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Kein Entrinnen aus der Produktionshölle

06. Sep 16: Cell oder die Frage, wieso manche Stephen King-Verfilmungen so spektakulär missraten | Dobrila Kontić

Eigentlich sollte an dieser Stelle schon vergangene Woche eine Kritik zu Cell erscheinen, der auf dem Fantasy Filmfest in Berlin zu sehen war. Doch der Irrsinn dieser Adaption eines Stephen King-Romans warf grundlegendere Fragen auf: Wie konnten einige Stephen King-Vorlagen herausragende Filme nach sich ziehen, während andere zu absolutem Schrott verarbeitet wurden? Und wohin steuern die künftigen King-Adaptionen? Eine Spurensuche inklusive der nötigsten Worte zu Cell und gruseliger Ausblicke.

Flash is required!

Die Guten

Es gibt einige Beispiele dafür, dass Stephen Kings Romane und Erzählungen als Vorlagen nicht nur für Publikumslieblinge, sondern auch für von der Kritik gelobte Filme taugen: Man denke an Rob Reiners Stand By Me (1986) oder Frank Darabonts Die Verurteilten (1994). Sogar Regie-Legende Stanley Kubrick fand in Kings Schauer-Fiktion genügend Gehaltvolles, um 1980 mit Shining einen heute geschätzten Klassiker des psychologischen Horrors zu erschaffen. Dessen prägnanteste Bilder – wie der aus dem sich öffnenden Aufzug austretende Blutschwall oder die gruseligen Zwillingsschwestern am Ende des Ganges –

haben nicht nur tiefe Spuren im Genre-Gedächtnis und in der Popkultur hinterlassen, sondern auch in der zarten Psyche vieler Zuschauer, die diesen Film viel zu früh gesehen haben…

Man denke auch an Kathy Bates, die für ihre Rolle als krankhaft-fanatische Romanleserin im Psycho-Thriller Misery (1990) sogar einen Oscar einheimste. Ein Film, in dessen Schlüsselszene sie dem bettlägerigen James Caan mit einem Vorschlaghammer beide Fußgelenke bricht – und dies war noch die entschärfte Version der entsprechenden Roman-Szene.

Es scheint, dass Kings Romane sich vor allem dann gut als Filmvorlagen eignete, wenn psychische Abgründe, Kämpfe mit inneren Dämonen, die Überwindung vergangener Verfehlungen oder Kindheitstraumata darin im Vordergrund standen. Selbst die Verfilmung seines Romandebüts Carrie, in der das Erwachen der telekinetischen Fähigkeiten und ein teuflisches Racheszenario die Oberhand über die psychologische Tiefe gewinnen, konnte von dieser Stärke Kings profitieren.

Die Schlechten

Doch ebenso wenig wie man in Stephen Kings breitem Œuvre (nach aktuellem Stand umfasst es 55 Romane und um die 200 Kurzgeschichten) ausschließlich auf erzählerische Juwelen trifft, haben seine Werke immer gute Film-Adaptionen nach sich gezogen. Nein, manche von ihnen wurden in stümperhafte Fernsehfilme mit bestenfalls durchschnittlichen Schauspielern verwurstet, etwa die für den amerikanischen Fernsehsender ABC produzierten Mini-Serien zu Es (1990), Tommyknockers (1993) und Langoliers (1995). Während beispielsweise Es von den damaligen Fernsehkritikern noch wohlwollend aufgenommen wurde und sogar einen Emmy für seinen Soundtrack erhielt, ist die Mini-Serie heutzutage mit ihren eindimensionalen Charakteren, dem plumpen Einsatz von Close-Ups, den Handlungslücken und der unfreiwilligen Komik vieler Szenen ein gefundenes Fressen für viele Filmblogger. Hinzu kommen die üblichen Motive, die man in einer Reihe von Stephen Kings Romanen und deren Adaptionen antrifft: eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine als Ort der Handlung, in der gern jugendliche ‚Bullies‘ ihr Unwesen treiben und ihre schwächlichen Schulkameraden, häufig die Hauptfiguren, grundlos bis aufs Blut quälen. Nostalgia Critic Doug Walker findet die Wiederholung dieser Motive so ermüdend, dass er in seiner Es-Review dazu ein Trinkspiel initiiert, das einen wohl kaum nüchtern blieben ließe:

Flash is required!

Man könnte im Fall von Es den Grund für diese die Sphäre des Lächerlichen immer wieder stark tangierende Verfilmung durchaus in der Thematik sehen: Eine bösartige Entität, die in der Kanalisation lebt, vorzugsweise in Gestalt eines albernen Clowns in Erscheinung tritt und Kinder tötet – sofern man bei einer Verfilmung die Merkmale dieser Gestalt nicht etwas abstrahiert und ihre Auftritte subtil in Szene setzt, muss es plump werden. Doch es ist nicht immer Stephen Kings partieller Schwäche fürs Reißerisch-Übernatürliche und seiner Umkreisung immergleicher Motive vorzuwerfen, dass einige der Adaptionen spektakulär misslingen. Womit wir zu Cell kommen.

Die Vorlage zu Cell

2006 veröffentlichte King seinen Roman Puls, im Original Cell. Es war seine erste Romanveröffentlichung nach seinem Autounfall 1999, bei dem er sich so schwere Verletzungen am rechten Bein zugezogen hatte, dass die Ärzte dieses zunächst amputieren wollten. King konnte nach zahlreichen Operationen und intensiver Reha sein Bein zwar behalten, überlegte aber zwischenzeitlich aufgrund der anhaltenden Schmerzen mit dem Schreiben aufzuhören. Zur Erleichterung seiner Fans nahm er es wieder auf, veröffentlichte online einige Novellen und Artikel und schließlich eben Puls.

Dessen Auftakt schildert die urplötzliche Verwandlung eines Großteils der Menschheit in fremdgesteuerte, gewalttätige Wesen – ausgelöst durch einen „Puls“, den sie über ihre Mobiltelefone empfangen. Die Hauptfigur, der aus Maine stammende Comic-Zeichner Clayton Riddell, erlebt diese Verwandlung und deren apokalyptische Konsequenzen am Flughafen von Boston mit und versucht im weiteren Verlauf gemeinsam mit einer Handvoll Überlebenden zu seiner Ex-Frau und dem gemeinsamen Sohn zu gelangen. Die Presse zeigte sich von Puls zwar nicht hellauf begeistert, gestand King aber zu, mit seiner sozialkritischen Vision einer schwarmintelligenten, fremdgesteuerten Menschenart reflexionswerte aktuelle Entwicklungen aufgegriffen zu haben. Zudem wurde die Drastik des ersten Kapitels gelobt, das die Verbreitung des Pulses in prägnanten Szenen schildert. Viele fühlten sich darin an die Zombie-Filme George A. Romeros erinnert, dem Stephen King seinen Roman auch gewidmet hatte.

Misslungene Verfilmung

Nun, zehn Jahre nach Erscheinen des Romans, liegt mit Cell die Verfilmung des Romans vor und der sorgsam zusammengesetzte Trailer schreckt zunächst noch nicht ab. John Cusack in der Hauptrolle, Samuel L. Jackson (immer gern gesehen) als seinen Katastrophen-Komplizen Tom und kurze Einblicke in die drastische Eröffnungssequenz – alles zunächst gar nicht so schlecht anmutend:

Flash is required!

Doch die Szenen für diesen Trailer sind geschickt gewählt, denn Cell ist im Gesamten eine überaus zerstückelt wirkende Verfilmung, die nicht nur technische Mängel wie eine wackelige Kameraführung und einen unbeholfen wirkenden Schnitt aufweist, sondern auch an einer Handlungsführung krankt, die uninspiriert und dann wieder von Spontaneinfällen getrieben scheint. So muss fast jede auch nur im Geringsten interessant anmutende Nebenfigur, die Clayton und Tom bei ihrem Überlebenskampf begegnet, verfrüht das Zeitliche segnen – ebenso wie jeder halbwegs spannende Dialog verfrüht abgebrochen wird. Etwa, wenn in der letzten geöffneten Bar darüber philosophiert wird, ob die ‚Phoners‘ (die Smartphone-Zombies) vielleicht die nächste Evolutionsstufe repräsentieren können, in der die Individualität einem untereinander von Hass und Konflikten befreiten Menschheitsschwarm weicht – diese Szene versandet zugunsten einer langen Besäufnis-Montage zu (Augenzwinkern!) Anita Wards Disco-Hit “Ring my Bell“.

Die Smombies kommen!

Regisseur Tod Williams (Paranormal Activity 2) scheint sich gegen jeden rechten Pfad entschieden zu haben, der zumindest die Story von Cell an den sonstigen Problemen bei der Inszenierung vorbeigelotst hätte. Ein zentrales: Das Gebaren der Phoners ist unheimlich witzig geraten. Die Verwandlung in der Eröffnungssequenz zeigt hin- und herruckelnde, sich an den Kopf fassende, gegen Wände laufende, hysterisch lachende Menschen mit Schaum vorm Mund, die zwar brutal um sich schlagen und töten – aber den Zuschauer eher das irritierte Lachen als das Fürchten lehren. Später im Film sieht man sie umherlaufen wie Lemminge, die zu bestimmten Zeitpunkten in den Himmel starren und zum Reboot ihre Münder weit öffnen. Gruselig geht anders. Wirklich langweilig aber auch: Cell ist ein faszinierend missratener Film, bei dem man sich mit jeder verstreichenden Minute fragt, wie schlecht es noch werden kann – um dann doch wieder überrascht zu werden. Keine Sorge: Das Ende, bei dessen Verwirklichung das Budget schon arg aufgebraucht gewesen sein muss, bringt es auf die Spitze.

Ratlos, aber bezahlt werden sie trotzdem: Samuel L. Jackson und John Cusack in CELL

Der Weg in die Produktionshölle

Über all das müsste man sich nicht aufregen – eine weitere schlechte Stephen King-Adaption, na und? Nun, bei den ersten Nachrichten zur Verfilmung von Puls schien das Schicksal dieser wohlgesonnener zu sein: 2006 wurde verkündet, dass Eli Roth Regie führen sollte. Viele werden den Macher von Hostel und zuletzt The Green Inferno zwar ganz bestimmt nicht für die geschmackssicherste Wahl halten – aber seine Vision für die Verfilmung schien solide: Laut eigener Aussage hatte er eine Kreuzung von Romeros Dawn of the Dead in einer Blockbuster-Manier à la Roland Emmerich vor Augen, einen Film, der sich zuerst auf die schrittweise Ausbreitung des Pulses bis zum totalen Verfall der Zivilisation konzentriert, um dann zur Überlebensgeschichte von Clayton und seinen Weggefährten zu kommen. Dies wäre ein deutlicher Unterschied zu der vorliegenden Verfilmung gewesen, in der die Welt bereits unmittelbar nach der Eröffnungssequenz am Flughafen in Schutt und Asche liegt.

Doch nach nachdem Roth mit seiner Vision bei Bob Weinsteins Produktionsfirma Dimension Films, die die Verfilmungsrechte an Cell gekauft hatte, nicht punkten konnte, stieg er 2009 schließlich aus. Zu diesem Zeitpunkt lag noch immer kein fertiges Drehbuch vor und bald darauf ließ auch Dimension Films das Projekt fallen. Erst 2012 wurde es wiederbelebt, nachdem sich Richard Saperstein, ehemals gegangen wordener Produzent bei Dimension Films, der Sache angenommen und John Cusack, Samuel L. Jackson und schließlich Regisseur Tod Williams verpflichtet hatte. Adam Alleca (Last House on the Left) und Stephen King himself wurden mit dem Drehbuch beauftragt – wer die langatmige Miniserien-Neuauflage von Shining aus dem Jahre 1997 gesehen hat, weiß, dass das nicht die beste Idee war.

Und wie so oft waren diese massiven Verzögerungen und Hindernisse im Entwicklungsstadium des Films keine guten Omen: Cell kam im Juni dieses Jahres in den USA als Video-on-Demand heraus, noch bevor der Film dort in wenigen Kinos am 8. Juli startete. Kritiker zerrissen den Film, der mit der richtigen Vision, einem entsprechenden Budget und vernünftigem Drehbuch vielleicht das hätte werden können, was schon der verhunzten Adaption von World War Z vorschwebte: Ein interessanter Zombie-Blockbuster mit einer frischen Erzählprämisse.

Der neue Pennywise (Bill Skarsgard)

Nicht der letzte seiner Art

Die Verfilmung von Cell kann also letztlich als Ergebnis ungünstiger Umstände vor der Produktion betrachtet werden, als Brut der sogenannten ‚Entwicklungshölle‘, in die sich Filmstoffe begeben, für die sich kein klares Konzept und damit keine Gelder freigeben lassen, bis so viel Zeit vergangen ist, dass auch jemand ohne sonderlich klare Vorstellungen das Projekt übernehmen und zum unvermeidlichen Flop führen kann. Ein Übel, das bald erneut einen Stephen King-Stoff treffen könnte: 2017 soll eine Neuauflage von Es ins Kino kommen, über die seit 2009 geredet wird. Damals stand noch Carey Fukunaga als Drehbuchautor und Regisseur fest, der im gleichen Jahr sein vielversprechendes Spielfilmdebüt Sin Nombre vorgelegt hatte und uns vor einigen Jahren die großartige erste Staffel von True Detective bescherte. Fukunaga wollte sich bei der Neuverfilmung auf die Kreation einer abstrakteren Düsternis fokussieren, wie er damals in einem Interview mit http://collider.com/cary-fukunaga-true-detective-interview/>Collider verriet: „Ich arbeite daran, den Horror durch Spannung zu erzeugen statt irgendwelche Wesen zu visualisieren. Ich denke einfach, das wäre nicht gruselig. Was da sein könnte, die Geräusche und die Wechselwirkungen – das ist furchteinflößender als die eigentlichen Monster.“ Eine reizvolle Vision, die 2015 jäh zunichte gemacht wurde, als Carey Fukunaga wegen Unstimmigkeiten mit der Produktionsfirma New Line Cinema aus dem Projekt noch in der Vorproduktionsphase ausstieg. Später erklärte er dem Branchendienst Variety, dass die Produzenten seine Vorstellungen für den Film zu unkonventionell fanden und sich mehr Zugeständnisse an die Sehgewohnheiten des üblichen Horror-Publikums gewünscht hatten: „Sie wollten Prototypen und Schreckmomente, […] ein harmloseres, konventionelleres Drehbuch. Aber ich glaube nicht, dass man einer Stephen King mit Harmlosigkeit gerecht werden kann.“ Wenn das begriffen wird, werden wir wieder Zeuge einer guten Stephen King-Verfilmung. Bis dahin viel Spaß mit dem neuen ‚gruseligen‘ Pennywise (s. oben) aus der unbekümmert weitergereichten Es-Verfilmung.

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