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Von Göttern und Luftverpestern

14. Oct 10: Die wunderbar bizarre Zeichentrickwelt des japanischen Anime-Regisseurs Hayao Miyazaki | Jana Brinckmann

Wer heutzutage an Animationsfilme denkt, hat in erster Linie aus der Talentschmiede „Computer“ produzierte Filme, wie Drachenzähmen leicht gemacht oder Ich – Einfach unverbesserlich, vor Augen, die vorzugsweise in 3D zu genießen sind. Doch fernab aller Dimensionen, die unser Filmerlebnis bis zum Erbrechen greifbar machen sollen, existiert noch die japanische Interpretation: Per Hand gezeichnete 2D Animes, die aufgrund ihrer langen Tradition zum Kulturgut geworden sind und somit bis heute die erfolgreichste Filmkategorie darstellen. Für jede Zielgruppe produziert, existieren ungefähr 13 verschiedene Genres, die von anspruchsvollen und sozialkritischen Themen, über kitschige Liebegeschichten bis hin zu gewaltintensiven Science-Fiction-Krachern alles enthalten. Das besondere an japanischen Animes ist dabei nicht nur die Liebe zu übergroßen Augen, sondern generell der feine Sinn für eine detaillierte gestalterische Fantasie einerseits und einen beängstigenden Realismus andererseits, die selbstverständlich mehr oder minder in den einzelnen Genres auftreten. Der wohl populärste Vertreter des japanischen Animationsfilms und zudem ein wahrer Meister seiner Zunft ist der 1941 in Tokio geborene Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und professionelle Manga-Zeichner Hayao Miyazaki. In seiner Zeichentrickwelt gehen die Idylle, das Chaos, die Magie, die Moderne und die Naturzerstörung Hand in Hand und vereinigen sich zu einem Spektakel sondergleichen.

Doch wer jetzt an blutige Schlachten zwischen Mensch und den Geistern der Natur denkt und den symbolischen Zeigefinger am Ende vermutet, hat nur teilweise recht. Tatsächlich drehen sich Hayao Miyazakis Geschichten hauptsächlich um das Spannungsfeld Tradition und Moderne infolge der Kehrseite der Industrialisierung, aber anstelle des mahnenden Zeigefingers, bietet er Lösungen an, auch wenn diese fiktiv bleiben. So finden sich zumeist tapfere Mädchen in einer bedrohlichen Umwelt wieder, die es gilt zu überleben oder zu retten, wie im Fall der Prinzessin Nausicaä aus dem 1984 veröffentlichten Anime Nausicaä aus dem Tal der Winde, die aufgrund menschlichen Verschuldens in einer postapokalyptischen Zeit lebt. Statt blühenden Wäldern erstreckt sich nun das Meer der Fäulnis, ein giftiger Pilzwald, über die Welt und bedroht scheinbar auch den letzten Lebensraum der Menschen. Die im wahrsten Sinne des Wortes naturverbundene Prinzessin Nausicaä stellt jedoch fest, dass dieses Meer wider erwarten Heilung für die Natur bedeutet. Doch bevor sie die freudige Botschaft verkünden kann, bricht ein erbitterter Krieg aus mit lauter stinkenden Luftschiffen…

 

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Um die Umweltzerstörung dreht sich auch Hayao Miyazakis Prinzessin Mononoke aus dem Jahre 1997, allerdings in einer sehr blutigen Form und einem fantastisch-mystischen Setting. Hier kämpfen die Tiergötter und Dämonen des Waldes, angeführt von Prinzessin Mononoke, gegen Arbeiter einer Eisenhütte, die den Wald abholzen wollen und von der machtbesessenen Herrin Eboshi angestachelt werden. Mittendrin befindet sich der verfluchte Prinz Ashitaka, der zu vermitteln versucht und dabei selbst in Lebensgefahr gerät.

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Etwas amüsanter geht es in Miyazakis bisher international erfolgreichstem und mit dem Goldenen Bären 2002 sowie mit dem Oscar 2003 ausgezeichneten Anime Chihiros Reise ins Zauberland zu. Die kleine Chihiro und ihre Eltern verfahren sich auf dem Weg in eine neue Heimatstadt und landen in einem Vergnügungspark, der augenscheinlich verlassen ist und dennoch lebendig scheint. In einem Restaurant findet das Trio ein herrlich angerichtetes Büffet, was zwar angesichts der Menschenleere seltsam wirkt, aber zumindest die Eltern nicht am gierigen Hinunterschlingen der Köstlichkeiten hindert. Chihiro schaut sich währenddessen um und trifft auf den mysteriösen Jungen Haku, der sie warnt und beschwört noch vor Einbruch der Dunkelheit den Ort zu verlassen. Doch gibt es da ein beziehungsweise zwei Probleme: Ihre Eltern sind plötzlich Schweine… Chihiro bleibt notgedrungen und findet sich bald in einer von Geistern, magischen Wesen, Göttern und Hexen bewohnten Umgebung wieder. Haku versucht sie zu beschützen und schleust die Kleine als Arbeitskraft ins Badehaus für Götter der Hexe Yubaba ein. Hier muss sie solange schuften und nicht ungefährliche Abenteuer bestehen, bis sie einen Weg gefunden hat, ihre Eltern zu befreien.

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Miyazakis aktuellstes Fantasy-Abenteuer Ponyo – Das große Abenteuer am Meer (2008) ist seit dem 16. September 2010 nun auch endlich in den deutschen Kinos zu bewundern und fällt ins Anime-Genre „Kodomo“ (jap. für „Kind“). Aber das soll nicht heißen, dass dieser Zeichentrickfilm lediglich für Kinder gedacht ist, denn die japanische Version eines Meerjungfrauen-Märchens à la Arielle, ist auch eine wahre Freude für alle Erwachsenen, die gerne eine Reise in ihre Kindheit unternehmen wollen. Das kleine goldfischähnliche Meerjungmädchen Ponyo, ist die Tochter einer wunderschönen, riesigen Meeresgöttin und eines mächtigen Zauberers. Doch ihre Neugier treibt sie in die Menschenwelt, wo sie vom gleichaltrigen Seemannssohn Sosuke, der mit seiner Mutter im Haus bei den Klippen am Ozean wohnt, gefunden wird. Ponyo verliebt sich in Sosuke, wird aber von ihrem Vater wieder zurückgeholt. Der kleine Wildfang bricht jedoch erneut aus, benutzt die Magie des Vaters um ein Mensch zu werden und sucht Sosuke. Leider hat die kleine Meerjungfrau mit dieser Aktion das Gleichgewicht der Welt außer Kraft gesetzt, weshalb Naturkatastrophen das Land heimsuchen. Ponyo und Sosuke treffen sich wieder und verlieben sich in unschuldiger Kindermanier ineinander. Dann verschwindet aber plötzlich Sosukes Mutter aufgrund des wütenden Sturms und die beiden Kinder begeben sich auf eine gefährliche Suche.

Flash is required!

Das besondere an Hayao Miyazakis Animes, die ebenfalls vielfältige Themen für Jung und Alt enthalten, ist der weiche Zeichenstil, der auch ohne große Übertreibungen überzeugt. Ob einige seiner Werke für die Leinwand per Computer nachbearbeitet wurden oder nicht, sie wirken allesamt wie aus einer anderen Zeit und haben dank techniküberfluteter Sinne einen hohen künstlerischen Wert. Die Welten sind farbenfroh und dann wieder schwarz, die Figuren strahlen trotz relativ kleiner Augen und die Geschichten entstammen einer großartigen Fantasie, was vor allem anhand der Settings sichtbar wird, die zumeist in altertümlichen Zeiten oder um das 19. Jahrhundert herum spielen, aber dennoch moderne industrielle Errungenschaften besitzen, wie insektenähnliche Luftschiffe, um den Kontrast von idyllischer Natur und einer durch die Technik verursachten Umweltverschmutzung darzustellen. Trotz geistreicher Handlungen, die so manch einen Hollywood-Blockbuster übertreffen, ist die große Animewelle in der westlichen Welt bis heute leider ausgeblieben und das zu Unrecht, denn das Repertoire an Prunkstücken für Jedermann ist gewaltig. Darum wagt den Einstieg und fangt am besten mit Hayao Miyazakis Meisterwerken an.

Nausicaä aus dem Tal der Winde (Kaze no Tani no Naushika)
Studio Ghibli-Film, Japan 1984
Regie & Drehbuch: Hayao Miyazaki
116 Min., FSK 12
Erschienen auf DVD bei: Universum Film
Dt. DVD-Start: 5. September 2005
 
Prinzessin Mononoke (Mononoke Hime)
Studio Ghibli-Film, Japan 1997
Regie & Drehbuch: Hayao Miyazaki
128 Min., FSK 12
Erschienen auf DVD bei: Universum Film
Dt. DVD-Start: 13. November 2006
 
Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no Kamikakushi)
Studio Ghibli-Film, Japan 2001
Regie & Drehbuch: Hayao Miyazaki
125 Min.
Erschienen auf DVD bei: Universum Film
Dt. DVD-Start: 19. Juni 2003
 
Ponyo – Das große Abenteuer am Meer (Gake no Ue no Ponyo)
Studio Ghibli-Film, Japan 2008
Regie & Drehbuch: Hayao Miyazaki
101 Min., Dt. Filmstart: 16. September 2010

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