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Irritation statt Provokation

03. Dec 17: FRANZÖSISCHE FILMWOCHE 2017: Regisseurin Laetitia Masson diskutierte im Panel über die Situation von Drehbuchautorinnen und präsentierte anschließend ihre arte-Serie Ein Engel verschwindet | Dobrila Kontić

Die kleine Aurore (Mélody Gualteros)

Séries chéries hieß es am Freitagabend bei der Französischen Filmwoche in Berlin: Die so betitelte Diskussionsrunde versammelte fünf Drehbuchautorinnen und Serienmacherinnen in der Galerie des Institut Français. Unter anderem sprachen Annette Hess (Weissensee), Caroline Huppert (Pour Djamila) und Gabi Krieg (SOKO Wismar) mit dem Moderator Marcus Posimski über die Produktionsbedigungen und den nach wie vor geringen Frauenanteil bei der Serien-Regie. Als selbsternannte Provokateurin und Quotengegnerin gab sich dabei Laetitia Masson, Drehbuchautorin und Regisseurin der Mini-Serie Ein Engel verschwindet (im Januar auf arte zu sehen). Viel wichtiger als der Frauenanteil, seien die Geschichten, die erzählt würden und wie sie erzählt würden, erklärte sie und verwies auf ihre Vorliebe für unpopuläre, sozialkritische Themen. Diese Haltung steigerte die Neugier auf ihre im Anschluss präsentierte Serie. Und die Ernüchterung nach der Vorstellung.

Eine Kindheit im sozialen Brennpunkt

Situiert ist die Geschichte, die Masson in Ein Engel verschwindet (ein ungünstig gewählter deutscher Titel) in der Camargue, einer Region im Süden Frankreichs, die für ihre Salzproduktion bekannt ist. Hier lebt die 10jährige Aurore (Mélody Gualteros) mit ihrer Mutter Madeleine (Sigrid Bouaziz) in einer Plattenbausiedlung. In der ärmlichen Wohnung empfängt die Mutter, einst Kosmetikerin, ihre Freier, denen auch Aurore begegnet. Während ihre Mutter anschafft, vertreibt sich Aurore die Zeit mit dem Nachbarskind Chris auf dem Spielplatz. Von Hunger getrieben hat es Aurore eines Tages auf die Kekse des ebenfalls dort spielenden Paulo abgesehen. Als dieser sich vehement weigert, versucht Aurore ihm Angst einzujagen – und erwürgt Paulo dabei. Seine kleine Schwester Maya wird Zeugin der Tat.

Der erste Patzer

Ein Schockmoment und Initialzündung für eine aufwühlende Geschichte über Schuld und Sühne könnte man meinen, aber leider geht in dieser Schlüsselszene schon einiges schief: Die Kinderdarsteller wirken unbeteiligt und der Gewaltakt ist aus so ungünstigen Winkeln gefilmt und so unbedacht zusammengeschnitten, dass sich nur Verwirrung einstellt. Und so ist man, während sich Aurore der Leiche in einem Salzsee entledigt, weiterhin eher fassungslos ob der szenischen Umsetzung als der Kaltblütigkeit dieses Akts.

Da die Arbeit mit Kinderschauspielern eine ganz eigene Herausforderung darstellt, könnte man Masson diesen Patzer vielleicht noch verzeihen, doch auch im weiteren Handlungsverlauf liegt einiges im Argen. Masson scheint stets bemüht, ihren Charakteren (vor allem den weiblichen) etwas Distinktives zu verleihen, kann damit aber den Mangel an Charaktertiefe und -motivation nicht verdecken. So ist die ermittelnde Polizistin Sandrine (Hélène Fillières) eine ungewöhnliche Mischung aus Punk, Härte und Verletzlichkeit, aber ihr angedeutetes Zerbrechen an dem Fall nicht wirklich nachvollziehbar. Noch viel weniger kommt man an Aurore heran, die wahrscheinlich verträumt und desillusioniert zugleich wirken soll, aber vor allem teilnahmslos erscheint. Dies könnte die Neugier auf die weitere Entwicklung der Figur erst wecken, wenn man nicht schon ahnen würde, dass das Skript das nicht hergeben wird.

Polizistin Sandrine (Hélène Fillières) mit der kleinen Maya

Nachdem Maya lebend gefunden wurde und der Mord an Paulo aufgeklärt ist, landet Aurore am Ende der ersten Folge in der Jugendstrafanstalt und wird nach einem Zeitsprung von 10 Jahren als junge Erwachsene entlassen. Die restlichen zwei Folgen spielen dann nochmal 10 Jahre später: Aurore (Élodie Bouchez) ist um die vierzig und führt unter einem neuen Namen mit ihrer Tochter Rose ein ruhiges Leben in Marseille. Auch Maya (Lolita Chammah), die mit ihrem Vater auf einer Pferderanch lebt (und deswegen wohl stets wie ein Cowgirl gekleidet ist), scheint sich mit dem traumatisierenden Kindheitserlebnis arrangiert zu haben. Doch die Vergangenheit holt die beiden wieder ein: Ein Journalist spürt Aurore auf und veröffentlicht einen Artikel über die Ex-Straftäterin. Während Aurores mühsam aufgebaute Existenz zerbricht, wird Maya auf unerklärte Weise von einem Rachewahn ergriffen und setzt alles daran, die nun vor der Presse flüchtende Aurore aufzuspüren.

Aurore (Élodie Bouchez) mit ihrer Tochter Rose

Gut gepitcht ist nur halb gewonnen

Was aber eine spannende Heranführung an eine notwendige Konfrontation von Täterin und Opfer-Angehöriger hätte werden können, verliert sich in Handlungslücken, dem plötzlichen Auftauchen neuer (schemenhafter) Figuren und jeder Menge Melodramatik – musikalisch entsprechend untermalt. Ein Engel verschwindet wird zugleich zur vorhersehbaren wie von völlig abstrusen Einfällen geplagten Szenenaneinanderreihung, die sich nicht zu einer interessanten oder stimmigen Geschichte zusammenfügt. Das konstant anwachsende Figurenaufgebot, nebenbei eingeflochtene, handlungstragende Informationen und erklärende Dialoge deuten darauf hin, dass Masson eine sehr viel längere Serie im Sinn gehabt haben muss, die dann aber radikal zusammengekürzt wurde.

Das tragische an dieser mangelhaften Umsetzung (mal abgesehen vom nicht sehenswerten Ergebnis) ist, dass die Idee allein durchaus Potenzial für einen spannenden Dreiteiler gehabt hätte: Sie liegt im interessanten Themendreieck aus Schuld, Sühne und Rache, mit Verweisen zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen wie dem Umgang mit jugendlichen Straftätern, Folgen von Armut, Verwahrlosung und Kindesmissbrauch. Man kann sich gut vorstellen, warum diese Idee beim Pitch auf Interesse gestoßen ist.

Doch im Ergebnis wird keine dieser Fragen hinreichend fokussiert und erkundet. Stattdessen vermengt Masson das Ganze und gibt explizite Statements durch ihre Figuren ab. Wie der Blick für solche Mängel einer erfahrenen und mehrfach bei internationalen Filmfestivals nominierten Regisseurin (etwa für Love Me und Pourquoi (pas) le Brésil) fehlen konnte, ist rätselhaft. So bezeichnete sie ihre Serie vor der Vorstellung noch als besten Film, den sie je gedreht habe. Dies ist so unzutreffend wie die Annahme, dass die Idee wichtiger sei als die Umsetzung. Ein Engel verschwindet lässt uns dies in jeder Minute spüren.

Ein Engel verschwindet (Aurore)
Frankreich 2017
Regie & Drehbuch: Laetitia Masson
Besetzung: Élodie Bouchez, Lolita Chammah, Maurice Greene, Aurore Clément, Mélody Gualteros, Hélène Fillières u.v.m.
3 Folgen à 52 Min. Ausstrahlung auf arte am 11. Januar 2018
Gesehen auf der Französischen Filmwoche

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