronprfbs als Ersatz-Keyboarder angeheuert wird (sein Vorgänger hat einen Suizidversuch hinter sich). Erst auf der Bühne merkt Jon, mit was für einem experimentellen Sound, und vor allem mit was für einem einzigartigen Frontmann er es hier zu tun hat: Frank (Michael Fassbender), ein Mann unbestimmten Alters, unbestimmten Aussehens, der immer, ja wirklich immer, einen riesigen Pappmaché-Kopf mit strahlend-blauen Augen trägt.

Lehrjahr eines angehenden Künstlers

Der erste Gig mit den Soronprfbs scheitert grandios, doch trotzdem wird Jon vom Bandmanager Don gebeten, mit ihnen nach Irland zu reisen. In einer gemütlichen Hütte in den Wäldern will das Quartett mit Jons Hilfe sein erstes Album aufnehmen. Im naiven, sozialstudienhaften Ton schildert Jon seinen Bloglesern, Twitter-Followern und uns fortan seine Erlebnisse mit dieser exzentrischen Gruppe, die ihn mit Ausnahme von Frank nicht einmal leiden kann. Diesem ironischen Ton aus Jons um Kreativität so bemühter Perspektive hat dieser Film viel zu verdanken, der ansonsten aufgrund seiner exzessiven Verschrobenheit für Augenrollen sorgen würde: Amüsiert verfolgt man, wie Jon, dieser ambitionierte, aber unscheinbare Normalo auf die Welt der weltfremden, schwer vermarktbaren Musiker prallt, mit Nervosität feststellt, dass die Band jeder Versuchung ein eingängiges Lied zu komponieren, widersteht und sich stattdessen mit viel Detailverliebtheit und wenig Professionalität ihren Songaufnahmen widmet. Seine eigenen Songidee werden von ihnen verlacht und dennoch: Als das Geld ausgeht, ist Jon bereit, der Band seinen letzten Notgroschen zu schenken. Was vor allem an seiner Faszination für Frank liegen dürfte.

Die SORONPRFBS...

Faszination Frank

Denn Frank ist mehr als ein maskierter Frontmann: Er ist der fordernde Anführer dieser Gruppe, ein guter Zuhörer und Motivator, der allen Menschen mit so viel Offenheit begegnet, dass sie im Nu von ihm fasziniert sind. Jon verfällt dieser Faszination, wünscht sich, dass Franks kreativer Geist auf ihn abfärben könnte, ist sich aber zugleich bewusst, dass nur ein tieftraumatisierendes Erlebnis einen solchen Künstler und Sonderling wie Frank hervorgebracht haben kann. Als er alles daran setzt, Frank und die Soronprfbs vermarktbar und weltbekannt zu machen, droht die Band zu zerfallen und Frank sein aufgemaltes Gesicht zu verlieren.

Unter dem Pappmaché

Nur so viel sei verraten: Am Ende muss der Pappmaché-Kopf ran glauben und was darunter zum Vorschein tritt, ist für Jon schwer zu verkraften, aber für den Zuschauer sehr erhellend. Der Journalist und Autor Jon Ronson schrieb das Drehbuch zu Frank nach seinen eigenen Erlebnissen mit der Oh Blimey Big Band des auf der Bühne stets maskierten Frank Sidebottom und schuf damit eine erfrischende und bewegende Erzählung über die Vergeblichkeit des Strebens nach Ruhm und den wahren Kern des Künstlerseins. Dieser enthüllt sich dem Zuschauer in einem traurigen aber zugleich aufmunternden Ende, das Frank den letzten Schliff zum eigenen Kunststatus gibt.

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Der wahre Frank (Sidebottom)
Frank
Film4, GB/I/USA, 2014
Regie: Lenny Abrahamson. Drehbuch: Jon Ronson, Peter Straughan
Hauptdarsteller: Domhnall Gleeson, Michael Fassbender, Maggie Gyllenhaal
95 Min. Deutscher Kinostart: 27. August 2015
DVD-Start: 30. Oktober 2015

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