Allein im Herbst
26. Apr 10: Hansjörg Schertenleibs Anti-Liebeskummer-Roman Das Regenorchester | Abdulla Ghani

- Donegal, Irland
„Ich hatte mir angewöhnt, jeden Tag ein paar Kilometer zu laufen, um wenigstens für eine Weile zu vergessen, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich nicht mehr ein noch aus wusste.“ Dieser zweite Satz des Romans Das Regenorchester von Hansjörg Schertenleib mag für viele Liebeskummer geplagte Menschen ein unaussprechlicher sein. Denn wenn man verlassen wurde, ist es der geistigen Verfassung unzumutbar, eine solche Aussage zu treffen, die knapp und doch so aussagekräftig ist, eben - um es mit Goethe zu bezeichnen - des Pudels Kern. Wie aber darüber hinwegkommen? Auch unser Romanheld, ein 60jähriger gestandener Mann, stellt sich die Frage und wird von der Einfachheit der Antwort überrascht und verzaubert. Doch wer jetzt denkt, ‚schon wieder so eine Lovestory…‘, der hat recht! Mit einem Unterschied: Diese Geschichte ist frei von jedem Klischee und jeder Schnulzenparade.
Der Schweizer Schriftsteller Sean wurde mit knapp sechzig Jahren von seiner Frau verlassen. Von der Frau, die mit ihm etliche Erinnerungen und Wertvolles in guten wie in schlechten Zeiten teilte, beispielsweise das gemeinsame Haus in Irlands Donegal, einen Papageien, der die akustische Nachahmung einer Toilettenspülung täglich perfektioniert und ein Hochzeitsfoto als Relikt einer längst vergessenen guten Zeit. Doch nun heißt es den Alltag neu zu gestalten und alleine durchs Leben gehen zu lernen. Eines Tages trifft er auf die scheinbar schrille und taffe 60jährige irische Lady Niamh, die ihn darum bittet, ihre bewegte Lebens- beziehungsweise Liebesgeschichte niederzuschreiben. Denn sie möchte ohne schweren Herzens und Seelenlast, die all das Ungesagte hinterließ, das Zeitliche segnen. Im Laufe der Zeit werden die beiden so vertraut miteinander, dass gemeinsame Rituale entstehen wie regelmäßige Teestunden, Filmabende und auch Krankenhausbesuche. Das Buch erzählt nun kapitelweise in Rückblenden sowohl von den Jugendtagen der Irin, als auch von den Gedanken, die der Schriftsteller an die Vergangenheit der Freundin hat und seiner fortwährenden Liebeskummerverarbeitung. Mit ihrer unvergleichbaren Art zeigt Niamh dem Schriftsteller, dass das Hier und Jetzt genossen und gelebt werden soll, dass die Musik Emotionen lenken, verstärken und ein guter Freund sein kann und dass das Zuhören der Natur den Zauber Irlands sichtbar macht. Doch kann all jenes wirklich von Schmerz und Einsamkeit befreien oder lenkt es nur zeitweilig ab?
Der mehrfach ausgezeichnete Hansjörg Schertenleib ist ein Schweizer Schriftsteller, der in Irland lebt und für seine sachlich kühle, aber nicht emotionslose, Schreibweise gelobt wird. Auch sein zuletzt veröffentlichtes Werk Das Regenorchester, welches sogar einige biografische Elemente enthält, weicht von diesem Stil nicht ab und fesselt den Leser mit schönen Bildern und einfacher Sprache, die uns eine ganz eigene Reise in das menschliche Gefühlsleben erlaubt. Kurz gesagt: Der Mann weiß, was er schreibt. Deshalb ist dieses gelungene Werk über etwas so zeitloses wie Liebeskummer, ein Muss für alle, die sich in einer ähnlichen Phase befinden und einen Compagnon suchen. Prädikat wertvoll!
| Hansjörg Schertenleib: |
| Das Regenorchester |
| Aufbau Verlag, Berlin 2008 |
| 228 S. 8,95 Euro |
Kommentieren