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Peitschen für die Massen

12. Feb 15: BERLINALE 2015 – Special Gala: Fifty Shades of Grey | Dobrila Kontić

Flash is required!

Unter einigem, kaum unterdrücktem Gekicher ging am Mittwoch Abend noch vor der offiziellen Gala-Premiere die Pressevorführung zu Fifty Shades of Grey im Rahmen der Berlinale über die Bühne. Dabei hielten sich freiwillige und unfreiwillige Komik ungefähr die Waage in diesem Film, der weniger einen kontroversen Sexstreifen, sondern vielmehr eine überzogene Erotik-RomCom darstellt.

Zwang und Gedränge

Eine Stunde vor dem verkündeten Termin zur Pressevorführung im Foyer des IMAX zu erscheinen, hat gerade noch so gereicht: Die Schlange ist lang und es geht die Angst um, keinen der 541 Sitzplätze in dem riesigen Saal zu erhalten. Aus den Gesprächen im Gedränge lässt sich heraushören, wie wenig die anwesenden Kritiker von diesem Film erwarten – und überhaupt: Man wurde von der Redaktionsleitung quasi gezwungen, hieran teilzunehmen. Ja, es ist schon ein bisschen seltsam, dass die Verfilmung von E L James‘ Bestseller-Reihe ausgerechnet auf der Berlinale seine Weltpremiere feiert – diesem Festival, das sich gern damit brüstet, sozialkritischen Filme von politischer Brisanz ein Forum zu geben. Aber man muss sich wohl manchmal auch dem Massengeschmack fügen, egal wie dieser geartet ist. Im Kinosaal angekommen, geht der Kampf um die besten Plätze los. Frauen in sichtlich unbequemen Schuhen schleppen sich genervt durch die Reihen auf der Suche nach einem letzten, nicht für verspätete Kollegen reservierten Platz. Wer nochmal kurz vor der Vorstellung auf die Toilette möchte, wird vom Kinopersonal gebeten, sich doch bitte zu beeilen. Schließlich folgt ein letztes Mal die explizite Aufforderung, das Handy bloß nicht während der Vorstellung zu verwenden – und der Film startet eine Viertelstunde vor der anberaumten Zeit, der Saal hat sich schließlich schneller gefüllt als erwartet.

Vom Interview zum Spielzimmer

Journalisten, die mit den Büchern von E L James vertraut sind, sind klar im Vorteil und müssen nicht das langsam in einem aufsteigende Gekicher unterdrücken, das die erste Begegnung zwischen der Studentin Anastasia ‚Ana‘ Steele (Dakota Johnson) und Christian Grey (Jamie Dornan), dem 27jährigen(!) Leiter eines Wirtschaftsimperiums unbekannter Art, in einem auslöst. Ana soll Christian für die College-Zeitung interviewen, in Vertretung für ihre von der Grippe befallene Freundin Kate. In dieser Szene, die sexuell aufgeladen sein möchte, traktieren Greys durchdringende Blicke die unsichere Studentin, die tölpelhaft aber anmutig ins Büro stolpert und nicht mal einen Stift zum Interview mitgebracht hat. Er überreicht ihr einen Bleistift mit dem Grey-Schriftzug, den sie sich in einer späteren Einstellung noch gedankenverloren an den Mund halten wird – das sind die subtilen Vorgriffe, mit denen hier gespielt wird. Das Interview läuft schlecht, aber Grey ist nach dieser ersten Begegnung fasziniert von Ana und sucht sie bald bei ihrem Studentenjob im Bauhaus auf. Kabelbinder, Isolierband und Seil will er kaufen und lässt sich von der noch völlig ahnungslosen Ana dabei beraten. Dieser scheinbar zufälligen Begegnung folgt ein erstes Date, an dessen Ende Christian dann doch wieder einen Rückzieher macht: Er sei nicht das, was Anastasia suche. Doch nach einigem Hin und Her finden sie doch wieder zueinander und Christian offenbart Ana schließlich, wonach ihm der Sinn steht: Eine devote Partnerin, die von freitags bis sonntags bei ihm nächtigt (in ihrem eigenen Zimmer, versteht sich) und ihm, wann er es will, in seinem Spielzimmer zur Verfügung steht. Offenes Gelächter unter den Journalisten bei Anas Rückfrage: „Spielzimmer? Du meinst für Deine X-Box und so?“ Nein. Christian Grey meint seinen rotgetünchten BDSM-Saal, in dem es von der Reitgehrte bis zur Brustklammer alles gibt, was das dominante Herz begehrt. Er offeriert Ana einen Vertrag, in dem detailliert dargelegt wird, wie ihre besondere Beziehung aussehen würde. Ana, die sich zu Christian stark hingezogen fühlt, aber eigentlich eine romantisch-plüschige Beziehung anstrebt, ist unsicher, ob sie sich hierauf einlassen kann…

© Universal Pictures

Bedenkliche Backstorys

Dies ist der Plot, der auf zwei Stunden gedehnt wird und ab der Hälfte auch recht ermüdend wird – so interessant sind Christians besondere Vorlieben und Anas Versuche, sich ihm über die Erfüllung seines Begehrens anzunähern dann doch nicht. Und an und für sich sind sie nicht mal kontrovers, wäre da nicht die sich langsam entfaltende Backstory über Christians schreckliche Kindheit, in der er misshandelt wurde, und seine Heranführung an die BDSM-Praktiken, als er noch minderjährig war. Dies suggeriert, dass jemandem, der BDSM praktiziert, Schreckliches widerfahren sein muss – ein Handlungsdetail, das von der BDSM-Szene entsprechend harsch kritisiert wurde, nachdem die Buchreihe erschien. Ebenso bedenklich ist in diesem Zusammenhang auch das von Ana verkörperte Frauenbild: Unsicher, naiv und tollpatschig kommt sie daher und stolpert in eine Beziehungsform hinein, die sie selbst nie angestrebt hat, aber unter anderem akzeptiert, weil es für sie unfassbar ist, dass jemand wie der begehrte Multimillionär Christian Grey ausgerechnet sie attraktiv findet. Aber ist diese Darstellungsweise der tölpelhaften anmutigen Heldin, die sich ihrer Attraktivität nicht bewusst ist, uns nicht hinlänglich aus so ziemlich jeder romantischen Komödie mit Sandra Bullock bekannt? Lediglich die Verzahnung mit einem von vielen noch als anrüchig empfundenen Thema macht hier wohl den Unterschied aus.

Big Spender

Ein Unterschied, der während der Pressevorführung nicht besonders wahrnehmbar ist: Die Sex-Szenen, die Fifty Shades of Grey zeigt, sind etwas härterer und offenherzigerer Gangart, sorgen aber für keinerlei wahrnehmbarer Aufregung beim anwesenden Publikum. Hörbare Reaktionen folgten dagegen auf fast alle Szenen, in denen der Film aus den Vollen schöpft, um uns zu zeigen, wie Christian Grey doch ist: Zum spontanen Date holt er Ana mit dem Hubschrauber ab. Nachdem er sie zwischenzeitlich sitzen lässt, schickt er ihr Erstausgaben ihres Lieblingsautors Thomas Hardy. Nach ihrem ersten Mal sitzt er nachts im Dunkeln vor der beeindruckenden Fensterfassade seines Lofts und spielt halbnackt ein trauriges Stück am Klavierflügel. Das Ganze ist so over-the-top, dass einem vor Lachen jede Lust an der Kritik dieses Films beinahe vergeht – aber wenn’s trotzdem sein müsste: Es ist diese Demonstration von übermäßigem Reichtum, die dem Plot von Fifty Shades of Grey eine weitere zweifelhafte Nuance in der Darstellung von Dominanz und Ergebenheit verleiht.

Nichtsdestotrotz scheint aber keiner aus dem anwesenden Publikum wirklich aufgebracht über die zweifelhaften Verzahnungen einiger Themen nach dem Ende der Vorstellung zu sein – schon eher etwas belustigt darüber, dass dieser Film mit solcher Spannung erwartet wird. Sobald man aus dem Kino tritt, warten auch schon einige Journalisten mit Fragen zum Film: Was für ein Frauenbild dieser transportiere, was die härtesten Szenen sind und ob man glaube, dass dies ein Erfolg wird. Die letzte Frage lässt sich klar beantworten: Fifty Shades of Grey erfüllt in Hochglanzmanier seine Funktion, ein scheinbar anrüchiges Thema für die Masse zu zähmen und diese damit ins Kino zu locken – und wird somit niemanden enttäuschen, der ohnehin vorhatte, ihn zu sehen.

Fifty Shades of Grey
Focus Features, USA 2015
Regie: Sam Taylor-Johnson. Drehbuch: Kelly Marcel
Hauptdarsteller: Jamie Dornan, Dakota Johnson, Jennifer Ehl
125 Min. Berlinale – Special Gala
Dt. Filmstart: 12. Februar 2015, FSK: 18

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