culturgut
15. Oct 09: Der Einzelgänger - "Ein einzigartig modernes Werk" (Tennessee Williams) | Martin Müller
Gemeinhin stellt man sich unter einem Einzelgänger einen Menschen vor, der sich womöglich durch Arroganz von seiner Außenwelt distanziert und somit seiner Umwelt ein Geheimnis bleibt, das durch die Distanz auch bewahrt wird. Dieses Thema greift Christopher Isherwood in seinem gleichnamigen Roman auf. Dabei eröffnet er einen anderen Blick auf einen solchen Einzelgänger, der aus seiner Sicht heraus nicht nur sich selbst beschreibt sondern auch seine Umwelt und deren Wirkung auf ihn. So bildet er einen Spiegel der Gesellschaft mit ihren Verklärungen.
In der kurzen Zeitspanne eines einzigen Tages beschreibt Isherwood George, einen 58jährigen Engländer, der in L.A. als Literaturprofessor lebt. Dabei beginnt sein Tag mit dem Erwachen und dem untrügerischen Blick in den Spiegel, wo für ihn das Erkennen anfängt. Ein Erkennen der Zeichen der Zeit, der eigenen Identität und Vergangenheit. Sofort kehren mit dem „Ich bin“ auch die Erinnerungen zurück, und es folgt ein „ohne Beziehung“. Georges Partner Jim ist gestorben und er merkt, dass er allein ist. Allein im gemeinsamen Haus erinnert er sich an die Zeit zusammen, an alte Gewohnheiten, an ein anderes Leben. Dies zeigt bereits eine Abgrenzung gegenüber seiner Umwelt, denn er ist ein Fremder, ein Exot, der aus England nach Amerika kam, und als 'Single Man', wie der Originaltitel lautet, allein inmitten eines Mittelschichtviertels mit ihren Häusern, Kindern und kleinbürgerlichem Denken lebt. Getrieben von seiner Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe und Sexualität versucht er nicht in der Vergangenheit zu verharren, sondern in der Gegenwart zu leben. Und er kämpft in all seinen Begegnungen des Tages. Ob es nun seine Studenten sind, die in ihm nicht mehr als einen Helfer für ihr eigenes Potential sehen, oder Charlotte, die ebenfalls aus England stammt, von ihrem Mann und Sohn verlassen wurde und einzig die gemeinsame Zeit mit George hat, ihre Erinnerungen und eine Sehnsucht des Gebrauchtwerdens. Zudem ist Georges Homosexualität wie eine unsichtbare Wand, die seine Umwelt benutzt, um sich ihm als Mensch nicht stellen zu müssen. Und er spielt die Rollen, die ihm zugewiesen werden, ohne dabei seinen Humor und Lebensfreude zu verlieren.
Isherwood selbst bezeichnete sich als Sexualrebell und entwickelte aus seiner Homosexualität die grundlegenden Themen der Romane, wie die Einsamkeit, die Trennung, die Vielfalt der Persönlichkeit und der Suche des Individuums nach einer Heimat. Hierin reflektieren sich auch immer die eigenen Erfahrungen. Auch er wanderte nach vielen Zwischenstationen in die USA aus, wo er 1983 starb, und fühlte sich stets fehl am Platz, insbesondere durch die aristokratisch-englische Herkunft. So zeichnet er ein Bild von einem Einzelgänger, der durch die Umwelt dazu gedrängt wird, in dem nur Aspekte aus Georges Persönlichkeit abgerufen werden, die ihren eigenen Erwartungen entsprechen. Diese unfreiwillige Einsamkeit berührt den Leser. In der Form eines neutralen und sachlichen Erzählers schlüpft Isherwood in die Rolle von George und beschreibt ihn, seine Gedanken, Empfindungen und Sehnsüchte, ohne prätentiös zu wirken, ohne die Homosexualität, die George prägt, in den Mittelpunkt zu stellen. Isherwood greift dabei nicht nur das Tabu der Homosexualität auf, sondern auch das Alter selbst. Er zeigt einen in die Jahre gekommenen Mann, der sich nach Liebe und vor allem nach Sexualität sehnt, dessen Alter sich nicht gegen das Empfinden von Lust verschließt. Entstanden in den 1960ern war der Roman mehr als tabulos und modern, doch hat er nichts an seiner Aktualität eingebüßt, auch wenn sich heute die Tabugrenzen verschoben haben. Das Buch wurde zur Grundlage des gleichnamigen Films A Single Man vom Modeschöpfer Tom Ford, der in diesem Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde. Aus diesem Anlass wurde der Klassiker vom Suhrkamp Verlag 2009 neu aufgelegt.
| Christopher Isherwood: „Der Einzelgänger“ (A Single Man) |
| Übersetzt aus dem Englischen von: Axel Kaun |
| Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991 |
| 145 Seiten, mit einem Nachwort von Gerhard Hoffmann. |
| Neu erschienen bei Suhrkamp, Verlag; Auflage: 1 (21. September 2009) |
| Übersetzt aus dem Englischen von Axel Kaun |
| 181 Seiten |
Kommentieren