Aus dem modischen Leben eines Paradiesvogels
20. Jul 11: Allure von Diana Vreeland – der Roman ihres Lebens | Flora Treiber
Diana Vreeland (1903-1989), ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, begeistert in ihrer Autobiografie Allure nicht nur mit hinreißend amüsanten Geschichten aus ihrem schillernden Leben, sondern ganz besonders durch ihre Herzlichkeit, ihre Stilsicherheit und durch ihren fabelhaften Sinn für Humor. Die Autobiografie erschien 1984 in Amerika und in diesem Jahr erstmalig in Deutschland. Es ist vielmehr eine Liebeserklärung an die Mode und die vielseitigen Facetten des Lebens, als ein Bericht über das Leben einer berühmten Kolumnistin und Szenengröße. Sie teilt Kindheitserinnerungen, lehrt einen, von der Landessprache eines Menschen auf seine Gesichtszüge zu schließen, und bringt einen dazu, seinem ärgsten Feind ein Champagnerkinn zu wünschen – denn nichts entstellt einen Menschen mehr.
Geboren in Paris und aufgewachsen in einer High Society Familie, genoss das geborene Fräulein Dalziel ein Leben in Saus und Braus. Schon früh war sie mit den besten Stoffen und den schönsten Kleidern vertraut. Wie viele Mädchen schwärmte auch sie für Pferde; bei Nacht stand sie auf, um ihre Spielzeugpferdchen mit Wasser zu versorgen – reizend. 1924 heiratete sie den Bankier Thomas Reed Vreeland, mit dem sie zeitweise in London, aber hauptsächlich in New York lebte. Ihre Zeit in New York war geprägt von imposanten Partys, ranzigen Kellerbars und einzigartigen Begegnungen. In ihrer Biografie erzählt sie Tragisches, etwa wie sie einst in weißen Satin-Ballerinas über drei erschossene Männer steigen musste und dabei immerzu Angst hatte, ihre Schuhe zu ruinieren, und sie verrät kleine Anekdoten, die man ohne sie niemals erfahren hätte. Denn nur sie weiß, warum der Nagellack von Revlon der beste ist und wie Coco Chanel dazu kam, ihrem berühmtesten Duft den Namen No.5 zu geben. Zu ihrem engen Freundeskreis gehörte nicht nur die geheimnisvolle Modeschöpferin, sondern auch Größen wie Andy Warhol, Oscar de la Renta und fast alle Mitglieder des britischen Königshauses. Ihre erste Arbeit in New York, eine Anstellung als Kolumnistin bei dem Magazin Harper‘s Bazaar, wurde ihr wegen ihres herrlichen Kleides einen Abend zuvor angeboten. Ist das nicht traumhaft? Diana Vreeland schwärmt von schönstem Leder, den tollsten Farben, dem Zauber einer Speisekammer und wehrt sich gegen Nostalgie, Biederkeit und überbewertete Geschäftsessen. Trotz ihrer zahlreichen Bekanntschaften, die sie insbesondere in ihrer Zeit als Chefredakteurin der amerikanischen Vogue machte, war sie ein einsamer aber glücklicher Paradiesvogel. Sie erzählt scharfzüngig, souverän und mit viel Witz von der Modewelt der 60er Jahre und insgeheim wünscht man sich, man hätte die Möglichkeit eine Nacht in dieser Zeit zu verbringen – mit schwingendem Kleid und einem kleinen Schluck zu viel. Herzzerreißend schön dankt sie ihrem Mann, der 1966 an Krebs starb, für all die Blumen, die er ihr schenkte und für das erfüllte Leben, das sie gemeinsam führten.
Allure ist eine Hommage an die Hüte der Männer, an geputzte Schuhe, leuchtende Farben, an Manieren und die Kunst des Erzählens. Diana Vreeland sprüht in diesem Buch vor Fantasie und an manchen Stellen trägt diese sie ganz weit weg, hinfort auf den Thron des Lügenbarons. Aber ist es nicht legitim für eine hübsche Geschichte ein bisschen zu schwindeln und Kleinigkeiten zu ergänzen? In diesem Fall ist es das.
| Diana Vreeland: |
| Allure – Der Roman meines Lebens |
| Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ursula Wulfekamp |
| Schirmer/Mosel Literatur, München 2011 |
| 349 Seiten, 22,80 Euro |

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