Inhalt:

Die Sterne machen jetzt Disco

03. Mar 10: Nach drei Jahren melden sich Die Sterne mit „24/7“ zurück | Martin Müller

Flash is required!

Dieses Jahr scheint das Jahr der Hamburger Bands zu werden, denn nach Tocotronic haben sich auch die grandiosen Sterne aufgemacht, um uns zu zeigen, wo der deutschsprachige Musikhammer hängt. Ohne solch großes Aufhebens wie zu Tocotronics ihrem „bestes Album des neuen Jahrzehnts“ kommt nun „24/7“ daher, doch versteckt sich hierin ein größerer Coup. Bekannt als eine der Gitarrenbands mit einem tiefen Sinn für ironische Gesellschaftskritik, wie Frank Spilker und Co. mit ihrem letzten Album „Räuber und Gedärm“ aus 2006 noch bewiesen, wurden nun die Gitarren in den Hintergrund gestellt und den Disco-Beats der Vortritt gelassen: Hamburger Schule meets Disco, House und Munich Pop. Diese Symbiose ist vorzüglich gelungen, auch wenn Keyboarder Richard diesem neuen Weg nichts abgewinnen konnte und die Band verließ. Eingefleischte Die Sterne-Fans werden sich sicher auch erst daran gewöhnen müssen, aber das haben auch die Deichkind-Fans geschafft.

So ist auch der Einstieg „Life In Quiz“ gleich eine richtig schmissige Nummer mit fluoreszierenden Synthie-Klängen, Disco-Beats drunter und reichlich Echo auf die Stimme. Erstaunlich klar ist Spilkers Gesang geworden im Vergleich zur Herbheit früherer Zeiten, aber dem polierten Sound angemessen. Doch richtig tauchen Die Sterne mit „Depressionen aus der Hölle“ in die Tiefen der Disco ab: “Wohin zur Hölle / mit den Depressionen / Ich geh in die Disco / Ich will da wohnen“. Unterlegt von einem wummernden Beat, begleitet von genauso schwerem Bass verdient dieser wirklich die Attitüde „Disco“ – mit einem Augenzwinkern. Wunderbar melodisch geworden sind hingegen „Deine Pläne“ und „Wie ein Schwein“, was sich als ein echtes Highlight des Albums präsentiert. Letzteres ist untermalt von einer schweren Bassline und gar wunderlich schönen Klavierklängen, die ihrem Lieblingsthema sanfte Melancholie verleiht: „Wir fürchten, eine Welt / die uns am Leben hält / wäre ohne Sinn / und das fänden wir schlimm“. Possenreißerisch kommen „Passwort“ und „Gib mir die Kraft“ daher. Mit einfachem Text und ihrer rhythmischen Kraft haben beide vor allem inhaltlich enormen Witz als auch Biss. Ein Statement zur Gesellschaft darf da natürlich in Hinblick auf Reich und Arm auch nicht fehlen. „Die Stadt der Reichen“ überzeugt nicht nur durch textliche Versiertheit, sondern macht mit seinem fetten Bass, loopigen Beat und faszinierendem Orgelspiel richtig Spaß. Leider finden sich nur auf der Limited Edition „Himmel“ und „Ein Glück“, die beide dann doch noch die Gitarrenband durchschauen lassen. Ersteres ist mit schrammelnden Gitarren durchsetzt und in fast schon epischer Breite hingezogen. „Ein Glück“ hingegen ist eine reine Akustik-Gitarren-Nummer, gewürzt mit reichlich Sarkasmus.

Man kann sich der oberflächlichen Stimmung leichter Disco-Beats nicht verwehren und muss sich einfach dem Takt ergeben. Die Sterne sind aber zu keinem Duplikat von 2Raumwohnung geworden, auch wenn sich dieser Eindruck an manchen Stellen aufdrängt. Nein, sie haben ihren ironischen Witz nicht verloren. Eine gelungene Kombination aus Nachdenklichkeit und dem Gefühl, dennoch frohlockend die Hüften kreisen zu lassen. Irgendwie scheint diese Symbiose etwas absurd, funktioniert indes aber hervorragend. Derart funky, dass dabei eigentlich schon fast die Texte in den Hintergrund treten könnten, wenn nicht, gerahmt von lässigem Disco-Sound, die scharfen kritischen Texte Spilkers um die Verortung des Individuums, der globalisierten Gesellschaft und den Psychosen des menschlichen Daseins wären. Oder, wie es Die Sterne selbst sagen: „Du kannst es sagen / Du kannst es tanzen“.

Website von Die Sterne

24/7 von Die Sterne
Erschienen am 26.02.2010 bei Materie Records
Tourdaten:
09.04.2010 – Bremen, Stauerei
10.04.2010 – Osnabrück, Rosenhof
11.04.2010 – Düsseldorf, Zakk
12.04.2010 – Köln, Luxor
14.04.2010 – Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.04.2010 – Stuttgart, Rocker 33
16.04.2010 – Augsburg, Kantine
17.04.2010 – CH-Zürich, Exil
18.04.2010 – CH-Zürich, Exil
19.04.2010 – Freiburg, Jazzhaus
21.04.2010 – A-Wien, Wuk
22.04.2010 – A-Graz, PPC
23.04.2010 – A-Salzburg, Arge
24.04.2010 – Erlangen, E-Werk
25.04.2010 – Dresden, Beatpol
26.04.2010 – Berlin, Postbahnhof
28.04.2010 – Hamburg, Uebel & Gefährlich
14.05.2010 – A-Innsbruck, Weekender
15.05.2010 – Dingolfing, Red Box Festival
17.07.2010 – Gräfenhainichen, Melt Festival

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Musik:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: