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Wohin des Weges?

28. Oct 10: Die britische Coming of Age-Tragikomödie Cemetery Junction | Dobrila Kontić

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Abbiegungen, Weggabelungen, Kreuzungen – zu gerne werden diese Begriffe für die Umschreibung gewisser Momente im Leben herangezogen, in denen es gilt, eine Entscheidung zu treffen und seinem Dasein eine neue Wendung zu geben. Nur welche? Das ist die Frage, die seit jeher Generationen von jungen Menschen zwischen Pubertät und endgültigem Erwachsenendasein quält. Genau diesem Thema widmet sich die britische Coming of Age-Komödie Cemetery Junction, die das Leben dreier Twentysomethings aus einem schäbigen britischen Arbeiterviertel in den 70ern in Augenschein nimmt. Zwar liefern Ricky Gervais und Stephen Merchant mit Cemetery Junction keine innovativen Ansätze für das Coming of Age-Genre, aber mit sympathischen Figuren, witzigen Dialogen und einer ordentlichen Portion Zeitkolorit ist ihnen ein sehr charmanter und unterhaltsamer Film über die Tragikomik des Erwachsenwerdens gelungen.

„Ich will nicht so enden wie mein Dad“, denkt sich der junge Frederic ‚Freddie‘ Taylor (Christian Cooke) im Sommer des Jahres 1973, hört auf neben seinem Vater und besten Freund in der Metallfabrik zu arbeiten und fängt beim Versicherungsunternehmen ‚Vigilant‘ als Bezirksvertreter an. Fortan ist es seine Aufgabe, älteren Menschen Lebensversicherungen anzudrehen, die diese sich in den meisten Fällen nicht leisten können, leben sie doch wie Freddie im selben ärmlichen Arbeiterviertel Cemetery Junction im britischen Reading. Freddies neu erwachter Ehrgeiz wird von seinem kaltschnäuzigen Chef Mr. Kendrick (Ralph Fiennes) gefördert, von seinen Eltern und Freunden – allesamt aus dem Arbeitermilieu – jedoch kritisch beäugt. So kann vor allem Freddies rebellischer Kumpel Bruce mit seinen hochtrabenden Träumen vom eigenen Haus, einer kleinen Familie und Sorgenfreiheit nichts anfangen. Viel lieber besinnt er sich auf die Segnungen der glorreichen Jugendjahre: Abstecher in den Pub, Prügeleien und anschließende Gefängnisaufenthalte. Hin und wieder gesellt sich Freddie zwar noch zu Bruce und dem gemeinsamen tölpelhaften Freund Snork, aber das provinzielle Rebellentum will er ein für allemal hinter sich lassen. Als dann jedoch seine alte Schulfreundin Julie (Felicity Jones) wieder in der Stadt auftaucht, die sich als Kendricks Tochter und Verlobte seines Vorgesetzten Mike Ramsay entpuppt, fällt ihm die Konzentration auf die neue Arbeit sichtlich schwerer. Sie scheint Freddie besser zu verstehen als alle anderen und wirft ihm ein arabisches Sprichwort entgegen, das nachwirkt: „Wirf dein Herz vor dich hin und lauf los, um es einzufangen.“ Nur in welche Richtung er es werfen soll, weiß Freddie nicht so recht, werden ihm doch vom Job, den Erwartungen seiner Freunde und der Familie scheinbar unüberwindbare Grenzen gesetzt.

Eine Fülle von interessanten Charakteren, Beziehungsgeflechten und Einblicken in die britische Gesellschaft der Siebziger Jahre zwischen Aufbruchstimmung und Spießbürgerlichkeit, wird in Cemetery Junction vor uns ausgebreitet. Dabei wird schnell deutlich, wie liebevoll jedes Detail dieses Films ausgearbeitet wurde: Nicht nur die Ausstattung, sondern auch die Figuren, Dialoge und zentralen Themen sind perfekt aufeinander abgestimmt und vereinen sich zu einem stimmigen Ganzen, ohne allzu sehr in Stereotype zu verfallen. So gibt es zwar auf der einen Seite der sozialen Leiter den gefühlskalten Karrieristen Kendrick, doch Freddies Familie auf der anderen Seite wird als ebenso beschränkt im Hinblick auf die Möglichkeiten, das Leben auszukosten, beschrieben. Bruce‘ Rebellentum wirkt durchaus authentisch, reicht aber über die Grenzen von Reading nicht hinaus. Und zwischen allen Fronten steht Freddie als junger Mensch auf der Suche nach einem Lebensmodell, das ihn zufrieden macht aber ihm nicht gleich seinen gesamten Weg bis zum Tod vorzeichnet. Gervais und Merchant präsentieren uns damit einen kleinen, aber sehr sehenswerten, zeitlosen Film mit einer idealen Mischung aus postpubertärem und britischem Humor, bitteren und ebenso süßen Momenten, einer fabelhaften Besetzung und einem Soundtrack, der die Sehnsucht der Protagonisten bestens widerspiegelt. Anschauen und der verlorenen (oder noch zu verlierenden) Jugend lachend nachweinen!

Cemetery Junction
Columbia Pictures, Großbritannien 2010
Regie & Drehbuch: Ricky Gervais, Stephen Merchant
Hauptdarsteller u.a.: Christian Cooke, Felicity Jones, Ralph Fiennes
95 Min. Erschienen auf DVD bei: Sony Pictures Home Entertainment
Deutscher DVD-Start: 21. Oktober 2010

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