Vom Sumpf in den Ozean
27. Oct 09: Florence and the Machine live in Berlin | Dobrila Kontic
Probleme beim Ticket-Verkauf, lange Wartezeiten und eine missmutige und langweilige Vorband: Vor dem Konzert von Florence and the Machine im Postbahnhof Berlin ging wirklich vieles schief. Dementsprechend groß waren die Erwartungen an einen zumindest soliden Auftritt der Singer-Songwriterin – und sie wurden bei weitem übertroffen!
Nur wenige Tage vor dem geplanten Auftritt wurde das Konzert der erst 22jährigen Sängerin und ihrer siebenköpfigen Band wegen der großen Nachfrage vom Frannz Club in den Postbahnhof am Ostbahnhof verlegt. Nach erst einem Album scheinen sich Florence and the Machine bereits eine treue Fangemeinde aufgebaut zu haben, was einerseits erstaunlich, andererseits nur allzu nachvollziehbar scheint, denn das Debütalbum „Lungs“ strotzt vor Originalität und Leidenschaft. Dennoch dürften die Briten einem breiteren Publikum vor allem durch ihren Song „Kiss with a Fist“ bekannt sein, der für einen TV-Werbeclip von Vodafone verwendet wurde. Die Single-Auskopplungen „Dog Days“ und „Rabbit Heart“ taten wohl ihr übriges, um an diesem Abend eine beachtliche Menschenmenge in den Postbahnhof zu locken. Das Publikum war oder wirkte zumindest angesichts einiger Styling-Eskapaden sehr jung und nahm noch recht entspannt den langen Aufenthalt im Barraum in Kauf. Doch was nach dem Einlass in den Konzert-Saal folgte, sollte den Bogen der Geduld deutlich überspannen: Mindestens eine Stunde lang dauerten die Vorbereitungen für die niederländische Vorband (!) Voicst. Technische Probleme und dadurch bedingte Verzögerungen sind mit Sicherheit keine Seltenheit bei Live-Konzerten, dennoch sollte die Toleranz des Publikums nicht überschätzt werden. Nach dieser sehr ermüdenden Wartezeit folgte ein mittelmäßiger Auftritt der Indie Pop-Band, der klugerweise nach fünf Songs beendet wurde.
Nun war man gespannt, ob sich das Ausharren gelohnt hatte. Nach einer vergleichsweise zügigen Aufbauphase, trat Florence Welch mit ihrer unverkennbaren feuerroten Mähne und einer chiffonartigen schwarzgoldenen Robe auf die Bühne und riss das Publikum tatsächlich von der ersten Sekunde des einleitenden „Bird Song“ mit. Ihre klare kraftvolle Stimme drang bis in die letzten Reihen der durchweg begeisterten Konzertgäste und weit darüber hinaus. Unterstützt wurde Welch von ihren Musikern an der Gitarre, den Drums, am Keyboard und an der Harfe, über deren „Liberace-hafte“ Anmut sie sich in den Pausen zwischen den Songs lustig machte. Tanzend, mitunter versonnen und dann wieder energisch machte sie sich an die übrigen Songs, die von „My Boy builds Coffins“ über „Kiss with a Fist“ bis hin zu „Hurricane Drunk“ die gesamte emotionale und gesangliche Bandbreite ihres Debüts abdecken.
Mitunter strapazierte Welch beim Tanzen in der wallenden Chiffonrobe die Flügelschlag-Geste etwas über und manch eine Pose wirkte doch sehr exzentrisch, aber all das konnte ihren glanzvollen Auftritt kaum trüben. „Rabbit Heart“ bildete zugleich den Höhepunkt und Abschluss dieses Auftritts, den vielleicht noch die melancholische Cover-Version von Beyoncés „Halo“ abgerundet hätte. Dennoch kam man bei diesem Live-Erlebnis für kurze Zeit dem Gefühl nahe, das Welch sich auf ihrer Homepage für ihre Hörer wünscht: „Ich will, dass meine Musik klingt […] als würdest du in die Tiefe des Ozeans gerissen werden und dabei nicht mehr atmen können.“
http://florenceandthemachine.net/
| Florence and the Machine: Lungs |
| Universal Music, 2009 |
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