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Die letzten Szenen einer Ehe

01. Feb 10: Michael Hoffmans Tolstoj-Ehe-Drama Ein russischer Sommer | Dobrila Kontic

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Pünktlich zum 100. Todesjahr von Lev Tolstoj erscheint der Film Ein russischer Sommer, der sich mit den letzten Monaten im Leben und in der Ehe des weltbekannten Schriftstellers auseinandersetzt. Der Romanvorlage Tolstojs letztes Jahr von Jay Parini folgend, befasst sich der Film mit den im Jahre 1910 widerstreitenden Kräften am heimischen Hof der Familie Tolstoj. Dabei wird nicht nur der alltäglich gewordene Zwist zwischen den glühenden Anhängern von Tolstojs seit den 1880ern verbreiteten ‚korrigierten‘ christlichen Lehre und seiner Ehefrau Sofia Andrejevna dargestellt. Ein russischer Sommer malt zudem ein lebendiges und rührendes Bild der letzten gemeinsamen Monate eines zugleich auseinander treibenden und sich immer wieder anziehenden Ehepaares.

Eingeführt in die ereignisreichen Geschehnisse auf dem Familiengut Jasnaja Poljana wird der Zuschauer durch die Figur des jungen Dichter Valentin Bulgakov (James McAvoy). Dieser wird vom größten Antagonisten Sofias, Vladimir Tschertkov, zum persönlichen Sekretär Tolstojs ernannt und betrachtet es als große Ehre, seinem schriftstellerischen und moralischen Vorbild so nahe zu kommen. Auf dem Gut angekommen, erwartet Bulgakov allerdings ein widersprüchliches Bild: Einerseits die frömmelnden Tolstojaner, einschließlich Tolstojs Tochter Sáscha und des etwas zwielichtig erscheinenden Tschertkov, andererseits die missmutige und teilweise cholerische Sofia (Helen Mirren), die sich über diese Anhänger und deren Neigung, ihren Mann Lev Tolstoj (Christopher Plummer) zum Propheten und neuen Christusfigur zu erheben, empört und lustig macht. Zwischen den Fronten befindet sich Tolstoj selbst, der zwar zu der eigens angestrebten Reformation des christlichen Glaubens stehen und dem Luxus und der Lust entsagen will, sich dabei aber auch nicht von seiner darüber erbosten Frau lösen kann. Die Situation droht zu eskalieren, als Tschertkov versucht, Tolstoj zu einem testamentarischen Verzicht auf die Urheberrechte an seinen Romanen und Schriften zu drängen. Währenddessen muss auch Bulgakov feststellen, wie schwer es ist, ein tugendhafter Tolstojaner zu sein: Er wird von der gegen die puritanischen Elemente der tolstojanischen Lehre rebellierenden Mascha verführt, verliebt sich und erhält so indirekt einen Eindruck von den inneren Kämpfen, die Tolstoj selbst in seinem letzten Lebensjahr austragen muss.

Ein russischer Sommer steht und fällt mit der weiblichen Hauptrolle: Helen Mirren spielt die zu Sarkasmus und theatralischen Wutausbrüchen neigende Sofia mit leidenschaftlichem Engagement und gewährt so Einblick in die reale Figur der Ehefrau Tolstojs, die in der 48jährigen Ehe ihrem Mann 13 Kinder gebar, seine Werke kopierte und lektorierte und niemals aufhören konnte, zwischen dem Mythos Lev Tolstoj und dem realen Menschen dahinter eine Trennlinie zu ziehen. Der Film stellt sowohl die großen Streitereien, in denen die Eheleute sich gegenseitig mit Selbstmord und Flucht drohen, als auch die rührenden Momente, in denen sie für kurze Zeit wieder zueinander finden, auf ergreifende Weise dar. Dabei schwankt Ein russischer Sommer souverän zwischen Komik und Tragik, ohne sich vollkommen auf ein Element festzulegen. Die parallel zum Tolstojschen Ehezwist aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Bulgakov und Mascha bleibt hingegen ein wenig blass. Doch auch das spricht nur für die Qualität des Films, denn es kommt nicht oft vor, dass die alten Liebenden den jungen die Show stehlen.

Ein russischer Sommer (The Last Stop)
Warner Bros., Deutschland/Russland/Großbritannien 2009
Regie: Michael Hoffman. Drehbuch: Michael Hoffman nach einem Roman von Jay Parini
Hauptdarsteller: Christopher Plummer, Helen Mirren, James McAvoy
112 Min. FSK: ab 6 Jahren
Dt. Filmstart: 28. Januar 2010

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