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Künstlerleben in 12 Boxen

08. Apr 15: Brett Morgen präsentiert mit Cobain: Montage of Heck eine sehenswerte Annäherung an die Persönlichkeit Kurt Cobain | Dobrila Kontić

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Wer damals alt genug war, um die Schlagzeilen und Fernsehberichte bewusst wahrzunehmen, kann heute kaum glauben, dass Kurt Cobains Tod schon über zwanzig Jahre her sein soll. Am 5. April 1994 setzte er seinem Leben und damit auch seiner Band Nirvana, dem musikalischen Aushängeschild der Generation X, ein Ende. In den Jahren danach erschienen zahlreiche Biografien und Dokumentationen, die sich an der Person Cobains, seiner genreprägenden Band und seinen mitunter als ‚mysteriös‘ empfundenen Todesumständen abarbeiteten – wobei seine Witwe Courtney Love ins Fadenkreuz der Verschwörungstheoretiker geriet. Fans und Journalisten wollten Kurt Cobain nicht zur Ruhe kommen lassen und waren seit seinem Tod damit beschäftigt, ihn zu einem Ikonenstatus zu erheben, den der Ruhm stets skeptisch gegenüberstehende Musiker so kaum gewollt haben mag. Mit seiner Doku-Collage Cobain: Montage of Heck leistet der mit Musikerbiografien vertraute Dokumentarfilmer Brett Morgen einen sehenswerten Beitrag zu einer würdevollen Abtragung dieser unheilvollen Mythologisierung und einer tatsächlichen Annäherung an den Künstler Cobain.

Das Mixtape aus der Hölle

Für sein Projekt erhielt Brett Morgen die volle Autorisierung der Cobain-Familie: Courtney Love und die Eltern von Kurt Cobain gestatteten ihm Zugriff auf ein umfangreiches Archivmaterial, das er in einem unscheinbaren Mietlager vorfand. Hier stieß Morgen auf zwölf Pakete, die ihm Kurt Cobains Leben und Schaffen näherbringen sollten. Er fand zahlreiche von Cobain selbst angefertigte Notizen, Skizzen, Malereien, Fotos, Skulpturen und Mixtapes – wobei eine wahrscheinlich um 1988 angefertigte, mit „Montage of Heck“ beschriftete Kassette Cobains Morgen besonders auffiel. Dieses Mixtape bestand aus einer wilden Mischung von manipulierten Radio-Aufnahmen, Demos und selbst erschaffenen Geräuschkulissen, die Morgen quasi das Tor zu Kurts kreativem Geist öffnete und seiner Doku einen Namen geben sollte. Dies ist jedenfalls die Erläuterung des Dokumentarfilmers hierzu – die Gestaltung seiner Doku zeigt aber tatsächlich, dass diese Mashup-Kreativität Cobains bleibenden Eindruck hinterlassen haben muss.

Das Kind Kurt Cobain

“Und du warst so ein süßes Kind“

Obwohl Morgens Doku uns gängige Konventionen wie die erläuternde Erzählstimme aus dem Off erspart, widersetzt sie sich nicht der Chronologie und führt uns zunächst einige rührende Videoaufnahmen aus Cobains Kindheit in den 70ern vor. Wir sehen einen blonden, aufgeweckten Jungen, der den Aussagen seiner Mutter Wendy zufolge aufgrund seiner freundlichen und fröhlichen Art äußerst beliebt war. Auch seine Schwester Kim und sein Vater Don kommen zu Wort, wobei Morgen die Menge an Interviewmaterial wohl diskret gekürzt hat, so dass wir die gegenseitigen Schuldzuweisungen der Eltern bezüglich ihrer zerbrochenen Ehe und der anschließenden Vernachlässigung Kurts nur in ihren Grundzügen erleben. Das Wesentliche wird umso deutlicher: Kurt leidet sehr unter der Trennung seiner Eltern und dem anschließenden Verlust familiärer Geborgenheit. Er entwickelt sich zu einem schwierigen Teenager, der von seinen Mitmenschen befremdet ist und – so seine Worte – „alle hasste, weil sie so verlogen waren.“ Eine vom niederländischen Grafikkünstler Hisko Hulsing angefertigte Animationssequenz zu Tagebucheinträgen Kurts visualisiert diese bittere Essenz seines Teenagerlebens aufs Eindrucksvollste: Dieser Mischung aus realistischer Zeichnung und einer aufrichtigen Erzählung Kurts über seine erste sexuelle Erfahrung und seine alles durchdringende Einsamkeit gelingt es, ein erstes klares Bild von der Persönlichkeit zu vermitteln, um die sich die Doku dreht.

Hisko Hulsings Animationssequenz

Ein Aufstieg im Fall

Morgen zeigt uns die Kurt&Courtney-Story in bislang unveröffentlichten Privataufnahmen der beiden, in denen sie zunächst als herumalberndes, drogenabhängiges Paar und später als entzückte Eltern zu sehen sind. Einige, vielleicht zu viel Zeit widmet der Film dabei den damaligen Anschuldigungen, Courtney hätte auch während der Schwangerschaft Heroin gespritzt. Im Interview kommt Courtney schließlich selbst zu Wort und äußert – wie gewohnt – Haarsträubendes über ihren damaligen Lebenswandel und die Beziehung zu Kurt. Dass ihr nicht die Schuld an Kurts Niedergang zu geben ist, ist an dieser Stelle des Films schon klar geworden – zu einstimmig fallen die Aussagen seiner Weggefährten bezüglich seiner destruktiven Persönlichkeit aus. So äußert Nirvana-Gitarrist Krist Novoselic etwa, dass die Botschaften und damit auch Ankündigungen seines Selbstmordes Kurts Kunstwerken stets deutlich zu entnehmen waren. Und doch oder gerade deswegen erfolgte für Nirvana ein unvergleichlicher Aufstieg, der mit dem Niedergang der Person Kurt Cobain zusammenfiel. Diesem Ende nähert sich Cobain: Montage of Heck behutsam und ohne allzu emotionale Schlussfolgerungen – fast so, als wolle dieser Film vermitteln, was viele bis heute nicht wahrhaben wollen: Es ist Zeit, die Person Kurt Cobain ruhen und seine Kunst für ihn sprechen zu lassen.

Auch Courtney Love kommt zu Wort.
Cobain: Montage of Heck
HBO Documentary Films, USA 2014
Regie: Brett Morgen
135 Min. Deutscher Kinostart: 09. April 2015

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