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Die lange Reise des Vampirs

08. Dec 09: Von Dracula bis New Moon - Was aus dem Vampir in der Popkultur wurde | Dobrila Kontic

Es nützt alles nichts. Wir können es mit Weihwasser, Knoblauch oder dem klassischen Pflock durchs Herz versuchen – Vampire bleiben unsterblich. Zumindest als Mythos und in Form von literarischen und filmischen Verarbeitungen verfolgt uns die Vampir-Figur seit jeher und löst mitunter eine ziemlich lukrative Welle der Faszination aus. So auch Stephenie Meyers‘ nun wirklich zwielichtige Twilight-Saga, dessen zweiter Teil derzeit zahlreiche Teenager in die deutschen Kinos lockt. Doch die Vampire, die uns Meyer in ihrer Tetralogie präsentiert, sind im Vergleich zu ihren zahlreichen Vorgängern in Film und Literatur, nur seichte Schatten ihrer selbst. Sofern sie welche haben…

Selbst eine begrenzte Auswahl der erfolgreichsten literarischen und filmischen Interpretationen des Vampir-Mythos, verdeutlicht, welch eine lange Reise der Vampir als popkulturelle Figur zurückgelegt hat. Seinen Ursprung hatte er als Sagengestalt im südosteuropäischen Raum. Seit dem 17. Jahrhundert kamen im Balkangebiet zahlreiche Geschichten über blutsaugende Nachtgestalten auf, die ganze Dörfer terrorisierten. Die Vampirgestalt musste dabei als Sündenbock für Missernten, Krankheiten und Plagen herhalten. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Aberglaube um den Vampirismus auch im westeuropäischen Raum und hielt schließlich Einzug in die englische Literatur. Nach ersten Erzählungen wie John Polidoris The Vampyre und Carmilla von Joseph Sheridan LeFanu erschien mit Bram Stokers Dracula 1897 der erste Vampirroman. Der an die Geschichte des rumänischen Heerführers Vlad III. Drăculea angelehnte Schauerroman gilt nach wie vor als die berühmteste literarische Verarbeitung des Vampirmythos. Geschildert wird darin die Geschichte des transsilvanischen Grafen Dracula, der unter dem Vorwand, ein Haus in London kaufen zu wollen, den britischen Gentleman Jonathan Harker nach Transsilvanien lockt, ihn in seinem Schloss gefangen nimmt und schließlich nach England reist, um dort nach Lust und Laune vorzugsweise jungfräulichen Schönheiten das Blut auszusaugen.

Über Jahrhunderte hinweg hat Stokers Gruselgeschichte zahlreiche Menschen unterhalten und fasziniert. Doch auch die Literaturwissenschaft scheint an diesem Werk ihr Vergnügen gefunden zu haben: Liest man Stokers Dracula unter Miteinbeziehung gängiger postkolonialer und Gender-Theorien, hat man es plötzlich mit einem rassistischen und antisemitischen Schmuddelroman voller indirekter Verweise auf brutale Entjungferungen, Oralverkehr und Nekrophilie zu tun. Diese Lesarten mögen zwar etwas übereifrig sein, doch es ist kaum von der Hand zu weisen, dass unter dem Gewand dieses viktorianischen Sittenromans eine sexuelle Ebene schlummert, die im Vampirbiss als ultimativem Penetrationsakt seinen Höhepunkt findet. Nach zahlreichen Verfilmungen, in denen unter anderem Klaus Kinski und Bela Lugosi in der Rolle des Grafen brillierten, stellte vor allem Francis Ford Coppolas Dracula-Version 1992 diese verdeckte sexuelle Thematik des Romans in den Vordergrund.

 

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Anders als in Bram Stokers Roman ist der hier von Gary Oldman grandios gespielte Graf Dracula trotz seiner Gier nach Blut ein Wesen mit menschlichen Zügen: Coppolas Vampir ist ein durch den tragischen Verlust seiner geliebten Frau gebrochener Mann, der in der von Winona Ryder gespielten Wilhelmina das Ebenbild seiner Geliebten und damit einen Ausweg aus seinem Jahrhunderte andauernden Liebesleid sieht.

Solch eine ‚Vermenschlichung‘ der Menschenleben gefährdenden Vampirfigur hatte die amerikanische Autorin Anne Rice in ihren Vampir-Chroniken schon seit den 1970ern vorgenommen. 1976 erschien der erste Teil des mittlerweile zehn Bände umfassenden Romanwerks: Interview with the Vampire. Die Vampire dieses Romans sind, anders als in der Literatur des 19. Jahrhunderts, keinesfalls eindimensionale bösartige Kreaturen, deren Blutdurst jegliche menschliche Regung übersteigt. Vielmehr befinden sie sich in einem Konflikt mit ihrer unsterblichen Existenz, fühlen emotionalen Schmerz noch viel stärker als der Mensch und dürsten nach Antworten auf die Frage nach ihrer Herkunft und ihrem Schicksal noch mehr als nach menschlichem Blut. 1994 folgte die starbesetzte Hollywood-Verfilmung des Erfolgsromans und zweierlei wurde nach Coppolas Erfolg erneut deutlich: Zum einen erwies sich der Vampirmythos nahezu als untrüglicher Garant für hohe Einnahmen an den Kinokassen. Zum anderen besticht die Vampirfigur durch einen unwiderstehlichen Coolness-Faktor, den sogar Tom Cruise für sich nutzen konnte!

 

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Gary Oldman als unfassbar attraktiver Graf Dracula, Cruise in der Rolle des nonchalanten, zynischen Lestat und später dann Wesley Snipes als eiskalter Vampir-Vampirjäger Blade in der gleichnamigen Comic-Verfilmung – die Film-Vampire der 1990er bestachen durch einen Sex-Appeal, der sich von der Faszination mit der Gleichzeitigkeit von Anziehung und Gefahr nährte. Man schien gespannt aber auch skeptisch, ob der Vampir-Mythos im 21. Jahrhundert erneut in dieser Qualität aufleben konnte.

Und tatsächlich hat der Vampir – seiner Unsterblichkeit sei es wohl zu verdanken – ins 21. Jahrhundert gefunden. Aber auf welche Weise? In Anbetracht der erfolgreichsten aktuellen literarischen und filmischen Umsetzung des Vampirmythos, kann man über die neue Gestalt des Vampirs nur staunen: Er ist ein Teenie, fährt Volvo, glitzert in der Sonne und lebt auf doppelte Weise enthaltsam – weder Menschenblut noch Sex gönnt sich Edward Cullen, die Schöpfung der mormonischen US-Autorin Stephenie Meyer. Ihre Roman-Tetralogie um die Liebe zwischen der menschlichen, allzeit hilflosen Bella Swan und einem höchst attraktiven aber ‚anständigen‘ Vampir-Jungen ist eine Teenie-Schmonzette sondergleichen und ein Betrug am einst aufregenden Vampirmythos. Doch diese Mischung aus moralisierenden Enthaltsamkeits-Predigten und platter Groschenheft-Rhetorik scheint bei vielen Lesern einen Nerv und damit ökonomisch gesehen ins Schwarze getroffen zu haben, vor allem seit sich Hollywood der seichten Kitschgeschichte angenommen hat. Seit dem 26. November ist New Moon, der zweite Teil der Twilight-Saga, in deutschen Kinos (fassungslos) zu bestaunen. Eine Woche zuvor hat er mit dem amerikanischen Filmstart bereits die Erfolge des ersten Teils überboten und prompt einen Rekord gebrochen: New Moon hat mit 72,7 Millionen Dollar das höchste Einspielergebnis am Eröffnungstag und verweist damit den bisherigen Rekordhalter The Dark Knight in die Schranken. Zu den wahrscheinlich ins Unermessliche hinauslaufenden Einnahmen an den internationalen Kinokassen werden sich natürlich auch noch die Erlöse aus den zahlreichen Merchandising-Produkten gesellen, die von Puppen hin zu Regenschirmen und Schminkkästchen reichen.

Inhaltlich gestaltet sich der Film allerdings um einiges weniger ausgeklügelt als die PR-Maschinerie um ihn herum. Während sich der Vorgänger Twilight unter der Regie von Catherine Hardwicke nicht sklavisch an die Romanvorlage hielt und dadurch einigen absurden Kitschszenen entkam, macht es sich Chris Weitz mit New Moon leichter und dem Kinogänger um einiges schwerer: New Moon ist ein unfassbar schwülstiger Film geworden, der mit langweiligen Dialogen und hölzernen Figuren in unfreiwillige Komik abdriftet. Vom Spiegel sehr treffend als „biedere Telenovela mit Spezialeffekten“ bezeichnet, erreicht er zwar die Massen, dürfte ob seiner grandiosen Einfallslosigkeit dennoch sogar eingefleischte Twilight-Fans enttäuschen.

 

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Da der nächste Teil aus der Twilight-Reihe von einem anderen Regisseur verfilmt wird, kann man ein vielleicht annehmbareres Ergebnis erwarten, aber auf eine Rehabilitierung der Vampirfigur innerhalb dieses Kinospektakels lässt sich nicht hoffen. Dennoch kann man sicher sein, dass der Vampir diese kindische Phase überleben und eine neue, hoffentlich aufregendere und überraschendere Gestalt annehmen wird. Zeit genug hat er ja.

 

Bram Stokers Dracula (Dracula)
Columbia Pictures, USA 1992
Regie: Francis Ford Coppola. Drehbuch: James V. Hart
Erschienen auf DVD bei: Columbia Tristar
 
Interview mit einem Vampir (Interview with the Vampire)
Geffen Pictures, USA 1994
Regie: Neil Jordan. Drehbuch: Anne Rice, Neil Jordan
Erschienen auf DVD bei: Warner Home Video
 
New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde (The Twilight Saga: New Moon)
Imprint Entertainment, USA 2009
Regie: Chris Weitz. Drehbuch: Melissa Rosenberg
Dt. Filmstart: 26. November 2009

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