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Der Kaiserin neue Töne

22. Nov 16: Stephen Frears nimmt sich der Geschichte um Amateur-Sängerin und Witzfigur Florence Foster Jenkins an | Dobrila Kontić

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Niemand hat an ihr Talent geglaubt, niemand hat ihr das zugetraut und doch siegt sie am Ende entgegen allen Erwartungen – diese Art Underdog-Geschichte nach einer wahren Begebenheit erzählt Stephen Frears in seiner Komödie Florence Foster Jenkins nicht. Wie könnte er auch? Bis heute ist die 1944 verstorbene New Yorker Mäzenatin als schlechteste (Amateur-)Opernsängerin aller Zeiten bekannt – posthum wurde ihr der Spitzname ‚Anti-Callas‘ verliehen. Wer sich also aufmacht, diesen Film anzuschauen, kann sich auf fast zwei Stunden verfehlter Töne einstellen und wird mit Meryl Streeps (wieder mal) grandioser Darbietung leider nicht zu genüge entschädigt.

Florence (Meryl Streep) udn St. Clair (Hugh Grant) in ihrem Verdi Club | © Constantin Film Verleih GmbH

Schwung und Tragik

Mit einer eleganten Rahmung kommt dieser Film daher: In einer leichtfüßigen Titelsequenz wird das kulturelle Leben New Yorks in den 1940ern gezeigt, in golden-leuchtenden Bildern zu beschwingter Musik. Ein Look, der auch im weiteren Verlauf des Films mit rasanten Szenen-Transitionen und Kamerafahrten von den Figuren zu den Straßen New Yorks bis zu den Hochhausspitzen fortgesetzt wird. Dieser Film ist eine Komödie, scheint uns der britische Regisseur Stephen Frears (Gefährliche Liebschaften, Die Queen) eintrichtern zu wollen. Warum er das für nötig hält, wird am Ende des Einstiegs deutlich: Es ist 1944, Florence Foster Jenkins (Meryl Streep) und ihr Mann St. Clair Bayfield (Hugh Grant) richten in ihrem Verdi Club einen ganz besonderen Abend aus. Während St. Clair, ein ehemaliger Theater-Schauspieler, Shakespeare-Monologe rezitiert, steht Florence auf der Bühne für ihre legendären ‚Tableaux Vivants‘. Wir sehen sie als schwerfälligen ‚Engel der Inspiration‘ mühsam zur Bühne herabschweben, während drei Männer im Hintergrund mit aller Kraft die Seile für dieses Unterfangen strapazieren. Zum vollen Erfolg erklärt sie den Abend auf dem Heimweg zu ihrer luxuriösen Hotelsuite, in der St. Clair für sie rezitiert, bis sie einschläft. Erst dann nimmt ihre Hausangestellte die Perücke ab, unter der ihre Glatze hervorkommt. Eine Folge ihrer Syphillis-Erkrankung, die zu damaliger Zeit noch mit Quecksilber-Salben und Arsen behandelt wurde. Und ihr werter St. Clair macht sich auf den Weg in sein Apartment, wo seine junge Geliebte Kathleen schon sehnsüchtig auf ihn wartet.

Schmächtig und verschmitzt: Cosmé McMoon (Simon Helberg) |© Constantin Film Verleih GmbH

Komik und Tragik liegen in dieser Geschichte dicht beieinander, lässt uns Florence Foster Jenkins gleich zu Beginn wissen, aber verdeutlicht im schnellen Übergang, dass hier die Komik überwiegen wird. So sehr Florence auch ihre lautlosen, aber glamourösen Darbietungen im Verdi Club genießt, gilt ihre wahre Leidenschaft doch dem Operngesang. Und so beschließt sie, dass es wieder Zeit wird für einen Gesangsauftritt. Um den dafür benötigten Pianisten zu finden, lädt St. Clair zum Casting und die Wahl fällt schließlich auf den mit seinem sanften Spiel überzeugenden Cosmé McMoon (Simon Helberg, bekannt aus The Big Bang Theory). Dieser ist ein schmächtiger junger Mann, der Florence mit seinem Charme gleich für sich gewinnt. Durch ihn soll der Zuschauer schließlich der großen Problematik von Florences geplantem Auftritt gewahr werden: Die Frau kann und sollte absolut nicht singen, schon gar keine Opern-Arien.

Erkaufter Ruhm, geschenkter Spott

Dass sie sich mithilfe eines unaufrichtigen Gesangslehrers, der organisatorischen Unterstützung durch St. Clair und einem heimlich belustigten Cosmé dennoch daran versucht, kann man je nach Perspektive als Ergebnis irrationalen Muts oder überragender Selbsttäuschung interpretieren. Man fühlt sich beim Betrachten ihrer Proben und dem bald darauffolgenden Auftritt sowohl an Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider als auch die gedemütigten Kandidaten heutiger Castingshows erinnert. Während der eine Teil des Publikums sich nicht zu trauen scheint, sich die Wahrheit über Florences Performance einzugestehen, ergötzt sich der andere Teil an dem grotesken Auftritt, den verfehlten Tönen, der über alle Maßen lächerlichen Figur, die Florence auf der Bühne abgibt. Als sie sich kurz darauf anschickt, die Carnegie Hall für einen Auftritt zu buchen, müssen St. Clair und Cosmé alles an Überredungskunst, Bestechungsgeld und beherztem Eingreifen aufbringen, um Florence vor dem Publikumsgelächter und den Zeitungsreportern zu schützen.

Wird eine Zeitung die Wahrheit schreiben? |© Constantin Film Verleih GmbH

Charme und Moral

Als Betrachter dieser Komödie ist man hin- und hergerissen: Meryl Streep hält sich bei den Gesangsdarbietungen nicht zurück, was schreckliche Töne, verzerrte Grimassen und seltsame Aussprachen betrifft und haucht ihrer Figur darüber hinaus noch eine gewisse Arroganz ein, wenn es um die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten geht – man kommt nicht umhin, darüber zu lachen. Doch zugleich bringt sie eine ungeheure Sensibilität für die tragische Seite von Florence auf, die Musik über alles liebt, aber der aufgrund von Schicksalsschlägen eine echte Musikerkarriere verwehrt blieb. Durch diese Interpretation der Figur wird man als Zuschauer zur moralischen Instanz erhoben, die nicht vollends in das herzlos scheinende Gelächter des Publikums einstimmen kann. Eine Sicht, die man aber mit keiner derjenigen Figuren teilen kann, die Florence nahe stehen: So gibt sich Hugh Grant alle Mühe, den Zwiespalt von St. Clair darzustellen, der einerseits die Schmach von Florence ermöglicht, sie aber dennoch zu schützen versucht. Ob er das aus wahrer Zuneigung tut oder einfach nicht die Hand beißen will, die ihn füttert, wird nicht vollends klar – der Film will einen schließlich aber vom ersteren überzeugen und ringt Hugh Grant eine arg bemüht wirkende Liebeserklärung ab. Ungenügend ausgearbeitet scheint auch die Figur des Cosmé McMoon, dessen wahre Biografie aus dramaturgischen Gründen zurechtgestutzt wurde: In Wahrheit war dieser bereits seit den 20ern Florences Pianist. Als Zuschauer lernt man hingegen durch ihn als jungen Mann die betagte Florence kennen, wobei man sich aufgrund von Simon Helbergs karikaturesker Darbietung nie mit ihm identifizieren kann oder will. Es bleibt unklar, was er wirklich von Florence hält. Dadurch stellt sich eine Distanz zum angestrebten augenzwinkernden Charme dieser Komödie ein, die nicht einmal das schauspielerische Können einer Meryl Streep überbrücken kann. Und das will schon etwas heißen.

Florence Foster Jenkins
Großbritannien/Frankreich, 2016
Regie: Stephen Frears. Drehbuch: Nicholas Martin
Kamera: Danny Cohen. Schnitt: Valerio Bonelli
Besetzung: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg
110 Min. Kinostart Deutschland: 24. November 2016

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